Blue Umbrella

Petra Dahlemann für #kkl56 „Und dann kam …“




Blue Umbrella

Ich wähle immer den Tisch am Fenster, jeden Morgen. Der erste Kaffee im Diner ist so heiß, dass man sich die Lippen verbrennt. Besser, man lässt ihn ein paar Minuten stehen und wärmt die Finger an dem Becher. Die Nacht war kurz, voll angefangener und verworfener Bilder. Weiße Fläche, schwarze Linie, nichts, das lebte. Nun kehren die Farben zurück. Die roten Plastikstühle, der Becher mit grünem Aufdruck und an der Straßenecke Stop and Go, Feuertreppen und Yellow Caps. Passanten, ihre Schals und Hüte, ein Gesicht wie das andere. Zwei Striche, das sind die Augen, ein senkrechter Strich die Nase, aus den Mündern ein Gemurmel, das mich nicht meint.

Die Straße lese ich wieder und wieder. Ada. So nenne ich sie. Ich halte jeden Morgen nach ihr Ausschau. Früher oder später kommt sie vorbei, Tag für Tag. Wenn die Hitze auf dem Glas glüht: ihre verzerrte Silhouette im Flimmern der Luft. Mit Mütze und Schal durch wirbelnden Schnee, die Hände tief in den Taschen versenkt. Wenn Regen das Glas wäscht wie heute: ihr wippender Schritt, die dunklen Haare. Ein Schirm. Wie mein Blick ihr folgt, wie heftig ich mir dann wünschte, meinen Beobachtungsposten aufzugeben und ihr nachzugehen.

Ich hasse mich selbst, wie ich am Fenster sitze bleibe, das Bild, das ich abgebe, meine Trägheit. Menschen, wie ihre Gesichter im Regen zerfließen und still werden und ihr Bild ausbleicht, wie alle Bilder vor mir zurückweichen, in den Tagen ohne Ada. Und dann esse ich meinen Bagel und der Gedanke peinigt mich: Wenn ich den Blick über dem Teller senke, gerade dann würde sie vorbeigehen.

Jetzt blitzt etwas auf, im Augenwinkel, nicht wie der graublaue Himmel oder ein schlammiger Fluss, es ist blau, wie der Sommer in Main blau ist, wie Wasser, über das Motorboote flitzen, das leuchtende Blau einer Plakatwand. Da kommt sie, das ist Ada. Ein Gesicht, an dem jeder Gedanke abgleitet, Tropfen um Tropfen und ein blauer Schirm und Wasser ohne Punkt und Komma, ihre Gestalt, die die Straße abschreitet, als wäre sie der weiteste Horizont, als wäre der Himmel nicht schwer, als würde die Erde nun dem nassen Himmel willig entgegenkommen. Ihr fester Schritt auf dem nassen Asphalt, die Farbsplitter der Reflexionen. Ein perfekter Mund, rote Lippen, die schweren Lider über einem Blick, der noch an mir vorbeisieht.

Und jetzt werfe ich ein paar Dollar auf den Tisch, greife ich nach Hut und Mantel und nach dem Schirm mit den gebrochenen Speichen, an dem eine Seite herunterhängt wie ein lahmer Flügel und mir schlägt das Herz im Hals, sie könnte verschwunden sein, wenn ich durch die Tür bin. Ich male mir aus, wie ich ihr folge und sie an der Ecke mit dem Kiosk eingeholt haben kann. Ich könnte ihr auf die Schulter tippen und sie würde sich umwenden, kennen wir uns denn, und wie würde ihr Blick aus einer unvorstellbaren Ferne zurückschnellen und mich erfassen und ich wäre da.

Und die verschlossenen Kammern würden aufspringen und ließen die noch ungemalten Bilder frei: Ada in Mütze und Schal, die Bäume, ich sehe sie vor mir, ein mutiger, entschlossener Strich himmelwärts und ihr Gesicht darin, ernst und schön. Und die Straße bäumt sich auf, während ich den Schritt auf die erste Stufe setze und möchte mich abschütteln, bleib wo du bist, Stubenhocker, du verdienst sie nicht, nicht ihr Innehalten, nicht ihr Umwenden. Und die Uhr tickt weitere kostbare Sekunden und jetzt fliege ich förmlich hinaus, es sind doch nur ein, zwei Stufen, diesmal werde ich nicht aufgeben. Ich weiß, wo sie geht, ich sehe ihre Schritte voraus, an der Bäckerei vorbei und dem Schaufenster mit den Puppen und dem Juwelier. Ich ahne die Miene, die sie machen wird, wenn sie an den glitzernden Schätzen vorbeigeht, ohne eine Sekunde aus dem Takt zu kommen.

Die Ringe aus farbigen Lichtern um ihre Absätze, jetzt verharrt sie kurz an der Ampel und ich habe die Tür erreicht und stürze hinaus und sofort bauscht der Wind meinen Mantel, durchnässt die Hosenbeine und stülpt den altersschwachen Schirm um, während ich mich durch die Menschen kämpfe. Vorne hebt und senkt sich ein blauer Schirm. Ich setze ihr nach, Ada, jetzt rauscht das Blut durch meine Adern und die Bilder flattern auf wie ein Schwarm Vögel. Ada in schwarzem Cocktailkleid, da sind wir dann schon lange verheiratet, ein Bild voller Adas, stehend und sitzend, und wie sie in jeder Gestalt den Betrachter in den Blick nimmt, so wie mich gleich. Ada mit lilafarbenem Hut und purpurrotem Lippenstift, ich werde jede Pore sehen, jedes Fältchen in den Mundwinkeln, die feinen Ohren. Ada im Sommer, Ada in Maine und Soho, ein Park bei Nacht mit seinen Lichtern in den Kronen, und du weißt nicht, sind es die Sterne.  Morgennebelgrau im November mit schütter belaubten Zweigen vor gelblichem Himmel, das harte Licht auf einem Baumstamm, pechschwarze Silhouetten. Ada im Zwielicht, unsere verschwiegene Viertelstunde, kopfüber ins Bild. Jetzt renne ich, zwischen hupenden Taxis und Lieferwagen, ich renne mit großen Schritten, ich lasse ihn nicht aus den Augen, den blauen Schirm, den flatternden Schal. Ich sehe alles vor mir. Die grünen Augen, der Schwung der Augenbrauen, aus dem Handgelenk, hunderte Male werde ich sie malen.

Ihre verschränkten Arme und wie sie ihre Hände manchmal übereinanderlegen wird, die Schultern, das Schlüsselbein, die Drehung ihrer Hüfte. Ada im schwarzen Kleid, nie werde ich davon genug bekommen, meine Verlobte, meine Frau, meine Witwe, jetzt jage ich ihr nach. Bäume, Vögel, Häuserschluchten, und wenn alles versinkt, tritt sie umso klarer hervor. So wie jetzt, denn da verhält sie den Schritt, als hätte sie mich gehört und wendet sich um, noch trennen uns viele Autolängen, aber sie wartet auf mich. Ich treibe mit dem Regen auf sie zu und lasse sie frei, die vielen, vielen Bilder, sie flattern über uns, über Ada und mir, und da lacht sie. Die Augen offen. Jetzt fängt es an.




Petra Dahlemann, geb. 8.11.1962 in Berlin, Studium der Germanistik in Erlangen. Lebt als freie Autorin bei Augsburg und arbeitet als Bildungsreferentin. Kurzprosa und Erzählungen, Klanginstallationen, Künstlerbücher (Unikate). Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. 2.Preis beim Wiener Werkstattpreis 2024 (Publikumspreis). Mitinitiatorin von Literaturfesten und Kunstprojekten, Projekt Wunder Bar für Augsburg. 








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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