Ulrich Kaufmann für #kkl56 „Und dann kam…“
Wilson (Hendrik 4)
Eine Woche ist vergangen seit der erneuten Begegnung Hendriks mit dem Teufel in dessen Restaurant “Löffelstiel“. Das ein paar Häuserblocks weiter jeden Tag, außer Montag, geöffnet hat und gut besucht ist. Hendrik und Lisa machen nach dem skurrilen Erlebnis einen weiten Bogen darum.
Zwischen Lisa und Hendrik hat sich inzwischen mehr als nur Freundschaft entwickelt. Sie ist fast jeden Tag bei ihm. Kommt dann direkt nach der Arbeit. Nur am Dienstag, vor drei Tagen, hatte sie noch Betriebsversammlung und dann abends Volleyballtraining. Da es spät geworden ist, schlief sie in der eigenen Wohnung. Ist nur fünf Minuten von der Sporthalle entfernt. Zu dieser Zeit im Sommer ist bei ihm angenehmer, denn er hat einen Balkon, sie nicht.
So sind sie auch heute wieder zusammen. Sitzen Arm in Arm auf dem Balkon, die Korbsessel nebeneinander geschoben. Kurz vor halb zehn. Abenddämmerung. Der Himmel ist blutrot. Ein Glas Rotwein. Ein Windlicht flackert unter dem Glas. Romantik liegt in der Luft. Endlich Ruhe, denkt sich Hendrik, und ist überglücklich mit seiner Lisa im Arm. Keinen Gedanken mehr an den vorabendlichen Besucher.
Eigentlich wollten sie direkt, wenn Lisa von der Arbeit kommt, essen und dann um 20.00 Uhr ins Kino gehen. Der neue Bond ist angelaufen. Hendrik hatte nachmittags schon den Gulasch vorbereitet. Er hatte heute frei. Hätte es dann nur noch erwärmen und Nudeln kochen müssen.
Und dann kam … es anders, als sie es geplant hatten.
Zwei Stunden vorher ……
Es war gegen fünf. Lisa war noch nicht lange da. Er wollte anfangen, das Essen zu bereiten. Da klingelt es an der Haustür. Lisa sitzt auf dem Balkon. Ein Glas Limonade in der Hand. Sie braucht erst mal ein paar Minuten Ruhe.
„Bleib sitzen. Ich geh´ schon“, ruft Hendrik ihr aus der Küche zu und öffnet die Tür. Ein Mann so um die 50, gut sitzender grauer Anzug, schwarz glänzende Lackschuhe und eine bunte Fliege in Regenbogenfarben, Hendrik ist fasziniert von der Kombination, steht vor ihm.
„Guten Tag“, legt der Fremde sofort los,“ ich bin Wilson, der große Zampano.“
Was ist denn das für Einer? Denkt sich Hendrik. Schon wieder so´n komischer Kauz. Das nimmt ja irgendwie kein Ende.
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„Aha“. Hendrik fixiert den Mann. „Und was wollen Sie von mir?“
„Darf ich erst mal reinkommen?“
„Nein“, antwortete Hendrik konsequent und platziert sich noch breiter in die Tür. „Ich brauche keine Versicherung oder irgendeine Zeitung. Schon gar nicht an der Haustür.“
„Wir müssen ja nicht an der Haustür. Darf ich …“
„Nein hab ich gesagt. Und das heißt auch Nein.“ Langsam geht ihm der Typ mächtig auf die Nerven. Am besten einfach die Tür vor der Nase zu, und das Problem ist beseitigt. Fakten schaffen. Und schon hatte Hendrik die Tür fast geschlossen …
„Ich möchte Ihnen nichts verkaufen. Ich möchte Ihnen helfen. Kostenlos“. Warum, ist Hendrik in diesem Moment auch nicht klar, aber er macht die Tür wieder weit auf. „Wobei wollen Sie mir helfen?“
„Sie werden in letzter Zeit von einem gewissen Teufel belästigt. Der hat sich, aber das wissen Sie ja bereits, hier ganz in der Nähe mit einem Restaurant, dem Löffelstiel, niedergelassen. Ich kann Ihnen helfen, ihn los zu werden.“
„Erstens lässt der uns in Ruhe…“
„Das wird aber nicht so bleiben.“
„Zweitens sind wir zu ihm hingegangen. Ins Restaurant. Quasi aus Versehen…“
Das glauben Sie.“
„Und drittens werden wir damit schon alleine fertig“
„Das wird sicherlich nicht so sein.“
Lisa taucht in der Wohnzimmertür auf. „Was ist hier los?“
„Ach nichts, mein Schatz. Ist nur….“ Hendrik dreht sich kurz um zu Lisa. Den Moment nutzt Wilson aus, um an Hendrik und Lisa vorbei durch den Flur ins Wohnzimmer zu gelangen. Lisa schaut Hendrik fragend an. Der zuckt nur mit den Schultern, schließt die Tür und ging an dem Eindringling nach. Im Türrahmen stehen bleibend, Lisa steht nun perplex mitten im Wohnzimmer, stemmt er die Arme in die Seite und sagt mit ärgerlichem Tonfall: „So war das aber nicht gedacht. Verlassen Sie jetzt bitte umgehend meine Wohnung.“
„Setzen Sie sich doch bitte und geben mir zwei Minuten“, zeigt sie der andere hartnäckig und schiebt ein freundliches, fast flehentliches: „Bitte“, hinterher.
„Na gut. Zwei Minuten.“ Hendrik schaut ostentativ auf seine Armbanduhr. Dann zu Lisa, die zustimmend nickt. Sie lächelt und scheint gar nicht mehr so abgeneigt, Näheres von dem komischen Kauz zu erfahren.
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Er erhebt sich wieder. Möchte er jetzt doch das Weite suchen? Ganz im Gegenteil. Er reicht zunächst Lisa die Hand, Lisa schlägt ein, und dann Hendrik, der ebenso, allerdings widerwillig, den Händeschlag annimmt. „Hallo Lisa. Hallo Hendrik. Schön, dass Sie mich doch empfangen.“
„Woher kennen Sie unsere Namen?“. Lisa schaut erstaunt, etwas misstrauisch erst ihren Gegenüber, dann Hendrik an.
„Von Gott. Meinem Chef. Der weiß alles. Auch, dass Sie mittlerweile ein Paar sind. Und das ist wunderbar.“
Hendrik möchte etwas sagen, seiner Verwunderung Ausdruck verleihen, er ist inzwischen etwas überfordert mit der Situation, kommt aber nicht dazu, denn der Fremde redet sofort weiter.
„Mein Name ist ist Wilson McConner. Mein Vater war Engländer. Deshalb der Name. Früher habe ich tatsächlich Versicherungen verkauft. Hatte eine eigene Agentur. Lief ganz gut, war dann aber auf Dauer nicht das, was mich erfüllte. Dann habe ich als Küster in meiner Gemeinde angefangen. Halbtags. Der Job wurde frei. Der Alte ging in Rente. In Versicherungen habe ich auch noch gemacht. Aber nur nebenbei. Bin seit sieben Jahren geschieden. Habe eine Tochter. Ist 26 und lebt und arbeitet in New York. Als Übersetzerin bei den Vereinten Nationen. Für mich alleine brauche ich nicht viel. Hab eine kleinere Wohnung gemietet, ein sparsameres Auto. Dann reicht es zum Leben.“
„Nun kommen Sie mal zum Punkt.“ Hendrik wird ungeduldig und zeigt mit dem Finger auf seine Uhr. „Zwei Minuten.“
Lisa legt ihre Hand auf seinen Arm. „Lass ihn doch, Liebling. Ist okay.“ Und zu Wilson gewandt: „Möchten Sie etwas trinken?“
„Ein Wasser wäre nett. Danke.“ Lisa holt aus der Küche ein Glas mit Wasser und stellt es vor Wilson.
„Vor zirka drei Jahren ist dann bei meinem Küsterdienst an einem Sonntag nach dem Gottesdienst etwas Wunderbares passiert“, fuhr Wilson fort, nachdem er etwas getrunken hat. „Die Kirche war leer. Zunächst. Dann sprach mich ein Mann an. Stand auf einmal hinter mir. Weiß bis heute nicht, wo der herkam. Es war Gott. Höchstpersönlich. Habe ihm erst nicht geglaubt. Aber dann wurde, nachdem Gott sie berührt hatte, die Holzfigur am Großen Kruzifix hinter dem Altar lebendig. Öffnete die Augen, sah seinen Vater, eben Gott, an und begrüßte ihn mit den Worten : Hallo Vater, alles klar bei Dir? Dann schaute er in meine ungläubigen Augen und sagte nur : Du kannst ihm glauben. Er ist Gott. Schloss die Augen und war wieder der hölzerne, leblose Jesus wie vorher. Das war kein mieser Zaubertrick. Das wusste ich sofort.“
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„Alles schön und gut, lieber Herr Wilson. Die zwei Minuten sind um.“ Hendrik schaut erneut demonstrativ auf seine Uhr. „Wie sieht jetzt ihr Hilfsangebot konkret aus. Kurz und knapp bitte.“
„Wilson reicht. Gott hat mich, und das ist eine große Ehre, zu seinem menschlichen Helfer gemacht.“
„Und Ihnen Superkräfte verliehen?“ Die Ironie in Hendriks Frage ist nicht zu überhören. Lisa sieht in streng an. „Ich will nur wissen, wie der uns helfen möchte“, versucht sich Hendrik zu rechtfertigen.
Lisa spürt, dass von diesem Menschen eine besondere Aura ausgeht und möchte mehr erfahren. „Bitte fahren Sie fort.
„Das mit den Superkräften ist gar nicht so weit hergeholt“, wendet sich Wilson an Lisa. Er beauftragt mich, mit Leuten wie Ihnen, die mit dem Bösen in Berührung kommen, also mit dem personifiziertem Bösen, in Kontakt zu treten und zu helfen, dem widerstehen zu können und es los zu werden. Und er gibt mir die Kraft, die Resilienz, die Souveränität und Widerstandsfähigkeit, die Führung zu übernehmen.“
„Per heißem Draht mit rotem Handy?“ Hendriks spöttisches Lächeln friert auf der Stelle ein, als Lisa ihn scharf zurechtweißt. „Schluss jetzt, Liebling. Hör endlich auf damit. Lass den Mann einfach mal erzählen, ohne dass Du so einen Mist von Dir gibst.“ Das war deutlich.
„Ich kann Sie schon verstehen, Hendrik. Hab am Anfang auch gedacht, das ist irgend so ein Hochstapler, ein Spinner. Aber dann das mit dem Kruzifix.“
Da auf einmal fällt Hendrik ein, wie der Fremde sich an der Haustür vorgestellt hatte. Der große Zampano. „Wieso eigentlich der große Zampano?“ Er betont das letzte Wort deutlich, jetzt allerdings ohne einen spöttischen Unterton.
„Naja“, antwortet Wilson,“ der Zampano ist jemand, der Unmögliches möglich macht. Stammt übrigens nicht von mir. Der Chef sagte nach unserem ersten Gespräch, ich sei sein großer Zampano hier auf Erden.“
„Dann lass uns das Unmögliche möglich machen und dem Typen ordentlich in den Hintern treten.“ Hendrik ist auf einmal wie ausgewechselt, voller Tatendrang, hatte lust auf ein Abenteuer. Er schaut Lisa an, die das siegesgewisse Lächeln ihres Freundes erwidert. „Ich bin auch dabei. Let´s go“, stimmt sie ein.
Wilson hebt beschwichtigend die Arme in die Höhe. „Leute, ich muss euch etwas ausbremsen. Sorry. Nicht sofort. Wir sollten vorsichtig und gut vorbereitet vorgehen. Mit dem Teufel ist nicht zu spaßen. Der hat so einiges im Köcher. Ich komm übermorgen wieder. Dann hab ich einen Plan. Könnt euch ja auch mal Gedanken machen. Wir entscheiden dann gemeinsam. Okay?“
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Lisa und Hendrik nicken zustimmend. Möchten am liebsten gleich loslegen.
„Gibt´s eigentlich noch andere Menschen, vielleicht hier in unserem direkten Umfeld, die betroffen sind?“. Hendrik hat da eine Idee. Mehr Leute, mehr Effizienz, mehr Möglichkeiten.
„Ja, die gibt es“, antwortet Wilson.
„Und was tun die dagegen?“, möchte Lisa wissen.
„Habe sie angesprochen. Nichts. Zu viel Angst. Oder zu bequem. Das wird sich schon von alleine regeln, meinen die. Ihr seid die einzigen bisher, die was machen möchten. Es scheint auch, als wenn er sich erst mal auf dich konzentriert.“
„Sind es Leute, die wir persönlich kennen? Lisa oder ich? Sonst können wir mal mit denen…“
„Datenschutz“, hakt Wilson ein. „Darüber kann ich keine Auskunft geben.“
Aha, das gibt´s also auch in diesen Sphären, denkt sich Hendrik, als der große Zampano aufsteht und sich freundlich verabschiedet. „Bis in zwei Tagen. Der große Zampano und ihr, das Dream-Team. Das wird klasse. Da bin ich sicher“, sagt er im Türrahmen, dreht sich um und geht von dannen.
…… und wieder zurück
„Ist das vorhin wirklich passiert? Ich kann´s kaum glauben. So schräg was das.“ Lisa schaut kopfschüttelnd in den Abendhimmel. „Aber irgendwie auch cool.“
„In letzter Zeit passieren so einige Dinge, die total schräg, und auch megacool sind. Du bist mir ja auch so mir nichts dir nichts über den Weg gelaufen. Und jetzt werde ich dich nicht wieder los.“
„Pass auf, was du sagst. Bürschchen. Sonst lernste mich mal richtig kennen.“
Lisa gibt ihm einen leichten Klaps auf den Hinterkopf. Beide lachen. Ein versöhnliches Küschen.
Die Sonne geht unter. Der Tag ist zu Ende.
Teil 1 , Teil 2 , Teil 3 der Geschichte
Mein Name ist Ulrich Kaufmann. Am 14.03.1965 habe ich in Neuss das Licht der Welt erblickt. Ich bin ausgebildeter Erzieher, habe jedoch nie als solcher gearbeitet, sondern war nach meiner zweiten Ausbildung als Krankenpfleger tätig. Dem gehe ich auch aktuell noch nach.
Aus meiner ersten Ehe habe ich drei inzwischen erwachsene Söhne. Seit 2018 bin ich das zweite Mal verheiratet.
Seit 2016 lebe ich in Brandenburg an der Havel. Bis dahin war mein Wohn-und Lebensmittelpunkt der linke Niederrhein. Aufgewachsen bin ich in Düsseldorf.
Bisher habe ich noch keine Texte veröffentlicht, außer 2017 beim Bubenreuther Literaturwettbewerb. Dort allerdings keinen Siegertext gehabt. Und kürzlich im Online-Portal kkl.
Kleinere Texte, auch Lyrik verfasse ich schon mein halbes Leben.
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