Gerhild Rathke für #kkl56 „Und dann kam…“
Sommernacht
Die hier ansässige Gelsenart ist immerhin lautlos, was ein großes Plus ist. Die Lautlosigkeit garantiert, dass du zumindest in den Angriffsnächten schlafen kannst. Dafür kriegst du halt nicht mit, wie du gepiesackt wirst und bist den Biestern weitgehend schutzlos ausgeliefert, denn Autan scheint sie nicht weiter zu beschäftigten, wahrscheinlich haben sie sich den Geruchssinn abgewöhnt oder so. In der Nacht nach dem Angriff scheuerst und wetzt und kratzt du dann auf den unzähligen Stichen herum und an Schlafen ist nicht zu denken.
Es ist mitten in der Nacht und ich bin hellwach. Es hilft nichts, ich muss aufstehen und die Fenistil holen und am besten auch gleich aufs Klo gehen. Da ich nun auf bin, sind die Chancen wieder einzuschlafen allerdings noch geringer. Dazu ist es im Innenzelt zu stickig. Die morgendliche Kühle ist zwar angenehm, aber ich weiß schon jetzt, dass ich unter meinem Betttuch dann doch wieder schwitze. Außerdem ist es hier einfach zu laut. Unablässig fahren Autos die kurvenreiche Straße entlang, manchmal auch Mopeds, LKW und wahnsinnige Hupende. Offenbar muss man doch zuvor buchen, auch wenn man nur mit einem Zelt anrückt, jedenfalls wenn man nicht direkt auf der Verkehrsinsel logieren will. Der Stellplatz hier erinnert ein wenig an Camping A., wo wir im Coronajahr im hintersten Winkel des Platzes mit der Natur gerungen haben. Nur, dass hier die Käfer kleiner und die Wohnmobile größer sind. Und es raschelt vielleicht ein bisschen weniger. Dennoch ist es unerlässlich ständig in Bewegung zu bleiben, will man nicht gestochen oder von widerlichen Tierchen beim Essen gestört werden.
Apropos Essen. Hm. Seltsam ist, dass ich, wenn ich so früh aufwache, sehr hungrig bin. Seltsam ist außerdem das Rascheln im Gebüsch, das von einer Baum- oder sonstigen Ratte herrühren könnte. Seltsam ist, dass es Phasen gibt, in denen nichts so recht läuft und dass die Gegenphasen, in denen es flutscht, immer seltener werden. Seltsam ist, dass ich, wenn ich nachts aufwache, überwiegend negative Gedanken habe. Seltsam ist, dass ich offenbar die einzige bin, die in all dem Lärm nicht schlafen kann. Dennoch sollte ich mich wieder hinlegen. Wenn ich nachts nicht schlafe, dann nie mehr! Andererseits könnte ich auch gleich aufbleiben. In aller Frühe schwimmen. Außerdem ist es jedes Mal ein Kunststück ins Innenzelt vorzudringen, ohne durch das Geräusch des Reißverschlusses alle zu wecken. Obwohl: Wenn die bei diesem Geräuschpegel überhaupt schlafen, dann kann sie ein bisschen Zippen auch nicht stören.
Ich habe mich entschieden. Es lässt sich ja in diesem Klima der verlorene Nachtschlaf unmöglich tagsüber nachholen. Allenfalls könnte ich in der Hängematte schlummern, aber da ist es untertags zu heiß. Langsam zippen also, dann ist es weniger laut. Anschließend im Vorzelt stehen und mich rüsten für das noch langsamere Öffnen des Innenzelts. Also los!
Meine Güte, was ist das jetzt? Na gut, das ist wenigstens lauter als der Reißverschluss. Das Moped muss ganz in der Nähe sein. Der arme Mensch. Es stimmt also tatsächlich, was ich gelesen habe, dass die Griechen mehr Wochenarbeitszeit leisten als unsereins. Wo der wohl arbeitet? Bestimmt in Volos, wohin er jetzt pendelt. Wieso kommt er übrigens nicht vom Fleck? Hat das Moped etwas? Oder… Nein. Doch. Nein! Nun habe ich so leise wie möglich den Reißverschluss geöffnet und bin ins Vorzelt gehuscht. Aber nun? Hat es einen Sinn, mich wieder hinzulegen? Was muss der Wahnsinnige mitten in der Nacht zu mähen beginnen? Andererseits tut er das vielleicht gar nicht? Womöglich ist das Jahr einfach schon so weit fortgeschritten – entsetzlicher Gedanke! – dass es schon wieder erst spät hell wird? – Gott steh uns bei, das Jahr neigt sich dem Ende zu! – Ich will das jetzt wissen! Wieso ist hier keines der allgegenwärtigen – ah, da, die Tochter hat ihres hier liegen, gut. Sehr gut sogar, brav im Flugmodus, gutes Kind, gut erzogen, so unterm Strich. Also. Was!? Es ist tatsächlich schon halb sieben? Ja, dann aber. Dann, naja gut, dann hab ich eh sechs Stunden geschlafen. Wenn ich sechs Stunden hab, sagt Mutti immer, dann ist das ja schon was. Dann muss ich mich jetzt vielleicht gar nicht zurück auf die Matte zwingen, die natürlich niemand neu aufgepumpt hat, nachdem sie nach nächtelangem Gebrauch weicher geworden ist. Ich könnte jetzt also endlich einmal tun, was ich mir immer vornehme, und den Tag mit Gymnastik beginnen. Schwimmen. Die ersten Morgengedanken zu Papier bringen. Oh. Moment. Plötzliche Ruhe. Wie spät? 6.47. Der Bauer macht eine Pause. Soll ich zurück ins Bett? 6.49. Hm. Er ist doch noch nicht fertig. Vermutlich musste er Benzin nachschütten. Hoffentlich jagt er uns nicht alle in die Luft. Unke hin, Doppelfinger, rundherum, Doppelfinger, Unke her, Unke weg! Na gut. Dann also raus aus dem Zelt. Hier ist es angenehm. Erfrischend.
Um diese frühe Stunde schlafen alle Käfer.
Ich fange an zu verstehen, was die verrückten Youtube-Tussis aus den 5 am-Clubs an dieser Uhrzeit finden. Man fühlt sich im Halbdunkel seltsam geborgen. Gerade weicht es allerdings. Nun, da die Sonne so weit da ist, dass ich alles sehen, alles überblicken kann, bin ich ausgesetzt. Jetzt nimmt der Tag Anlauf. Nur. Das mit der Geborgenheit, das könnte man ja auch nachts um zwei haben. Und da würde es länger anhalten. Sie sind also doch verrückt und ich bin unausgeschlafen.
Soll ich nun schwimmen gehen? Oder verlasse ich mich darauf, dass ich in diesem Jahr nochmal zu früher Stunde wach werde und mich dann überwinden kann? Oder reizt es mich deswegen gerade nicht, weil es eh keine besondere Überwindung wäre. Weil das Wasser zum Beispiel so warm ist, dass man ohnehin nicht behaupten kann, man hätte Übermenschliches geleistet, sich in aller Hühnerfrühe da hineinzubegeben. Das Hauptproblem ist, dass es mich an diesem Strand ein wenig graust. Weil untertags so viele Leute da sind, dass der aufgewühlt staubige Zustand der Wasseroberfläche mit dem Schmierfilm kollektiver Sonnencremen und der Duftmix derselben schon ahnen lassen, wie post-klimakatastrophenwarm das Wasser sein wird. Was es dann auch ist. Grrr. Da sind schon wieder die negativen Gedanken. Eigentlich wäre die Wasserqualität ein Grund, jetzt schwimmen zu gehen, wenn außer mir noch niemand dort ist. Aber muss ich mich täglich beweisen? Nun hab ich ja schon eine halbe Stunde geschrieben. Das ist ja auch was. You do you, girl, sagen sie immer, die Youtube-Tussis. Aber how is you?
Ach, was soll’s. Ich glaube, you do you ist eine zu weiche Luftmatratze im gelsenfreien Innenzelt mit meiner Schlafmaske und dem Leintuch. Mit dem schlafenden Schnaufen der Familie neben und der griechischen Gelassenheit in mir, mit der es mir doch gelingen wird, mir die Gelsendippel als unumgänglichen Sommerbeweis und die Motorsense als Meeresrauschen schönzureden!
Gerhild Rathke, geboren und aufgewachsen in Villach, Kärnten, studierte in Graz Germanistik und Romanistik Lehramt. Sie arbeitet als Trainerin im Sozialbereich, ist Chorsängerin, liebt den Bauernmarkt ums Eck, England, Schweden, Italien und Wien, kocht, liest, schwimmt, schreibt und verreist leidenschaftlich gern und verschwendet zu viel Zeit auf Youtube-Videos. Im Sommer verbringt sie so viele Tage wie möglich am Meer, vorzugsweise mit dem Zelt in Kroatien und Griechenland. Rathke lebt mit ihrer Familie in Graz und Villach.
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