Das Paket

Linda Benedik für #kkl „Und dann kam“




Das Paket

Jetzt ist es schon wieder passiert!

Statistisch gesehen unmöglich, aber irgendein Gescheiter hat mal gesagt, man solle keiner Statistik trauen, die man nicht selbst gefälscht hat. Vielleicht hilft mir dieser Satz irgendwann, beim Smalltalk mit einem dieser Superschlauen, die meine Ex so gern zum Abendessen eingeladen hat.

Dafür müsste es halt auch ein Später geben. Und so, wie das da gerade ausschaut, ist das nicht unbedingt sicher.

Ich mein’, wie viel Pech kannst du haben? Wie oft schlägt der Blitz zweimal an derselben Stelle ein? Antwort: Einmal reicht. Und dann aber so richtig.

Ganz egal, ob ich nach rechts schau’ oder nach links: überall nur Wald, Moos und Gatsch.

Der Ordnung halber soll gesagt sein – weit seh’ ich nicht, weil es zappenduster ist. Es riecht nach Feuchtigkeit, Moder und Pilzen.

So ein Aufenthalt im Wald wäre ja super, wenn es ein warmer Junitag wäre und ich spazieren ginge oder ein Platzerl zum Campen suchte.

Aber nein. Ich sitze da, mitten im arschkalten Jänner, in meiner Lieblingsjogginghose und den peinlich-depperten Kuschelsocken mit der blinkenden Rentiernase, die mir Martina zu Weihnachten geschenkt hat – und habe keine Ahnung, wo ich bin.

Sogar Rudolf wirkt leicht überfordert: Sein immerwährendes Leuchten gleicht jetzt eher einem phlegmatischen Flackern. Mein Arsch ist nass und friert hier bald fest. Ein paar Minuten noch, und um eine Vasektomie brauch ich mir auch keine Gedanken mehr machen. Das freut Martina sicher. Spart sie sich das Geld für die Pille.

Eigentlich wäre das jetzt die richtige Zeit, um aufzustehen, sich an den Sternen zu orientieren – wie in diesen depperten Fernsehsendungen, wo sie Kids beibringen wollen, im Wald zu überleben.

Blöd nur, dass meine Hände hinter dem Rücken an einen Baum gefesselt sind. Und zwar ordentlich.

Trotz meines Hoodies fühle ich meine Arme kaum noch. Entweder wegen der Kälte – oder wegen der straffen Fesselkünste meiner Peiniger. Ganz kurz schießt mir ein nicht jugendfreies Bild durch den Kopf, aber sogar mir ist das angesichts der Gesamtsituation zu makaber.

Über mir schuh-schuh’t eine Eule oder irgendein Nachtvogel. Im Dickicht raschelt es laut – für ein Mauserl zu viel. Obwohl ich Jäger sonst für versoffene Sauschädel halte und nicht gerade traurig bin, wenn einer vom Hochstand kippt, käme mir einer jetzt gelegen.

Das ganze Drumherum würde fast allen meinen Freunden schon einen Herzzickzack bescheren – mir ist es fast wurscht. Denn das, was mich wirklich in Panik versetzt, ist das Paket, das so gekonnt zwischen meinen Beinen platziert wurde. Wieder ein Paket.

Das erste lag damals auf den Stufen zum Revier. Keine Fingerabdrücke, keine Briefmarke, kein Absender. Säuberlichst an mich adressiert. Die Handschrift so fein, zart und fragil wie eine Hochzeitseinladung – krasser Gegensatz zum Inhalt.

Ein Foto. Kein Mordopfer. Kein Porno. Ein Kindergesicht. Verzerrt, schlechte Qualität. Achtziger oder Neunziger. Jedes Foto sah damals so aus. Gleicher Haarschnitt, gleiche Kleidung – gab ja nur ein Geschäft im Umkreis. Aber ihr Blick – da war was.

Ich hab Paket und Bild damals erst mal für mich behalten. War ja an mich adressiert. Eigene Recherche. War ein Fehler. Ressourcenentfremdung. Dann kam die Untersuchung. Dann der Satz, man müsse mich gehen lassen. „Es täte ihnen sehr leid. Aber man könne sich nicht mehr auf mich verlassen.“

Natürlich habe ich weiter nach dem Mädchen auf dem Foto gesucht. Lange Zeit. Irgendwann habe ich erst die Suche, dann mich aufgegeben.

Bis der neue Brief kam. Keine Marke, kein Absender. Nur mein Name. Die gleiche Handschrift wie damals. Das gleiche Büttenpapier. Zierlich wie ein Wimpernschlag:

Schon aufgegeben?
Zu wenig interessant für dich?
Parkplatz hinterm Forstweg.
Da, wo du das erste Mal eine geraucht hast.
Lass mich dich erlösen.

Ich wusste, was gemeint war.

Jetzt bin ich hier. Allein. Hab gewartet. Nichts gesehen.
Dann wurd’s schwarz.

Das Paket ist geöffnet. Der Deckel nur angelehnt. Ich könnte reinschauen.
Ich tue es nicht. Noch nicht.

Denn da ist ein Geräusch.
Hinter mir.
Leises, langsames Atmen.

Und dann spricht sie.

Nicht laut. Nicht sanft. Nicht fremd.

„Willkommen zurück, Stefan.“

Ich schließe die Augen. Es macht keinen Unterschied.
Ich kenne die Stimme. Oder glaube, sie zu kennen. Älter. Tiefer. Aber sie weiß, wo ich war. Was ich getan hab. Was ich nicht getan hab.

„Hast du es gesehen?“, fragt sie.
Ich antworte nicht.
Sie lacht. Kein Kichern, kein Spott – nur Lächeln im Ton.

„Ich hab dir noch gar nicht gesagt, dass du’s aufmachen sollst. Aber du willst es. Gib’s zu.“

Ich will nicht. Ich schwör’s.
Aber sie hat recht.

Dann wird es still.
Zu still.

Ich höre, wie sie näherkommt.
Sehe nichts.
Fühle nur, dass meine Schultern nicht mehr kalt sind.
Da steht jemand hinter mir. Wahrscheinlich sie.

Und dann flüstert sie noch einmal. Ganz leise. Ganz nah.

Ich versuche mich umzudrehen – stoße den Karton um. Er kippt sofort.
Etwas Dünnes flattert mir in den Schoß.

Das Foto erkenne ich sofort wieder. Aber diesmal ist der Ausschnitt größer. Originalgröße. Nicht reingezoomt. Die Qualität besser.

Und da erkennt man die Gesichter gleich besser.
Außer das des Mädchens. Das hat jemand ausgekratzt. Das ganze Gesicht durchgestrichen.

Und der Bub mit dem Topfhaarschnitt. Den kenn ich.

„Du hast mich vergessen, Stefan. Ich nicht dich. Ich weiß, was du warst – und was du bist. Ich warte schon so lange.“










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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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