Anita Lang für #kkl56 „Und dann kam…“
Ist das genaue Datum denn überhaupt wesentlich? Mimi Bähr findet, dass dem zu viel Bedeutung beigemessen wird. Wann jemand zur Welt kam, danach kräht in hundert Jahren kein Hahn mehr. Vom Grauballe-Mann weiß ja auch niemand, wann der geboren war, alles Nähere über seine Mutter, und so weiter. Ihn fand man im Moor und die Wissenschaft hatte ihre Freude an seinem ledernen, abenteuerlich verfärbten Körper und dem Jahrhunderte alten Rätsel, das er barg. Was ereignete sich damals und wer war er? Er hatte wohl ein hohes Image, wie es heute genannt wird.
Wir waren da beim genauen Datum und seiner Bedeutung, ob der Wichtigkeit. Mimi Bährs Gedanken wandern in philosophischen Gärten. Gleichen Wesen, die mühelose Zeitsprünge in andere Zeiten wagen. Die Reden des Sokrates. Was passierte damals mit ihr und wie war es vor dreißig Jahren? Die Gelehrten, die zur französischen Revolution anstifteten. Das Wissen um die Geschichte, ihre eigene oft wenig durchschaubare Geschichte. Und gibt es Zusammenhänge, die man in allem finden kann, die einer Prüfung auf Herz und Nieren standhalten? So wie die alten Griechen sich die Worte mit kleinen Flügeln versehen vorzustellen pflegten. So flogen ihre Gedanken weit zurück, dann wieder vorwärts, ohne sich um die Zeit zu scheren. Am besten, wir verschwenden keine Überlegung darüber, warum das so ist. Der reichhaltige Inhalt soll uns interessieren, soll das sein, was am Ende zählt. Der Augenblick, der voll erblüht, ein Erlebnis, das Erkennen, ein Genuss.
Mit jeder Person, die einen Raum betritt, ändert sich die Gruppendynamik. Eine Frau oder ein Mann betritt das Lokal Sascha. Zunächst eine Nebensache, ob sie bemerkt werden. Auffällige Menschen ziehen natürlich unverzüglich alle Blicke auf sich. Als direkt neben dem Café Sascha ein Wohnhaus niedergerissen wurde, fanden noch am selben Abend eine Handvoll Arbeiter ihren Weg in das kleine Lokal. Es hatte die Umrisse eines größeren Wohnzimmers. Sogar die Türe, deren Füllung durchsichtiges Glas war, erinnerte an die Maße, die man aus Altbauwohnungen kennt. Rechts daneben eine große Glasscheibe, durch die man von der Gasse aus hineinsehen konnte. Außer, man zog die ockergelben Vorhänge zu. Unter ihr eine hüfthohe Mauer, an der man sich so halb hinsetzen konnte, einfach lässig. Und von innen aus beobachtet werden konnte.
Wenn das Sascha leer war, stand meist Zelko, der Wirt, in der offenen Tür und rauchte eine Zigarillo. Er war klein und zart von Statur und hatte einen dunklen Rauschebart. Sein Haar war schütter, streichholzkurz, ein bisschen Glatze war zu sehen, wenn er sich nach vorne beugte. Das kam aber selten vor. Er stand also da, weil keiner da war. Scheinbar absichtslos. Dabei wusste jeder in der Nachbarschaft, dass er expandieren wollte, sobald er das Geld dazu beisammenhatte.
„Bald gehört mir die ganze Rupgergasse“, sagte er einmal, als er glaubte, die Gäste hätten genug Alkohol intus, dass sie nichts mitbekommen würden. Die Besucher aus dem Grätzl wussten auch, dass er in dem Hinterzimmer, das man auf der rechten Seite der Theke betreten konnte, schlief. Weil er keine Wohnung hatte. Einmal sagte eine seiner Cousinen, die zu Besuch war: „Das Ganze sollte man einmal desinfizieren!“
Mit den Abrissarbeiten und dem anschließenden Bau eines Wohnhauses stieg der Umsatz im Sascha. Zelko und seine Andrea boten eine Mittagsmahlzeit an. Einfach zubereitete Eintöpfe, gut gewürzt, ausgeschenkt in großen Portionen. Am Zahltag hatten die von der Baustelle ein Bündel Scheine in der Tasche und keine Lust, nach Hause zu gehen.
Auf der linken Seite, zwischen dem Eingang und der Toilettentür stand ein Billardtisch, auf dem bis spät in die Nacht gespielt wurde. Er funktionierte mit Münzeinwurf. Sobald alle Billardkugeln in den Taschen verschwunden waren, musste man wieder einen Zehner einwerfen. Dann ging es weiter.
Mimi Bähr kam an einem Abend im Frühsommer vorbei. Die letzte Tramway hatte sie an die Gasse verfrachtet, an der die Ecke schräg stand. Der Weg durch die hell beleuchtete Rupgergasse war die Direttissima zu ihrer Wohnung im ersten Stock der dritten Querstraße. Sie dachte an die Pressekonferenz, die sie soeben besucht hatte. An Small-Talk über spekulative Szenarien, ein „Könnte sein“, „Wäre gut“ und ödes Blabla, gegen das der Wetterbericht krimimäßige Spannung versprach. Auf einmal fühlte sie sich so allein. Aus dem Café Sascha drang ein wohltuender Gesprächspegel. Da schau‘ ich vorbei, dachte sie. Zielstrebig ging sie auf einen kleinen Tisch am Fenster zu und bestellte eine Gulaschsuppe. Während sie genussvoll einen Löffel nach dem anderen zum Mund führte, setzte sich plötzlich Andrea zu ihr und fragte: „Wie geht’s?“ Mimi dankte und sagte: „gut“, wie immer. Leutselig, ohne es explizit auszusprechen, verriet ihr Andrea, die Lebensgefährtin von Zelko sowie Lokalbetreiberin zu sein. An ihrem Reden war offensichtlich, dass ihr an dem Geschäftsgang und auch an den freundlichen Kontakten zu den Besuchern des Sascha viel gelegen war. Erstaunlich war, dass Mimi sich mit ihr unterhalten konnte, als wären sie lang vertraute Freundinnen. Sie blieb bis nach Mitternacht, als nur noch wenige Gäste herumsaßen. Schlenderte dann durch die stillen Gassen. Da schau‘ ich doch bald wieder vorbei, dachte sie. Mit ihr änderte sich die Gruppendynamik.
Das Beisl in der Rupgergasse war um eine Beobachterin reicher geworden. Sie wurde von den meisten als unscheinbar eingestuft, ja sogar übersehen. Generell galt auf diesem Pflaster: „Wer am lautesten ist, muss sehr wichtig sein.“ Mimi hörte zu und beobachtete genau. Gerne saß sie an der Bar, nippte an ihrem Drink. Anschließend schrieb sie präzise, mit farbigen Worten. Das, was zutraf und was ihrem tief grabenden Denkprozess entsprang.
An einem Wochentag, gegen Sonnenuntergang, betrat ein Mann in Arbeitsmontur das Lokal. Seine Kleidung war staubig, seine viel zu große Hose mit Flecken vom Teer bekleckst. Sein Haar hing strähnig herunter und verdeckte seine Ohren. Von seinem Gesicht sah man vor allem seine Augen, die groß und braun waren. Darunter ein dichter Bart. Er zog an beiden Seiten an seinen Hosenträgern und schlurfte zum ersten Tisch, den er erreichen konnte. Mimi drehte sich wieder ihrem Getränk zu und redete mit Andrea, die alle Hände voll zu tun hatte.
Irgendwann war das Geschehen nicht zu überhören. Um den Billardtisch bewegten sich der Arbeiter, den sie „Pepsch“ nannten, der im Beisl bekannte Milan sowie der zart gebaute Haberer, mit dem er meistens abhing. Milan war dunkelhaarig, modern und gab sich freundlich. Es sah so aus, als ob sie Pepsch umwarben. Sie lobten ihn, wie gut er doch spielen könne, seiften ihn ein mit viel Hoffnung auf einen baldigen Gewinn in der kommenden Runde. Pepsch war knapp daran, sich aufzulösen. Das zerraufte Haar, das ihm ins Gesicht fiel, Schweißperlen rannen über seine Nase.
„Ich muss dann nach Hause“, stammelte er in verwaschener Sprache. Dann legte er einen Schein auf den leeren Tisch. Seine Augen schienen müde und glanzlos.
„Eine Runde noch“, rief es vom anderen Tischende. „Pepsch, du bist toll.“ Mimi wunderte sich, dass er weiterspielte. Als wäre er eine Marionette und Milan und der andere die Puppenspieler. Der Billardtisch spuckte die Kugeln aus, der nächste Anstoß, das nächste Spiel. Als seine Taschen leer waren, ließen sie von ihm ab. Pepsch konnte sich kaum auf den Beinen halten. Mimi fragte sich, warum denn keiner der Zuschauer etwas sagte. Alle taten so, als wäre das so in Ordnung. Milan war Zelkos Freund und damit war alles klar. Der Geschlagene verließ das Sascha grußlos.
‚Du glaubst, du musst nur das Richtige tun, dann ist dir der Erfolg sicher‘, hatte Mimi immer gedacht. Sicher habe ich einiges in der Hand. Ich kann vieles tun, um den erfolgreichen Weg zu gehen. Dabei darf man jedoch nicht übersehen, dass es viele andere um mich gibt, die den Ausgang der Sache mitbestimmen. In einem Moment der Schwäche, eben wenn man nicht auf sich achtgibt, übernehmen andere das Steuerrad. Und das Leben hat ungezählte Möglichkeiten, es anders werden zu lassen.
An diesem späten Abend schrieb Mimi einen Leserbrief an die sehr geehrte Hausverwaltung. Sie mögen sich doch bitte schleunigst um die Rattenplage im Keller kümmern. Auch sei die Tür ihres Kellerabteils, als sie sie öffnen wollte, aus den Angeln gefallen und, durch die Feuchtigkeit des Geschoßes bedingt, morsch geworden. Die nette Hausbesorgerin habe ihr daraufhin ein anderes Abteil zugewiesen.
„Vielen Dank im Voraus für Ihre rasche Erledigung, Ihre Mimi Bähr.“
Das Sascha gründete einen Fußballverein. Mit Milan, drei seiner Spezis, Stammkunden des Beisls und Zelko als Häuptling. Sie hatten im Zehnten einen Platz ausfindig gemacht und einen Platzwart, der sie donnerstags an den Nachmittagen trainieren ließ. Gegen eine geringe Gebühr für den dort angestammten Sportverein. Ihre Augen leuchteten, wenn sie davon sprachen. Ihr erster Gegner sollte der SV Favoriten sein. In vier Wochen, an einem Sonntag. Angesichts dieses Ereignisses hatte die Freundin von Stammkunde Bodo rote Trikots besorgt, diese mit gelben Spielernummern auf den Rücken bestickt. Bodo war LKW-Fahrer und trug einen Vokuhila. Er flirtete gerne mit den Damen, war aber sonst eher treu. Zu Mimi jedoch war er ausgesprochen frech. Wie viele vor ihm, hatte er gedacht, er liest einen Geldratgeber, setzt auf Aktien, wird infolge dessen genauso reich wie der Herausgeber des Ratgebers. Mimi hatte ihn gewarnt. Für ein paar läuft es hervorragend, sie gewinnen an Kapital. Für andere hingegen, die ebenfalls das Reichwerden-Rezept befolgten, läuft es schlecht. So auch für ihn. Er fuhr weiterhin LKWs, kam irgendwie zurecht. In dieser Gesellschaft können nicht alle reich werden. Einige fallen durch den Rost. Die Finanzwelt spuckt ihre Wertpapiere einfach aus. Der Wert steigt, der Wert fällt, der gute Ruf eines Unternehmens bürgt für Gewinn oder er verliert. Wir haben es nicht in der Hand, alles in unserem Leben zu berechnen, denkt Mimi. Es gibt kein Patentrezept für ein erfolgreiches Leben.
Der Tag kam näher, an dem sie ihrem ersten Spiel entgegenfieberten. Sie luden die Trikots in den Kofferraum eines Wagens und fuhren im Konvoi los. Milan im ersten Wagen wusste, wie man den Stau, der sich in der Stoßzeit am Verkehrsknoten bildet, umfahren konnte. In der Kabine hielt Zelko eine zündende Rede von Teamgeist und Siegeswillen. Mimi machte sich auf zu den Zuschauerplätzen. Im Inneren des Stadions, wie im Auge des Sturms. Rundherum, ein riesiger Wall unter freiem Himmel, in dem sich die Mannschaften gegenüberstehen. Athleten, die auf dem heiligen Rasen ihren Ruhm geerntet haben. Man konnte ihn förmlich riechen, wenn man durchatmete. Die Zuschauerränge waren spärlich besetzt. Dicht an dicht reihten sich die grünen oder roten Plastiksitze aneinander, je nach Sektor. Dazwischen die betonierten Stufen, die von den Rängen sternförmig nach unten führten, wo das Geschehen stattfindet. Das Ereignis, das Match. Ein dreiköpfiges Kamerateam, nahe dem Ausgang, baut routiniert sein Set auf.
Das Flutlicht geht an. Imposant strahlt es, wie aus überdimensionalen Glasaugen auf die Sensationen des Tages. Eine Zeile von Metallkästen, wie Perlen. Jede einzelne wirft gleißendes Licht. Etwas Abstand, dann die nächste Zeile, entlang des obersten Ranges. Alles ist rundum erleuchtet. Ehre und Ruhm, Schande und Misserfolg. Alles in flutendem Licht. Jede spektakuläre Aktion, von unzähligen Augenpaaren verfolgt. Der SV Sascha, allen voran Milan, zieht ein. Die Menge klatscht erwartungsvoll. Zeitgleich, im Dauerlauf rückt der SV Favoriten an. Dessen Kapitän ein bekanntes Gesicht trägt. Da fährt ein Ruck durch Milans Körper, als er seinem Gegner gegenübersteht und das subtile Lächeln von Pepsch wahrnimmt.
Mit einem Spielendstand von O:11 war der SV Sascha der reinste Rohrkrepierer. Er hörte auf zu existieren, bevor er sich Mannschaft nennen konnte.
Anita Lang
publizierte Romane, Kurzgeschichten und auch einen Kurzgeschichtenband im Selbstverlag. Mit ihren journalistischen Arbeiten möchte sie geisteswissenschaftliche Themen zur Sprache bringen.
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