DRAUSSEN

Andreas Schickentanz für #kkl56 „Und dann kam …“




DRAUSSEN

Wenn ich eines hasse, dann ist es Lärm am frühen Morgen.
Ein penetrantes Brummen presst sich rücksichtslos in meine Gehirnwindungen. Noch bevor ich entscheiden kann, ob es sich um im Anflug befindende japanische Kamikaze Flieger, oder einen Schwarm Rieseninsekten handelt, befinde ich mich schon in der lausigen Realität.

Meine halb geöffneten Lider erahnen eine Halbdämmerung, aber da sind sie schon. Wie eine angriffslustige Armee strömen sie in alle Richtungen, um den Feind gnadenlos zu bekämpfen. Der Feind: das Laub. Alle verfügbaren Kräfte müssen mobilisiert werden, als gelte es, den Herbst gleich mit abzuschaffen.

Mühsam erhebe ich mich von der Parkbank. Überraschend feucht und klamm war die Nacht, die Kälte ist mir die Knochen gekrochen.

Ich packe meine sieben Sachen, die eher wie zwei ausfallen

und beschliesse, zur Witwe zu gehen.

Zwischen sich ausbreitenden Staubwolken und den dröhnenden Laubbläsern hindurch bahne ich mir einen Weg durch den Park.

Manchmal bildet das Laub an den Rändern kleine aufgeworfene Wälle, während der Pfad im milchigen Morgenlicht glänzt.

Als ich dem Parkausgang zustrebe, sehe ich eine Hand aus einem Laubhaufen ragen. Verstohlen blicke ich mich um. Die Hand ist nicht allein, an ihr hängt ein Arm und daran ein ganzer Körper. Ich muß mit dem Fuss die Blätter etwas zur Seite schaufeln. Ein Mann mittleren Alters, auf dem Rücken liegend, die Augen sind geöffnet und starren in die Unendlichkeit des Morgenhimmels. In den Manteltaschen finde ich ein Notizbuch und einen Schlüsselbund. Als ich, um an seine Gesäßtasche zu kommen, den Körper etwas zur Seite ziehe, steht ein dunkler, hechelnder Hund vor mir, wedelt mit dem Schwanz. Ein Pfiff ertönt und er springt davon. Ich halte eine Brieftasche in den Händen, sie scheint noch warm zu sein. Eine Joggerin trabt vorbei. Dann scheint alles ruhig.

Wenig später biege ich in eine Toreinfahrt. Vor mir erstreckt sich ein länglicher Hinterhof, rechts ein paar Garagen mit Holztoren, gegenüber ein das Haupthaus verlängernder Anbau, ein Kellerabgang. Die Tür zur Waschküche ist Gott sei Dank nur leicht angelehnt. Ich verschliesse sie gut und schmeiße meine Kleider von mir. Das mit der Witwe ist eine längere Geschichte, jedenfalls kann ich hier ab und zu duschen und meine Klamotten wechseln. Die Brieftasche, das Notizbuch und den Wohnungsschlüssel lege ich in eine Plastiktüte und binde sie von innen an die Duschwand. Bald kann ich nichts mehr sehen, so dicht bildet das heisse Wasser einen Schwadenwald vor mir. Ich hasse es immer aufzuhören, in den kalten Raum treten zu müssen. Die Sachen von ihrem Mann sind mir ein bißchen zu groß, aber einer wie ich darf nicht wählerisch sein, muß nehmen was kommt. Ich möchte ihr heute ungern begegnen, rasiere mich schnell und mache mich davon.

Das Café ist so gut wie leer, trotzdem verdrücke ich mich in die

hinterste Ecke. Erst als mir die Studentin einen grossen Milchkaffee und einen Cognac vor die Nase stellt, hole ich meine Reliquien heraus. Ein guter Tag!

Einige Schein quellen mir entgegen. Quittungen, Zettelkram, eine Scheckkarte. Das Foto auf dem Personalausweis zeigt einen etwas gequält lächelnden Mann, Maximilian Batella, Jahrgang ´69. Mondlandung, schiesst es mir in den Kopf. Kurzes, helles struppiges Haar. Er sieht meinem Spiegelbild nicht unähnlich. Ich überfliege die Adresse.

Dann fällt ein kleiner Zettel aus der Börse. Ein vierstellige Nummer.

Ich muss wohl debil vor mich hin grinsen – Batella kann, … oder besser, konnte sich seine Pin-Nummer nicht merken.

Seit langer Zeit betrete ich mal wieder eine Bank, verweile ein bißchen in der Vorhalle, durch die die Menschen geschäftig rein und raus eilen. Viel Glas, viel Marmor, oder dessen Imitation. Der Kontoauszugsdrucker saugt begierig die Scheckkarte ein, öttelt zufrieden vor sich hin und spuckt sie nach kurzer Zeit wieder aus. Erst denke ich, das ist ein schlechtes Zeichen, aber dann kann ich es kaum glauben. Ich möchte mich setzen, aber hier gibt es nichts zum Setzten, studiere noch mal die zwei Belege. 7324,65 Euro. Mit einem Pluszeichen davor.

Da ich auch mal ein Teil der Gesellschaft war, mahnt mich ein innere Stimme zur Vorsicht. Da war doch irgendetwas mit Tageslimit, …

probier´s erstmal mit tausend. Allein bei der Zahl wird mir schon schwindelig.

Federleicht gleite ich durch die sich von Geisterhand öffnende Schiebetür der Sparkasse nach draussen.

Hotel Berger. Drei Sterne. An der Rezeption verlange ich ein Zimmer, für zwei, drei Tage, bilde mir ein, ich könne eine Art Geschäftsreisenden abgeben, obwohl mich später der Anblick in einen der hier zahlreiche hängenden Spiegel eines anderen belehrt.

Der unter Akne leidende Empfangsherr läßt mich einen Beleg ausfüllen und händigt mir lustlos ein Kärtchen aus.

Mal wieder ein neues Foto machen,  brummt er beim Beäugen des Ausweises. Ich mache mich fast zum Deppen, als ich nach dem Zimmerschlüssel fragen will, bevor mir einfällt, das die Erde sich dreht.

Trotzdem habe ich dann vor dem Zimmer Probleme. Endlich leuchtet ein grünes Licht und mit einem Klacken springt sanft die Tür auf. Heller Teppich, blassblaue Vorhänge, auf dem Fernsehen ein buntes Standbild, Lieber Herr Batella, wir wünschen ihnen einen schönen Aufenthalt, daneben ein aufgemaltes Glas Sekt. Ich entnehme der Minibar ein Bier, lasse es in mich hinein fließen, ziehe mich aus, schliesse die Vorhänge und gleite in frische, gestärkte Laken. Kurz vor dem Abtauchen in den Schlaf überlege ich, ob ich nicht träume.

Es dämmert schon leicht, unten auf der Strasse staut sich der Berufsverkehr. Nachdem ich noch mal ausgiebig geduscht und mir die Haare gewaschen habe, entdecke ich einen flyer, der anscheinend von dem kleinen Tisch mit dem Telefon und dem Schreibpapier gefallen ist.

Philharmonie. Ich überfliege das Programm. Es fröstelt mich – Schokastowitch. 15.Symphonie. Heute! Warum und warum heute?

Vor ein paar Stunden hatte ich aus den Augenwinkel ein second hand Kleiderladen wahrgenommen, jetzt kommt mir eine junge Frau entgegen.

Wir schliessen gleich, flötete sie aufgesetzt gut gelaunt.

Ein Jackett, murmel  ich.

Hinten rechts.

Ich eile zum Konzerthaus. Tatsächlich gibt es an der Abendkasse noch Restkarten. Oberrang, die billigen Plätze. Beziehungsweise, die nicht so ganz teurer Tickets. Ich betrete das weitläufige foyer. Gut angezogene und sich gut fühlende Menschen umgeben mich. Ich gönne mir ein sündhaft teures Glas Sekt, suche meinen Platz. Ganz oben, fast die

letzte Reihe, aber mit guter Sicht auf das Geschehen.

Schon bald strömen die Musiker auf die Bühne, richten sich ein. Ganz links die ungewöhnliche, aber für das Stück notwendige Perkussionsabteilung – Glockenspiel, Vibraphon, diverse Pauken und Schlaginstrumente. Die Posaunen ganz hinten mittig.

Der Dirigent kommt herein, Applaus brandet auf.

Und schon saust mit aller Energie das Anfangsmotiv durch die Arena, wandert durch die verschiedenen Satzgruppen.

Ich bin berauscht, noch ist reichlich Zeit bis zu meiner Stelle.

Man hört alles. Selbst die Triangel ist hier oben präsent.

Nach circa 5 Minuten kommt die erste kleine Solistenstelle in der ersten Posaune, das Fagott übernimmt.

Dann der zweite Teil, Adagio- Largo. Mystisch, dunkel, verhangen.

Das pizzicato der Streicher, meine Hände sind schweissnass.

Die  Solostelle. Nur die Tuba legt Basstöne darunter. Nicht allzu schwer, eher in der tieferen Lage. Der erste Posaunist, mein ehemaliger Kollege, kommt gut durch, sie Musik fliesst einfach weiter.

Für mich ging damals gar nichts mehr weiter. Beim Eb auf dem 3. Zug durchfuhr es mich wie der Blitz, ich dachte meine Zähne explodieren. Irgendwie kämpfte ich mich durch, spürte die Blicke. Die erstaunten, (vielleicht ist das nur Einbildung) die spöttischen. Das Konzert ging vorbei, ich vergass mein Instrument in der Umkleide, verliess fluchtartig den Ort.

Die Zahnärzte konnten nichts finden.

Das war vor … , ach, ich weiss gar nicht, einige Jahre her das Ganze. Ich fiel in ein Loch. Ein tiefes. Scheiterte an meinen Ansprüchen, fand nie mehr zurück. Der Alkohol. Die schlechten Gedanken.

Ich stürze durch das leere foyer, zwei Angestellte bei der Garderobe schauen gelangweilt auf ihre handys.

In der Nähe des Hotels suche ich ein Gasthaus auf, in dem ich nicht weiter auffalle.

Es ist nach Mitternacht, als ich das Zimmer betrete, mein Jackett über den Stuhl lege, meinen Rucksack packe, ein paar Scheine an der leeren Rezeption hinterlasse.

Draussen umfängt mich die Stille der Nacht.

Ich stecke mir das Restgeld in die Hosentasche, werfe die Börse in einen Briefkasten und mache mich auf dem Weg zum Park.




Andreas Schickentanz, 1961 in Dortmund geboren,
absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Maler und Lackierer,
bevor er anschliessend ein Hochschulstudium an der
Staatlichen Musikhochschule Köln im Fach Jazz-und Popularmusik
aufnahm und abschloss. Heute lebt als freier Posaunist in Köln.
Er schreibt schon sein ganzes Leben, seine Veröffentlichungen beschränken sich aber auf den musikalischen Bereich, d.h., CDs und ein Fachbuch.

www.andreasschickentanz.de







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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