Doreen Pitzler für #kkl56 „Und dann kam…“
Wenn aus Freude Schrecken wird
Der Brief fiel aus ihren kraftlosen Händen und segelte zu Boden. Aber die junge Frau bemerkte es nicht einmal – der Schmerz und der Gedanke an den Inhalt des Briefes saßen viel zu tief.
Hatte sie richtig gelesen? Stand darin wirklich das, was sie gelesen hatte, oder war dies alles nur ein schrecklicher Traum?
„Warum nur? Warum nur Kim?“ Was hatte sie getan, um damit bestraft zu werden?
Loreen hatte ihre Worte leise gesprochen und wusste zugleich, dass es darauf keine Antwort gab.
Bauchspeicheldrüsenkrebs mit Metastasen in der Leber. Diese Worte hatten sich in ihren Kopf gebrannt und drehten sich dort wie eine Endlosschleife.
Ihre Sicht verschwamm und Loreen brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass es Tränen waren, die über ihre Wangen liefen.
Sicher war Kim nur eine Brieffreundin, aber sie kannten sich bereits seit der Schulzeit. Was mittlerweile auch stattliche 25 Jahre waren.
Früher hatte man sich noch Briefe geschrieben, denn damals gab es noch keine Handys, so wie heute.
Aus zwei wildfremden Frauen, die nicht einmal im gleichen Bundesland lebten, waren Brieffreundinnen und später sogar Freundinnen geworden.
Freundinnen, die über alles reden oder in diesem Fall schreiben konnten. Sie schrieben sich Briefe, Karten und natürlich auch Textnachrichten. Aber letzteres hatte einen weniger persönlichen Charakter.
Ein Brief dagegen machte Arbeit und war um einiges intimer. Man konnte darin persönliche Noten besser unterbringen. Zudem war es schön, einen Brief oder eine Karte im Briefkasten zu finden. Post von Kim zu erhalten zauberte Loreen immer ein Lächeln aufs Gesicht.
Vielleicht schenkten sie sich auch deswegen seit ein paar Jahren einen Postkartenkalender und jeden Monat diese Karten. Beides war zu einer Art Ritual geworden und Loreen könnte sich nicht mehr vorstellen, darauf verzichten zu müssen.
Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie an die Karten an ihrem Kühlschrank dachte. Das Briefe- und Kartenschreiben war ein wunderbares Hobby.
Mit zitternden Fingern griff Loreen nach ihrem Smartphone. Eine Weile starrte sie das dunkle Display an und spürte, wie ihr Herz dabei viel zu schnell schlug. Konnte und durfte sie Kim um diese Uhrzeit noch anrufen?
Was sollte sie ihr sagen?
Würde sie wieder in Tränen ausbrechen?
Wie lange sie so dasaß, konnte sie hinterher nicht mehr sagen, aber irgendwann war es dunkel geworden. Das Smartphone hielt sie immer noch tatenlos in ihren Händen, bevor sie letztlich beschloss, es beiseitezulegen.
Loreen fürchtete sich davor, Kim anzurufen. Weil sie nicht wusste, wie sie auf ihre Freundin und deren Gedanken und Gefühle reagieren sollte.
Wie redete man mit jemandem, der vor kurzem erst von einer Krebsdiagnose erfahren hatte?
Immerhin kam diese Krebsform fast schon einem Todesurteil gleich.
Erneut liefen ihr Tränen über das Gesicht, als sie daran dachte, dass Kim in einem Jahr vielleicht nicht mehr am Leben sein würde.
Ob Kims Mann ihr, Loreen, Bescheid sagen würde, wenn der Moment gekommen wäre?
Sie kannte Stefan nur vom Namen her und natürlich aus den Erzählungen ihrer Freundin. Er war ein guter Mann, mit dem Kim erst ein Haus gekauft und dieses mithilfe ihrer Familien aus- und umgebaut hatte.
Irgendwann hatten die beiden auch Kinder haben wollen. Dazu würde es jetzt, aufgrund dieser furchtbaren Krankheit, wohl nicht mehr kommen.
Sie nahm den Brief erneut in die Hand und begann ihn wieder zu lesen, nachdem sie das Licht eingeschaltet hatte.
Unwillkürlich legte sie die freie Hand auf ihren Bauch. Magenschmerzen hatte sie auch fast täglich und kein Arzt konnte ihr sagen, wo diese herkamen. Sogar einer Magenspiegelung hatte sie sich deswegen schon unterzogen. Nichts hatte man bei ihr gefunden.
Bis jetzt hatte Kim nie über vergleichbare Beschwerden geklagt. Mit ihrem Mann war sie erst im Urlaub gewesen und hatte anschließend mit den Schwiegereltern den Geburtstag ihres Mannes gefeiert. Wie konnte sie dann so eine fiese und heimtückische Krankheit haben?
In ihrem Brief schrieb Kim weiter, dass sie wegen eines Ziepens im Bauch zum Arzt gegangen wäre. Dieser hätte sie dann ans Krankenhaus überwiesen. Dort wären mehrere Tests durchgeführt worden, bis die schreckliche Diagnose festgestanden hatte.
Am heutigen Abend würde Loreen nicht mehr bei ihrer Freundin anrufen, so viel war für sie klar. Sie schämte sich für ihre Schwäche. In ihren Augen war ihr Verhalten mit nichts anderem als Schwäche zu erklären.
Wie würde Kim reagieren, wenn sie herausbekäme, dass Loreen auf den Anruf verzichtet hatte? Wäre sie sauer? Würde sie über ihre Krankheit reden können?
Loreen war klar, dass sie in dieser Situation fast nichts für Kim tun könnte. Sie fühlte sich unendlich hilflos. Ihr blieb eigentlich nur, für die Freundin zu beten und gemeinsam mit ihr abzuwarten. Dieser Umstand war das Schlimmste an der Sache. So beschrieb es auch Kim.
Wie es schien, war der Krebs noch frühzeitig erkannt worden. Die Ärztin hatte die Befunde an große Kliniken in Deutschland geschickt. Jetzt hieß es für alle Beteiligten warten und hoffen. Eine Heilung von dem Krebs gab es nicht. Man könnte ihn nur aufhalten.
Nachdenklich saß Loreen da und blickte zum Fenster, ohne wirklich etwas zu sehen.
Vor dem Eintreffen des Briefes war der Tag so schön gewesen. Ihr Bruder war mit seiner Tochter vorbeigekommen. Svea hatte Plätzchen gegessen und in der Wanne im Hof gebadet.
Wenn Loreen den Brief früher am Tag gelesen hätte – nun, es hätte nichts an dessen Inhalt geändert.
Seufzend dachte sie über die Worte im Brief und über ihre nächsten Schritte nach. Kim hatte über ihre Freundschaft geschrieben und ihre Dankbarkeit darüber ausgedrückt, dass sie sich kannten. Auch hatte sie erwähnt, dass sie sich immer über Post freute.
Also würde Loreen ihr einen Brief schreiben. Mitleid war unangebracht, die Freundin musste kämpfen und stark sein. Als Angehörige fühlte Loreen sich jedoch hilflos.
Sie wollte sich gar nicht ausmalen, welche Horrorszenarien Kim gerade durch den Kopf gingen.
Angst vor dem Warten, der nächsten Untersuchung, einem weiteren niederschmetternden Ergebnis.
Egal, was in der Zukunft geschehen würde, Loreen wollte für ihre Freundin da sein. Vielleicht erstmal nur mit einem Brief. Später womöglich auch mit einem Telefonat. Wenn alles gut ginge, würden sie sich sogar endlich einmal persönlich treffen. Immerhin hatten sie das schon seit langer Zeit geplant. Zuerst hatte jedoch die Fertigstellung des Hauses Priorität gehabt, denn Kim hatte es ihr zeigen wollen.
Aber was zählten Pläne in Stunden wie diesen?
Loreen stand auf und setzte sich an ihren Schreibtisch, um einen Brief an Kim zu beginnen.
ENDE
Für Kim: Höre nie auf zu kämpfen. Das Leben lohnt sich und du bist nicht alleine.
Doreen wurde 1986 in Sachsen-Anhalt geboren, wo sie auch aufgewachsen ist. Schon früh entwickelte sie eine Vorliebe für gute Geschichten und inspirierende Welten. Zu Schulzeiten verband sie diese Vorliebe mit ihrer eigenen blühenden Fantasie und begann mit den Schreiben eigener Geschichten. Heutzutage ist das Schreiben ein willkommener Ausgleich zu ihrer Bürotätigkeit.
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