Die Aussprache

Bettina Kenter-Götte für #kkl57 „Selbstermächtigung“




Die Aussprache

Er war ein korrekter und freundlicher Mensch. Auch seine Scheidung, am Ende eines langen und freundlichen Miteinanders, verlief undramatisch, freundlich und korrekt. Die einstigen Eheleute beschlossen, auch weiterhin gemeinsam für das gemeinsame Kind da zu sein, den Sohn, der längst studierte und nur in den Semesterferien heimkam, in das alte Kinderzimmer im alten Haus des Vaters, denn die neue Wohnung der Mutter war klein, wenngleich ganz in der Nähe gelegen. Wie alle jungen Menschen war er viel unterwegs, fand sich aber meist und gern zu den Mahlzeiten ein, welche die Mutter, weil die Männer von solchen Dingen nichts verstanden, in der Küche des Vaters zubereitete, und zu dritt saßen sie auf ihren alten Plätzen am alten Familientisch im alten Haus und aßen gemeinsam; wie früher; undramatisch, korrekt und friedlich.

Der Vater war immer treu gewesen, aber er war durchaus sinnlich, kein Asket. Und so suchte – und fand – er wieder eine Freundin. Das war gegen den Herbst hin, zwei Jahre nach der Scheidung. Die neue Freundin war kaum jünger als er, klug, humorvoll, gut anzusehen (und anzufassen) und ein wenig exotisch – sie liebte Mantrasingen und lebte vegetarisch. Doch eben das gab ihm den Mut, ihr aus einem Buch vorzulesen, das von der Initiation eines Mannes durch eine tantrische Lehrmeisterin handelte. Von solch einer Einweihung hatte er insgeheim schon lange geträumt; nun träumte er unversteckt; und wenngleich die Freundin scherzhaft bemerkte, derartige Begegnungen seien in der Realität vermutlich weit weniger romantisch als in Büchern dargestellt, so ließ sie sich doch zu allerlei Tandaradei verführen, und auch sonst – abgesehen von kleinen Irritationen – entwickelte sich die Zweisamkeit sehr schön. Nachdem die Geschiedene sich dafür ausgesprochen hatte, den gemeinsamen Sohn mit der neuen Freundin des Exmannes bekannt zu machen, stellte dieser am ersten Weihnachtsfeiertag seinen Sohn der Freundin vor, und der heikle Moment verlief ohne größere Peinlichkeit.

Dann wurde Ostern, und der Sohn kam, und beide Eltern waren für ihn da wie versprochen; und auch die Schwester der Exfrau des Mannes kam und brachte einen Schweinebraten mit, der – da die Geschiedene für Sonntag bereits einen Lammbraten vorgesehen hatte – nun kurzfristig für den Montagmittag eingeplant wurde. Und so kam es, dass der freundliche Mann seine Freundin anrief und das mit ihr für den Ostermontagvormittag vereinbarte Treffen auf den späten Nachmittag verschob, wobei er so tat, als sei nichts anderes verabredet gewesen, in der Hoffnung, sie würde die Änderung nicht bemerken oder sähe darüber hinweg. Indes, die Reaktion der Liebsten hätte heftiger kaum ausfallen können.

Er versuchte sie zu beruhigen: Bei schönem Wetter könne man dann ja noch zum See hinausfahren und den Sonnenuntergang genießen! Das brachte sie jedoch nur noch mehr in Rage.

Was war nur in sie gefahren? Er hatte doch lediglich nicht unhöflich sein und es allen Recht machen wollen! Doch sie warf ihm vor, er habe sie versetzt. Das von ihm doch nur verschobene Treffen sagte sie nun ganz ab und wollte ihn nicht sehen, nicht hören und nicht sprechen.

Er fühlte sich hilflos und bedrückt; er war erschüttert. Nachts wälzte er sich einsam und ruhelos in seinem Bett. Es war ein schönes Bett; das Ehebett vieler Jahrzehnte. Da hinein hatte die Freundin sich anfangs nicht legen wollen; erst nachdem neues Bettzeug gekauft worden war, hatte sie nachgegeben. Und nun stellte sie alles in Frage und er wälzte sich mit düsteren Gedanken in den farbenfrohen Kissen.

Erst Tage nach der Abreise des Sohnes erreichte er die Unerreichbare und fand sie bereit zu einer Aussprache.

Als er sie nahen sah, im Abendlicht, erhob er sich von der kleinen Bank neben dem Wegkreuz. Er zog sie an sich, spürte den glatten weichen Stoff ihres Rockes und das verlockende Darunter, zupfte ihr sacht eine Blüte aus dem Haar, und sie standen lange in einer stillen Umarmung, bevor sie sich voneinander lösten und den kleinen Weg am Bach entlang einschlugen.

Zunächst schien sie recht vernünftig. Sie hatte schon genug Silber im Haar, um zu wissen, dass eine Trennung nicht mit dem Abstempeln des Scheidungsurteils vollzogen ist und dass Beziehungen nie einfach sind. Doch bald schon begann sie erneut, ihm Vorwürfe zu machen, redete sich in Rage, nannte ihn ein Wind im Rohr, einen Feigling, einen Schweinebratenjunkie; ihre Worte wurden schnell, ihre Stimme schneidend.

Schließlich – gleichbleibend freundlich – sagte er was er dachte, nämlich, dass ein so wüst-emotionales Verhalten einer Frau nicht würdig sei, die jeden Abend „Om namah shivaya“ singt.

Sie blieb stehen, sah ihn an, hob die Braue, blies durch die Nase, verzog den Mund und streckte ihm die Zunge heraus wie ein freches Kind. Die Geste war klein, kaum angedeutet, und er wollte über diese Ungezogenheit hinweggehen, hinwegsehen. Doch da gefror sein Blick.          Ihr Gesicht, in der hereinbrechenden Dämmerung, schimmerte bläulich, während ein letzter Sonnenstrahl vom glühenden Horizont her ihre Zungenspitze zu entflammen schien, und die Zunge, die sich ihm nun glühend und immer länger entgegenwand, wurde zur Flamme.

Sie fletschte die Zähne, Zähne, die wie Messer blitzten, und knurrte; ihre herausquellende, spiralförmig sich emporwindende Zunge zischte gen Himmel, das Knurren schwoll an zu einem schauerlichen, lachenden, rasselnden, stürmenden Gebrüll, untermalt vom gleichmäßigen Fauchen zerreißenden Stoffes, denn nun riss sie sich die Kleider vom Leib, Stück für Stück, keine fünfhundert Meter  von der Vorstadtsiedlung entfernt.

Diese außer Rand und Band geratene schamlose Wahnsinnige jonglierte, scheinbar vielarmig und rasend schnell, mit Stoffstreifen, bunten Fetzen und dem Aufblitzen heller Haut. Er sah ihre Sandalen durch die Luft wirbeln, und Steinchen, sah Muscheln und Keulen und Sicheln und Totenköpfe, und sein ungläubiges, gepeinigtes Lachen wurde in der Enge des Halses zu einem jämmerlichen Laut zerquetscht.

Jählings erlosch das Feuer am Horizont. Violette Dunkelheit ergoss sich über die tobende Gestalt vor ihm und färbte, hinabfließend über Brüste, Bauch und Schenkel, ihren entblößten Körper dunkelblau. Abwehrend und beschwichtigend wollte er die Hände ausstrecken, doch seine Arme hingen wie gelähmt an seiner Seite.

Sturmböen sprangen auf, stimmten heulend ein in das Gebrüll der Verrückten. Pfeifend jagte der Wind durch die Bäume, zerrte an Ästen und Zweigen, riss Nadeln und Blätter ab und wirbelnd davon; riss und rüttelte auch an ihm und rammte tonnenschwer gegen seine Brust, so dass er nur mit größter Anstrengung sich auf den Beinen zu halten vermochte, während sie sich johlend gegen den Sturm warf, sich emporheben ließ, um nackt auf dem Wind zu reiten, umweht von hochloderndem Haar, das pechschwarz getönt war vom Dunkel der Nacht.

 Grausiger Mittelpunkt des wilden Wirbelns war die blutrote Schlange ihrer Zunge, die zischend nach ihm zu stoßen schien, wie ein Pfeil auf ihn zuschoss, ihn wieder und wieder durchbohrte. Er keuchte, versuchte auszuweichen, sich zu schützen, hielt sich die Ohren zu, rang nach Luft, japste vor Todesangst und Qual. Gellend schrie sie unverständliche Silben ins nächtliche Inferno, immer höher, immer schriller.

Ein erstickter Todesschrei, ein schluchzendes Jaulen stieg aus unbekannter Tiefe in ihm empor. Dann ließ ihr schrecklichschriller Gesang ihn zerbersten wie Glas. Er hörte das Klirren.

Als er fiel, in tausend Stücken klirrend zu Boden fiel, kehrte schlagartig Stille ein. Er sah (und wusste nicht von wo und mit welchen Augen), sah ohne jede Empfindung, wie sie, barfuss und nackt, mitten in die Scherben sprang, zu denen sein Körper zersplittert war, wie sie auf und zwischen den knirschenden Scherben tanzte.

Beharrlich, unablässig tanzte sie einen endlosen Tanz, tanzte unter der Silbersichel des Neumondes, die zarthell am tintenschwarzen Nachthimmel auf- und wieder abstieg. Stampfend, springend und gleitend zermalmten ihre Füße die Scherben zu glitzerndem Staub, kneteten den Staub zu Teig, geschmeidigem Teig aus funkelndem Licht, zartem Morgenlicht, das, als die nächtliche Stille von ersten Vogelstimmen süß vertrieben wurde, unter ihren Füßen, nach und nach, neue Formen anzunehmen begann. Und als sie, unablässig weitertanzend, mit kraftvoller, samtigdunkler Stimme, summend und singend einstimmte in den vielstimmigen Jubel, da spürte er seine Empfindungsfähigkeit zurückkehren, und wo ihre Füße tanzten, spürte er Wärme und Leben, spürte sein Herz pulsen im Rhythmus ihres Tanzes. Stark und mächtig wie nie schlug dieses Herz, wurde groß und weit, dehnte sich in alle Richtungen, so dass er die Arme ausbreiten musste, weit, weit ausbreiten, und dehnte sich hinab in seinen Bauch und vom Bauch zwischen seine Beine und reckte sich ihr entgegen, ein regenbogenschimmerndes Juwel.

Die Steinchen auf dem Weg knirschten, als, keine fünfhundert Meter von der Vorstadtsiedlung entfernt, ein Radfahrer in der Morgendämmerung am Wegkreuz vorbeifuhr und ein auf dem Bänkchen sitzendes Paar kopfnickend flüchtig grüßte, blaue Gestalten im fahlen Licht eines Frühlingsmorgens.




Bettina Kenter-Götte

* 1951. Schauspieldebüt 1970 in Italien, zehn Jahre Arbeit für Theater und TV, danach als Singlemama Wechsel zum Synchron, Sprecherin, Regisseurin, Synchronbuchautorin.

Freie Autorin: Förderpreis Luzerner Literaturförderung 1984, Erika-Mitterer-Lyrikpreis 2009, Stuttgarter Autorenpreis 2011 für „Hartz-Grusical“.

2018-2020 Lesereise mit „Heart’s Fear – Geschichten von Armut und Ausgrenzung“ mit über 50 Auftritten, u.a. im Bundestag zu Berlin. 2023 UA des Stückes sozialkritischen Stückes „Nada, Niente, Null“ am theater 77 in Innsbruck. Kenter-Götte hat eine erwachsene Tochter und eine kleine Enkelin und lebt mit ihrem Mann im Großraum München.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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