Erich Romberg für #kkl56 „Und dann kam…“
Essay über die Schwierigkeit, seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden
Es gibt Begriffe, die etwas in mir auslösen. Es ist gleichgültig, in welcher Sprache diese Begriffe erscheinen. Es sind substantielle Wörter, die das Leben an sich ansprechen.
Zeit, Vergänglichkeit und Eitelkeit sind Triebkräfte des menschlichen Seins. Eng sind sie miteinander verwoben, allein schon deshalb, weil sie in uns Menschen so häufig Verdrängungsmechanismen auslösen. Vergänglichkeit ist kausal mit Eitelkeit verknüpft, mithilfe der Zeitvariablen, funktional abhängig. Unsterbliche wären nicht eitel, weil sie nicht mehr zeitabhängig sind und diese drei Begriffe keine Bedeutung mehr haben. Unsterbliche wären völlig desillusioniert. Für mich gilt daher die Maxime, mein Leben so auszurichten, dass ich der Vergänglichkeit des Lebens, meines Lebens, Rechnung trage. In kurzen Zeitskalen gesehen macht Sterben erst Erneuerung möglich. Allein wenn ich an meine Kinder denke, sehe ich, dass es richtig so ist. Jahreszeiten sind eine Metapher für Vergänglichkeit und Erneuerung.
In astronomischen Zeitskalen muss man aber akzeptieren, es geht um nichts weniger als die Vergänglichkeit des Seins an sich. Damit gibt es nach menschlichem Ermessen zu irgendeiner Zeit, sagen wir, am Ende von Zeit, auch keine Erneuerung mehr. Der natürliche Partner des Sterbens stirbt also am Ende von Zeit.
Wenn ich darüber nachdenke, überkommt mich tiefste Demut. Da gibt es keinen Platz für Eitelkeit. Aus der hohen Wahrscheinlichkeit eines Zeitenendes folgt für mich die Sinnlosigkeit der Eitelkeit. Ich stelle an mich den Anspruch, nicht der Eitelkeit zu verfallen, weil es sinnlose Zeitverschwendung ist. Zeit verschwenden ist die größte Sünde am Sein und eine große Torheit.
Soweit die Theorie.
Praktisch aber stecke ich in einem menschlichen Körper, der in einem Staat lebt, zusammen mit anderen Menschen im Großen und Kleinen, mit diesem Staat auf einem Erdteil und damit auf einem Planeten, der mit irrwitziger Geschwindigkeit durch das Weltall rauscht, so dass einem schwindlig werden kann. Dieses Feinstaubkörnchen, das ich einmal „ICH“ nennen möchte, denkt über das Ende der Raumzeit nach. Welche Auswirkungen hat das auf Raum und Zeit, und welche auf dieses Feinstaubkörnchen. Ich denke, die erste Frage lässt sich leicht beantworten, die zweite aber nur schwer bis gar nicht.
Ich muss über mich nachdenken und damit habe ich große Probleme, besonders wenn ich nach meiner eigenen Maxime leben möchte. Ich habe vor einer ganzen Weile damit begonnen, mich selbst zu beobachten. Über andere Menschen kann man sich leicht ein Urteil bilden, man sieht immer nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben dieser Menschen. Ob das Urteil gut, schlecht oder indifferent ausfällt, entscheidet sich oft zufällig, je nachdem welchen Lebensausschnitt dieses Menschen man zu Gesicht bekommt. Trifft man diesen Menschen häufiger, wird dieses erste Urteil entweder bestätigt oder revidiert. Man hat Menschen gerne in einer übersichtlichen Schublade, mehr Arbeit möchte man sich in den meisten Fällen gar nicht machen, wir haben nur gerne eine Übersicht.
Mit sich selbst aber ist man ständig zusammen. Der einfachste Weg des Zusammenlebens mit sich selbst ist, alles für gut und richtig zu halten, was man denkt oder tut. Damit vermeidet man Selbstreflektion, die dann auch zu Ergebnissen führen kann, die einem nicht wirklich gefallen. Einer der größten Mängel unserer Zeit ist die exponentielle Zunahme der Unfähigkeit zur Selbstreflektion. Das ist eine besonders folgenschwere Form der Eitelkeit. Für jedes noch so komplexe Thema muss es einfache Lösungen geben, und man folgt dem, der sie verspricht, der diese Versprechen aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht halten kann. Bis das aber offenbar wird, haben die Gesellschaften bereits einen irreversiblen Schaden genommen, denn dieses Phänomen ist global. Wir müssen also daran arbeiten, diesem Unwesen entgegen zu wirken. Dabei fängt man am besten bei sich selbst an.
Bei der Selbstbeobachtung ist mir aufgefallen, dass ich hin und wieder in die Sünden der kleinen Eitelkeiten rutsche. Ich gehe natürlich nicht mit nach innen gerichtetem Blick durch die Welt. Diese Sünden fallen mir nicht auf, während ich sie begehe. Man entdeckt sie erst bei der Selbstreflektion. Sie kommen meist recht harmlos daher und man erkennt nicht sofort den Anteil der Eitelkeit, aber, man soll ja den Anfängen wehren. Ohne mich hier allzu sehr in Details zu verzetteln, möchte ich ein Beispiel nennen:
Ich rechne meinem Sohn für die Vorbereitung einer Klassenarbeit eine Mathematikaufgabe vor und fühle mich gut dabei; das ist pure Eitelkeit. Da die Mathematik zu meinem Beruf gehörte, sollte es selbstverständlich sein, dass ich ihm das vorrechnen kann. Im Gegenteil neige ich dann zur Verkomplizierung des Problems durch Vortragen von Details, die er in seiner Stufe noch gar nicht wissen muss. Diese kleine Eitelkeit habe ich erkannt und kann sie abstellen.
Diese oder ähnliche Sünden muss man erkennen lernen, wenn man hohe theoretische Ansprüche an sich selber stellt. Eine Maxime ist schon ein sehr hoher Anspruch.
Ich habe aber ein einfaches praktisches Mittel, um die Ansprüche an mich selbst öfter zu erfüllen. Ich denke an das Feinstaubkörnchen mit dem Namen ICH, dass durch das Weltall rast. Die Demut bei diesem Gedanken sagt mir: Halte dich selbst nicht für so wichtig, du armes, kleines ICH. Sei froh, dass du für eine Weile in diesem Universum sein durftest und die Chance bekommen hast, zu leben.
Doch im Alltäglichen bewegt man sich nicht ständig demütig. Im wirklichen praktischen Leben haben wir Angst vor Verlusten, und diesen Ängsten muss man sich stellen. Meist ist es, Gott sei Dank, eine imaginäre Angst, Verluste, die im Leben mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintreten. Die albernste Angst ist die vor Wohlstandsverlust. Schaut man sich in der Welt um, erkennt man, dass wir unsere Ängste auf hohem Niveau pflegen. Wenn man diese imaginären oder albernen Ängste aber zur Triebfeder seines Handelns macht, ist man wieder beim Gespenst der einfachen Lösungen.
Davon abgesehen, in der heutigen Zeit gibt es wieder reale Bedrohungen, wie die Gefahr von Kriegen, auch für uns in Europa. Die Aggressoren dieser Welt, die andere Länder überfallen, ähneln sich alle in einem Aspekt. Sie unterwerfen sich der eigenen überbordenden Eitelkeit der Macht. Dieser Eitelkeit wird alles geopfert, und im Aggressionsfall haben Menschenleben keinen Wert. Aggressoren haben die Kontrolle über sich selbst verloren und fliehen ihrer eigenen Vergänglichkeit. Das diese sie einholt, ist gewiss, den eigentlichen Preis aber zahlen andere. Auch hier gibt es wieder viele, die einfache Lösungen haben und sich nicht schämen, diese laut in die Welt hinaus zu posaunen.
Ich bin weit entfernt davon, einen Ausweg zu sehen oder nur zu ahnen. Kann man imperialistisch denkende Menschen zur Demut bewegen?
Ich frage alle, was wären hier die Keime des Sinnvollen, um aus diesem Dilemma herauszufinden. Eine plausible Antwort blieb mir jeder schuldig, auch das ICH.
Erich Romberg wurde 1950 in Nordrhein-Westfalen geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Er ist Diplom Physiker und hat in seinem Berufsleben an der Ruhruniversität Bochum zunächst als Plasmaphysiker in der Kernfusionsforschung gearbeitet. Später führte er ein Ingenieurbüro für Umwelttechnik in Bochum und war Fachgutachter für Immissions- und Klimaschutz. Er leitete Windkanalversuche zur Ausbreitung von Schadstoffen an Straßen und simulierte lokalklimatische Auswirkungen von Gewerbebebauung in Frischluftschneisen in einem selbstentwickelten Klimakanal.
Zum Beginn des letzten Jahrzehnts des 20 Jahrhunderts verlegte er seinen Wohnsitz in den irischen Westen nach Kiltimagh. Wegen der unmittelbaren Nähe zum internationalen Flughafen in Knock konnte er weiterhin Forschungs- und Gutachterprojekte für Deutschland abwickeln. Er kehrte 2003 nach Deutschland zurück und beendete 2005 endgültig seine Gutachterlaufbahn.
In Irland fand er Muße und Gelegenheit zum Schreiben von Erzählungen, Kurzgeschichten und Lyrik.
Heute lebt der Autor in Sachsen-Anhalt auf dem Lande mit seiner Frau und seinem minderjährigen Sohn.
„Dieser Autor hat zuletzt in der Reihe „Kreise und Horizonte“ den Kurzgeschichtenband „Unsterblichkeit für eine Elite“ in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht. Aus diesem Band stammt auch sein Beitrag im #kkl56.“
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