Friede Westerholt für #kkl57 „Selbstermächtigung“
Augenblicke
1
Im Dunkeln stehe ich auf, greife nach dem Bademantel, der vor dem Bett auf dem Boden liegt, streife ihn über und schleiche in den Flur. Noch berauscht von der Lust, die mich hoch getragen und sich dann im Abflauen auf alle Fasern meines Körpers verteilt hat, Peters leises Aufstöhnen noch im Ohr, seinen Blick noch in meinen Augen und die Wärme seiner sanften, schweren Hand noch auf meinem Busen, taste ich nach dem Lichtschalter über dem Spiegel.
Ich sehe sich zusammenziehende Pupillen, dann orangebraune, von Fältchen und wirren weißen Locken umrundete Augen, glühend, zeitlos, ohne Scheu.
Und ein ganz altes Bild steigt in mir auf: mein junges Ich und hinter mir Luca vor einem anderen Spiegel in einem anderen Land, beide mit diesem Glühen in den Augen. „Du bist schön, Franzi“, flüstert er mir ins Ohr und zum ersten Mal finde ich das auch.
2
Mit einer Umarmung verabschieden Nora und Tim sich und fahren zurück in ihre erwachsene Leben, nachdem sie nachmittags mit den gleichen gewollt lässigen Bewegungen und den gleichen ironisch verzogenen Mundwinkeln wie früher Ostereier gesucht und mich geneckt haben, weil ich meine eigenen Verstecke nicht mehr finden konnte.
Ich knipse das Licht über dem Spiegel aus und damit auch meinen sanften Blick von damals, dunkel wie ein ruhig durch Auen mäandernder Fluss und ohne Fragen wie der einer Kuh.
Nur beim Anblick unserer Kinder konnten auch Wolfgang und ich minutenlang ein Wir sein.
3
Mitten in der Nacht will ein Arzt am Telefon von mir wissen, ob er die Maschinen, an denen meine Mutter seit einigen Stunden hängt, abschalten soll. Von dem Schränkchen im Flur, auf dem das Telefon steht, hebe ich den Blick und treffe auf graublaue Augen, die so undurchdringlich und fahl schimmern wie das Meer unter Gewitterwolken – wie sie es Jahrzehnte vorher täglich taten, in dem Bewusstsein, nicht auf Wolfgang zählen zu können, und dem Willen, mir selbst zu beweisen, dass ich ihn nicht brauchte. Auch heute funktioniere ich reibungslos, fraglos, hart und unbeirrbar.
4
Ich strecke mich. Ich bin nackt und fröstele ein wenig. Schnell stehe ich auf, aber Peter zieht mich an einem Handgelenkt zurück ins Bett. Ich beuge mich zu ihm hinunter und küsse ihn. „Schön bist du“, sagt er lächelnd und lässt mich los.
Im Flur angekommen, gibt der Spiegel das nicht her und ich kann beobachten, wie Enttäuschung einen grauen Schleier über meinen neugierigen blaugrünen Blick zieht, wie schon einmal vor langer Zeit.
Erst einige Jahre nachdem die Kinder weggegangen waren, hatte ich mein neues Ich und mein neues Leben annehmen können. Ich hörte auf, mir die Haare zu färben, ließ sie lange wachsen und dann kurz abschneiden. Die neue fesche weiße Frisur gefiel mir und auch die anderen fanden sie cool. Ich fühlte mich kein bisschen älter als zuvor.
Tage später ging ich in Gedanken an dem Spiegel vorbei, ohne mich zu wappnen. Im Augenwinkel sah ich die müde alte Frau, die ich für alle anderen schon lange gewesen sein musste.
5
Morgens im Flur lehne ich meinen Kopf an Peters Schulter und er streicht mir leicht über die Haare. Ich liebe seine sanfte Zärtlichkeit und gebe mich ihr ganz hin.
Als ich mich wieder aufrichte, trifft mein Blick im Spiegel auf meine smaragdgrünen Augen, deren naive, blanke Oberfläche die darunter flackernde, ängstlich huschende Suche nach Bestätigung zu leugnen versucht.
Mein Gedächtnis wirft mir ein Vexierbild entgegen, in dem die erwachsene Franzi, die hoffnungsvoll auf Wolfgang zugeht, immer wieder verdrängt wird von unserem Sonnenschein Franziska, einem kleinen Mädchen, das dem Vater nach dessen langer Abwesenheit freudig in die Arme fliegt. Heute sehe ich, wie fragil beide waren, wie wenig sie sich auf den einen und den anderen verlassen konnten, wie sehr sie beide gebraucht hätten und wie sehr die Illusion, dem sei nicht so.
6
Nachdem wir uns nachmittags geliebt hatten und Stirn an Stirn eingeschlafen waren, liege ich neben Peter und sehe aus dem Fenster in das von der untergehenden Sonne in goldenes Licht getauchte Blätterwerk, bis ich merke, dass er mich ansieht. Wir drehen uns zueinander.
„Orangebraune Wolkenformationen mit ockergelben Blitzen vor blaugrüner Aurora …“, meint er lächelnd, während er mir in die Augen sieht.
„Grünbraun sagt mein Pass“, entgegne ich schnippisch und poche mit dem Zeigefinger auf seine Brust. Lachend zieht er mich an der Hand aus dem Bett und vor den Spiegel im Flur, wo ich ihm recht geben muss.
Wie eine uralte Affenmutter, die gleichmütig dem Treiben der Horde zusieht, sehe ich die Farben meiner Iris, sehe ihn und mich herumalbern und bin glücklich in meiner Haut, in diesem Flur, in diesem Moment.
„Wie vor zehn Jahren, als du den Spiegel mit Wolfgang hier aufgehängt hast“, denkt mein Gehirn und ein graublauer eiserner Vorhang wird vor den farbigen Sprenkeln hochgezogen, „bevor er dich verlassen hat und diese Wohnung zu einer Geisterbahn aus Abgründen, Spinnweben, Erinnerungen, Abwesenheiten und Hinterlassenschaften wurde.“
7
Als ich aus der Wohnung gehe, glänzen meine Augen olivgrün wie ein nagelneuer Militärjeep. Ich bin sauer darüber, dass ich meine Argumente – heute zum Thema gendern – nicht mit derselben belehrenden Überheblichkeit fallen lassen kann wie Peter seine Sentenzen, sondern stammle, zögere, abwäge und vom Tisch gewischt werde wie ein Krümel.
Wenn es um mein Ganzes geht, um Gesehenwerden, Würde, Selbstwert, beharre ich trotzig und ernte ein mitleidiges Lächeln, im Wiederholungsfall Streit und den Titel Dickkopf. Niemand spricht das aus, aber es schickt sich nicht für eine Frau. Egal ob frau recht hat oder nicht, irgendwie schickt es sich einfach nicht und darauf steht die Höchststrafe: nicht mehr geliebt werden. Also entweder oder.
Beim Hinausgehen sagt mein Blick entschlossen „Entweder!“, doch bei der Rückkehr eine Stunde später hat „Oder …?“ die Oberhand gewonnen, das Olivgrün ist verblasst wie ein Parka nach unzähligen Waschgängen und aus meinem Mund purzeln Erklärungen, mit denen ich meine Insistenz historisch und pädagogisch rechtfertige, aber die Zulässigkeit anderer Meinungen – insbesondere der seinen – anerkenne und die Bedeutung des Themas insgesamt herunterspiele, während ich den Fokus auf meine sehnsuchtsvoll werbende Umarmung verschiebe.
Ein Leben lang geht das schon so.
Nur das mit der Umarmung hat als aufblühende Jugendliche besser funktioniert.
8
Nach langen Gesprächen im Stadtpark kehre ich alleine in die leere Wohnung zurück. Peter weiß noch nicht, ob er wiederkommen wird. Ohne das Flurlicht einzuschalten, mache ich die Haustür zu und stütze mich mit beiden Armen schwer auf das Schränkchen unter dem Spiegel. Nur kein Licht, nur das nicht noch einmal erleben: wie mein Bild von mir in den geliebten Augen zerspringt und ich mich in mir selbst nicht mehr wiedererkenne, statt einem Ich im Spiegel nur ein sich in Nebel auflösender Scherenschnitt mit grauen Augenlöchern.
Ich flüchte ins Wohnzimmer und vergrabe mich auf dem Sofa, doch auch im Dunkeln beherrscht die Vorstellung mich erbarmungslos.
Und ab heute wird sie auch in meiner Beziehung zu Peter die unsichtbare Dritte sein, selbst falls er wiederkommen sollte.
9
Ich bin in die alte, mir fremd gewordenen Heimat gereist und habe mir vertraut gebliebene, ehrliche Freunde getroffen.
Auch von ihnen konnte mir keiner aus dem Gedächtnis die Farbe meiner Augen nennen, aber sie haben dieselbe alte Franzi in mir gesehen, ohne mich festzulegen, und mir die Leviten gelesen, ohne mich zu verletzen.
Ich komme zurück mit Augen blaugrün wie Fichtenwald im Herbstnebel und dem Gefühl, gesehen und erkannt worden zu sein, als gäbe es in mir doch einen Kern, eine Essenz, eine Seele.
10
Überflutet von Endorphinen komme ich vom Joggen zurück mit despektierlich gelb, rot und blau gesprenkelten Augen wie eine Almwiese, wenn der Frühling explodiert. Rückwärts entferne ich mich Schritt für Schritt immer weiter von dem Spiegel und mein Bild wird kleiner und kleiner, gleichzeitig aber auch immer schärfer, bis nur noch meine Kontur und ein strahlend weißer Haarkranz bleiben. Als ich in seinen Augen endlich so ohne jede Bedeutung bin, wie das Fenster oder der Kühlschrank neben mir, lässt der Spiegel mich los.
Einzelheiten sind mir egal, Analysen sind mir egal, die Erkenntnis, dass dies ein durch natürliche Rauschmittel bedingtes Hoch ist, ist mir egal.
Ich werde die Aufgabe annehmen, das Leben zu Ende zu leben. Ich werde einfach sein. Werde ich sein, auch ohne zu wissen, was Ich eigentlich ist. Was habe ich schon zu verlieren? Nur das Leben selbst, alles andere ist flüchtig, zerrinnt zwischen den Fingern, ist weder zu halten noch zu benennen, kann nicht besessen und nicht verloren werden.
Entschlossen gehe ich zurück und hänge den Spiegel ab.

Friede von Westerholt wurde 1961 im Vogelsberg geboren und wuchs dort auf, bis ihre Familie erst für acht Jahre nach Genua, dann für weitere drei nach Caracas versetzt wurde. Nach ihrem Abitur dort kehrte sie nach Italien zurück, wo sie arbeitete und Moderne Fremdsprachen und Literaturen studierte, bis sie nach insgesamt 24jährigem Auslandsaufenthalt 1993 in ihren Heimatort zurückkehrte. Nach der Erziehungsphase, in der sie als Fremdsprachensekretärin arbeitete, absolvierte sie ab 2007 den Bachelor und Master in Kindheitspädagogik und war anschließend sowohl als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin, wie auch praktisch pädagogisch tätig.
Publikationen Fachliteratur
- Neuß, Norbert / Westerholt, Friederike (2010): Elementardidaktik. In: Norbert Neuß (Hrsg.): Grundwissen Elementarpädagogik, Cornelsen Verlag Berlin.
- Neuß, Norbert / Westerholt, Friederike (2010): Dimensionen didaktischen Handelns. Expertise für die Robert Bosch Stiftung. In: Kasüschke, Dagmar: Didaktik in der Pädagogik der frühen Kindheit, Carl Link, Wolters Kluwer Deutschland GmbH Köln/Kronach.
- Westerholt, Friederike (2010): Kommunikation im Kindergarten, Beltz Weinheim/Basel.
- Neuß, Norbert / Westerholt, Friederike / Henkel, Jennifer / Pradel, Julia (2014): Übergang Kita-Grundschule auf dem Prüfstand – Bestandsaufnahme der Qualifikation pädagogischer Fachkräfte in Deutschland, Springer VS Fachmedien Wiesbaden.
- Westerholt, Friederike (2017): Gemeinsam leben lernen in Hort und Ganztag. In: Neuß, Norbert (Hrsg.): Kindheit in Hort und Ganztagsschule – sozialpädagogische Herausforderungen, Cornelsen Verlag, Berlin.
Publikationen Belletristik
- Westerholt, Friede (2017): Sechs Tage Libeccio. Kriminalroman, Edition AV, Lich.
Unveröffentlicht
- Westerholt, Friede (2022): Quecksilbern. Roman.
In Arbeit:
- Westerholt, Friede: Windbruch, Roman
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