Abbas-Alexander Assaf für #kkl57 „Selbstermächtigung“
Auf der einen Seite des Zauns
Ich war noch nie allein. Die Abwesenheit eines Artgenossen ist mir fremd, auch wenn sie mich nicht als ihren Artgenossen sehen. Sie stehen auf der anderen Seite und starren mich an. Sie reden zwar mit mir, doch ich verstehe sie nicht, und sie wissen, dass ich sie nicht verstehe. Warum reden sie dann mit mir? Sobald abends keine Augen mehr glotzen, werden wir von einem Pfleger beaufsichtigt, manchmal von zwei, manchmal auch von fünf. Ich bekomme immer Angst, wenn es fünf sind. Denn dann hat einer von ihnen ein kleines Röhrchen mit einer Spitze in der Hand. Weil ich Angst habe, sind die anderen vier da. Meine Artgenossen sagen, es wäre einfacher, wenn ich nicht so viel Angst hätte.
Wenn ein neuer Artgenosse zu uns kommt, nehmen die Alteingesessenen immer Stöcke und schlagen auf die Neuen ein, um sie zu begrüßen und ihnen ihren Platz zu zeigen – ganz unten. Die Neuen bekommen immer die Reste, wenn die Alteingesessenen gefressen haben. Auch quälen die Alteingesessenen die Neuen, indem sie sie in der Ecke schlafen lassen, in die alle von uns gehen, um sich ihres Inneren zu entledigen. Dies missfiel den Pflegern, sodass sich jeden Morgen das Gleiche wiederholte. Sie wecken die Neuen mit einem Rohr, aus dem ein Bach entspringt, der sie aufschrecken lässt. Wenn der Pfleger nicht mehr zu sehen ist, nehmen die Alteingesessenen die Neuen bei allen vieren und reiben ihre Körper im Dreck, der doch gerade von ihnen gewaschen wurde, oder sie würgen sie, bis sie ihre Stimmen verlieren, bis ihre Arme und Beine sich nicht mehr bewegen. Einmal lachten sie so sehr, dass sich bei einem der Neuen Arme und Beine nicht wieder bewegten. Wie lange er dort lag, umringt von drei, vier immer noch lachenden Artgenossen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass die Pfleger zwar nicht erfreut schienen, aber auch nicht traurig, eher angewidert. Es tat mir leid für ihn, aber ich bin dankbar, dass ich nicht neu bin.
Nach diesem Vorfall verschwanden innerhalb der nächsten Tage ein paar der Alteingesessenen, die die armen Artgenossen zum Schweigen gebracht hatten. Danach waren sie nicht mehr dieselben. Sie liefen gebückt und schienen die Gesellschaft der anderen zu meiden. Ich nahm den Stock in die Hand, mit dem sie auch mich jahrelang bedroht hatten, und musste nicht mal zuschlagen: In ihren Augen blitzte es, und sie schrien und liefen durch das ganze Gehege und schlugen mit dem Kopf gegen die Wand. Das hat mir große Angst gemacht. Sie sind verrückt geworden.
Eines Tages gerieten die Pfleger in Unruhe, und sogar der Oberpfleger machte unseren Dreck weg und gab uns viel zu essen. Es erschien ein alter Mann, der Gläser vor den Augen hatte. Eigentlich haben die Jenseitigen einen dumpfen Blick, mal interessiert, mal nicht. Der Blick des alten Mannes hingegen erwartete meine Antwort auf seinen Blick, der sich nicht veränderte, wie lange er uns auch ansah. Manchmal haben Kinder diesen Blick, aber sie haben mir noch nie Angst gemacht. Dieser Mann jedoch schien sogar den Pflegern Angst zu machen. Der Oberpfleger lief neben dem alten Mann hin und her, schien schneller zu sprechen und zu laufen als normalerweise. Warum waren sie so unruhig? Sie waren doch stärker als dieser alte Mann, der nicht gut laufen konnte. Aber er hatte einen Stock, den er beim Laufen auf den Boden drückte. Fürchten sich die Pfleger vor jenem Stock? Er war kleiner als jeder Stock, den sie benutzt hatten. Außerdem waren sie viele, er war allein.
Die Pfleger sagten Worte, die ich noch nie gehört hatte, mit komischen Lauten: „isoliert“, „ängstlich“, „auffällig“. Manchmal sprachen sie vorne laut, manchmal in der Mitte, manchmal hinten.
Ich bin immer vorne laut, egal, was ich sage, wie ich es sage oder was ich sagen will. Doch es gab einen Laut, den ich gelernt hatte, bei dem es kein vorne, kein hinten gab, keine Mitte. Er ist kurz und begleitet mich mein ganzes Leben lang.
Ich kann die Worte der Jenseitigen hören, doch ich verstehe nicht, was „Spritze“ oder „Kastrieren“ heißt. Doch ein Wort hatte ich aufgeschnappt, das ich mit meinem ganzen Leben verstehe wie kein Zweiter: „Zaun“. Damit war das Ding gemeint, das uns und die Jenseitigen trennt. Der Zaun wird von den Pflegern wie von den Jenseitigen benutzt; sie können durch eine Öffnung, die sich nur öffnet, wenn sie ein Ding in eine noch kleinere Öffnung stecken. Ich habe auch schon versucht, irgendwas in diese kleine Öffnung zu stecken. Doch nichts hat geklappt: Stein, Stock, Gras, Pelz, Finger… Für mich schien der Zaun das Ende der Welt zu sein. Ich hätte alles dafür getan, den Pflegern zu folgen, um meine Artgenossen von der anderen Seite zu sehen.
Der alte Mann schien mich nicht zu verstehen, aber bemerken, das tat er; doch war das genug? Vielleicht hätte ich auch klettern sollen, vielleicht zum nächsten Busch… Wäre ich so weit gekommen? Es ist weiter, als ich jemals herausgekommen bin, aber noch in Sichtweite.
Wie kommt man weiter? Ich zeigte auf den Zaun und fing an zu springen und zu jaulen. Doch sein Blick veränderte sich nicht, nur seine Hand wischte über ein paar Blätter, die er in der Hand hielt.
Dann ging ich an den Zaun heran, ganz nah, und sah ihm in seine Falten: Von Nahem schien er noch älter zu sein. Er muss bestimmt viele Dinge auf der Welt gesehen haben, über viele Zäune geklettert sein. Ich habe noch nie einen Artgenossen gesehen, der so viele Falten hatte…
„Zaun, Zaun, Zaun…“
Als ich „Zaun“ wiederholte und wiederholte und wiederholte, sah der alte Mann von seinem Blatt hoch; als er verstand, dass ich „Zaun“ gesagt hatte, fiel ihm das Ding aus der Hand, mit dem er noch auf das Blatt gekritzelt hatte.
Mit der anderen Hand zeigte er auf mich:
„Hat es gesprochen?“
Er sagte das zum Pfleger, auch wenn er mich weiterhin anstarrte.
„Hat es gesprochen? Spricht es häufiger? Versteht es uns?“
„Es scheint schlauer als die anderen zu sein.“
Der alte Mann nahm die Brille ab und starrte mich an, als ob ich das erste Ding auf dieser Welt bin, das mit ihm gesprochen hätte.
„Vielleicht war er ja vom Zirkus“, dachte ich, und als ich verstand, dass dieser alte Mann, dieser Mann, dessen Stock niemanden Angst machte, vielleicht mich hinter den Zaun, hinter den Busch bringen könnte… und das alles wegen eines dummen Worts.
„Zaun! Zaun! Zaun! Zaun!“
Ich wünschte mir so sehr, im Zirkus zu landen.
„Zaun! Zaun! Zaun! Zaun!“
„Es spricht!“
„Zaun! Zaun! Zaun! Zaun!“
Es sprudelte aus dem alten Mann heraus:
„Welche Entdeckung. Ein Tier, das sprechen kann. Sowas ist mir noch nie untergekommen. Ich will sein Gehirn, seine Stimmbänder, ich will alles! Ich werde den hohen Herren von der Akademie berichten. Es soll gut gefüttert und vor jeder Gewalt geschützt werden. Wenn es einen IQ annähernd des menschlichen erreicht…“
So sprach der alte Mann noch lange weiter, bis er mit dem Pfleger in die Welt verschwand. Jeden Morgen stand ich wie ein Wilder auf und warf mich in den Bach des Pflegers, um weiter zu warten und zu wachen und zu warten… Wenn es dunkel wurde, konnte ich nicht einschlafen. Vielleicht bringt er mich auf die andere Seite des Zauns. Vielleicht ist er aber auch gestorben. Er war sehr alt gewesen.
Abbas-Alexander Assaf
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