Wolfgang Mebs für #kkl57 „Selbstermächtigung“
D e r V e r s a g e r
Der Familienrat saß mal wieder zusammen. Nur Matthias fehlte noch. Wilhelm Haimanns Verärgerung wich zunehmend seinem nur allzu berüchtigten Zorn.
»Das ist mal wieder die Höhe. Wie kann er es wagen, ausgerechnet heute nicht pünktlich hier zu erscheinen?« Sein Gesicht bekam zunehmend Farbe. »Dieser Versager! Glaubt er, ich werde ihn weiterhin durchfüttern? Glaubt er, ich stoße leere Drohungen aus, dieser Schwächling?«
Nein, das glaubte Matthias nicht. Dazu kannte er seinen Großvater zu gut. Er konnte sich die Szenerie vorstellen. Nur zu genau.
Wie die Tischordnung. Seine Brüder wie aus dem Ei gepellt, mit frischem Haarschnitt und gewichtigen Mienen, links, rechts die Schwester, mühsam ihre Langeweile verbergend, mit Andreas, ihrem Mann, dem Prokuristen der Firma. Sein Vater an einem Ende des Tisches, den Blick nach vorn, auf jede Regung im Raum achtend. Am anderen Ende saß ER, auf dem einzigen Stuhl mit erhöhter Rückenlehne und geschwungenen Armstützen. GROSSVATER! Die Stirn kritisch gerunzelt, die knochige Gestalt lotrecht, die Hände auf der Tischkante, was aussah, als würden seine Spinnenfinger unter dem Tisch hervorkrabbeln.
»Ricarda!« Sie schreckte auf. Hatte sie etwas falsch gemacht?
»Hast du Matthias noch einmal an unsere heutige Sitzung erinnert?«
»Aber ja, natürlich. Sogar zweimal. Heute Morgen«, beeilte sie sich zu sagen.
Wilhelm Haimanns Gesicht verfinsterte sich um eine weitere Nuance, was ein neutraler Beobachter für unmöglich gehalten hätte. Er trommelte mit spitz gefeilten Fingernägeln auf der Tischplatte.
Großvater. Er entsprach so gar nicht dem Bild, das die meisten von Großeltern hatten. Matthias’ Schulfreunde hatten Wochenenden bei Oma und Opa mit Vorfreude entgegengesehen, Matthias mit Bangen. Sie konnten von Zoobesuchen erzählen und Eisbechern mit Sahne, während er lieber nichts gesagt hatte über Nachhilfestunden oder Zirkeltraining im großväterlichen Garten, damit sein kleiner, zerbrechlicher Körper gestählt werde fürs Leben und irgendwann einmal Heimstatt sein könne für einen gesunden Geist.
Disziplin war Großvaters Lieblingswort, der zentrale Begriff seiner Lebensphilosophie, die Grundvoraussetzung für Erfolg im Leben. Erst recht, wenn sie sich paarte mit Zielstrebigkeit und Zähigkeit. Als Großvater zum ersten Mal angekündigt hatte, beim nächsten Besuch werde er zelten dürfen, war Matthias freudig überrascht. Umso herber die Enttäuschung, als er alleine, ohne Schlafsack und Luftmatratze, ohne Taschenlampe und Buch, die Nacht in einem winzigen Ein-Mann-Zelt hatte verbringen müssen. Als er sich am nächsten Morgen weinerlich darüber beklagte, zuckte Großvater nur mit den Schultern.
»Darum geht es ja gerade«, hatte er ihn angeblafft. »Du bist völlig verweichlicht. Und beim nächsten Mal wirst du das ganze Wochenende im Zelt verbringen, ist das klar?«
Wie üblich hatte Matthias keinen Widerspruch gewagt. Den duldete Großvater nicht.
Und so war es geblieben, ob es die Wahl des Studienfachs betraf oder die Freizeit oder das Geschäft. Großvater regierte und zarte Ansätze eigener Vorstellungen wurden mit der Drohung der Enterbung gekontert.
Und sie spurten. Ferdinand, der BWL hatte studieren müssen, und Karl, der Bauingenieur, bekamen nach jahrelanger Probezeit wichtige Posten im Unternehmen. Erika wurde die »ehrenvolle Aufgabe« der Chefsekretärin zuteil. Im strategischen Interesse des Unternehmens hatte sich Matthias durch acht Semester Wirtschaftsinformatik gequält. Seine Begeisterung fürs Programmieren und alles, was mit Computern zu tun hatte, behielt er für sich. Spielerische Ziele und pflichtlose Freude waren im Haimannschen Universum verpönt.
Und so litt Matthias fast 30 Jahre vor sich hin, still und klaglos nach außen, zunehmend trübsinnig nach innen. Er ging seiner Arbeit nach, allerdings ohne jeden Ehrgeiz, blieb unauffällig und brachte nie neue Ideen ein. Er hielt die Programme am Laufen, die ihm völlig gleichgültig waren. Seine Andeutung, vielleicht in einem anderen Unternehmen wertvolle Erfahrungen sammeln zu können, wurde kategorisch abserviert. Urlaub machte er ganz familientraditionell, nämlich selten, kurz, unspektakulär und grundsätzlich mit der Familie.
Eine eigene hatte er nicht, wollte er auch nicht. Nicht unter diesen Bedingungen. Er weigerte sich hartnäckig, seinen gelegentlichen Freundinnen seine Familie vorzustellen. Er wollte keine Frau dem durchdringenden, abschätzigen Blick seines Großvaters aussetzen. Außerdem hätte er sich nicht nur seiner Verwandtschaft geschämt, sondern auch seiner selbst, seiner Unterwürfigkeit und des mangelnden Mutes, sich all dem zu entziehen, was sein Leben freud- und sinnlos machte.
Er begann, sich in Fantasien zu flüchten. Bis sie ihm kindisch und schal erschienen und er sich selbst mehr verachtete denn je. Aber sie ließen ihn nicht los, verfolgten ihn geradezu, bis er anfing, sich zu fragen: »Warum eigentlich nicht?« Ihm wurde klar, dass er nichts zu verlieren hatte, jedenfalls nichts, das ihm wichtig war. Gewinnen konnte er alles. Vor allem Selbstachtung. Alles, was ihm fehlte, war Mut, der Mut zum ersten Schritt.
Dann kam Großvaters Ultimatum. Am Silvesterabend. Großvater hatte dies für einen geeigneten Zeitpunkt gehalten. Matthias sollte jetzt endgültig die Leitung der Rechnungsabteilung übernehmen, er hätte es doch mit Zahlen, damit sie den völlig überflüssigen bisherigen Abteilungsleiter entlassen konnten. Und das bisschen Computerkram könne er nebenbei erledigen. Wenn nicht, müsse er sich ein anderes Leben suchen.
»Für die Gosse bist du selbst verantwortlich«, hatte Großvater gesagt, sein Champagnerglas geleert und ihn stehen gelassen.
Am nächsten Tag hatte er sich Bedenkzeit erbeten und die war heute abgelaufen.
Matthias schaute auf seine Uhr, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Vor 25 Minuten hätte er zu erscheinen gehabt. Er imaginierte einen fast unsichtbar dünnen Geduldsfaden. Gleich würde er es verkünden.
»Also, ich gebe ihm noch fünf Minuten. Wenn er dann nicht erscheint, fliegt er raus!« Wilhelm Haimanns Stimme hatte nichts an Kraft und Bedrohlichkeit verloren. »Aus der Firma, aus dem Haus und mein Testament werde ich noch heute ändern.«
Eine Ankündigung, die seine Brüder mit eifrigem Nicken quittierten. Trotz aller Mühe konnte Karl ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken. Ferdinand und Ricarda hatten sich besser unter Kontrolle. Matthias lächelte bei dem Gedanken in sich hinein.
Er stand auf und aktivierte seinen Computer.
In das gewittrige Schweigen des Familienrates hinein brummte Ricardas Handy.
»Eine Nachricht von Matthias. Wir sollen den Computer einschalten. Er will skypen.«
Verständnisloses Gemurmel wurde von Wilhelms donnerndem »Wie bitte?« übertönt. »Was fällt dem ein?!«
Ein paar Minuten später saßen sie vor dem Videoschirm im Wohnzimmer. Meditative Klänge erfüllten den Raum und trieben Großvaters Puls weiter in die Höhe. Dann füllte sich das Bild mit weißem Sand. Die Kamera zoomte zurück und gab den Blick frei auf einen breiten Strand, Palmen und die sanft wogende blaugrüne See. Die Kamera schwenkte nach rechts. Dort saß Matthias. Auf einem Campingstuhl. In einer knallgelben Shorts und einem buntgeblümten, offenen Hemd, eine Baseballkappe verkehrt herum auf dem Kopf.
Der Familienrat wich kollektiv in die Polster zurück. Ricarda hielt sich die Hand vor den Mund. Ferdinand und Karl beugten sich vor, als könnte sich das Bild ändern, wenn sie näher herangingen. Wilhelm kniff die Augen zusammen und begann zu glühen. Zu mehr als »Mein Gott«, »Das ist doch« und einem schlichten »Nein« war niemand fähig.
Matthias nahm die verspiegelte Sonnenbrille ab. »Hallo zusammen, oder Wa’alaikum, wie man hier sagt. Wie ihr seht, bin ich leider verhindert und kann nicht an eurer illustren Runde teilnehmen. Aber wie ich euch kenne, könnt ihr das verschmerzen.«
Er nippte genüsslich an einem orangefarbenen Cocktail.
»Ihr werdet ohnehin in Zukunft auf meine eher missliche Gesellschaft verzichten müssen, denn ich werde erst einmal ein halbes Jahr hier auf den Malediven verbringen. Dann sehe ich weiter. Als Webdesigner kann man ja heutzutage von überall arbeiten.«
Die Kamera schwenkte zur Seite zu einem Klapptisch mit einem Laptop und einem Smartphone. Dahinter eine Reihe Palmen und grünes Dickicht. Die Kamera schweifte weiter herum, über das Meer und zurück zu Matthias.
»Na, was sagt ihr zu meinem Büro? Ist was anderes, als im 10. Stock über Beton und Asphalt zu gucken, oder? Jetzt zeige ich euch noch, wo ich gerade wohne.« Die Kamera zoomte auf ein großes, pyramidenförmiges Zelt im Hintergrund.
»Na, Opa, freust du dich? Ich weiß, ist zu groß für deine Ansprüche. Außerdem ist es hier schön warm und ich stehe nicht um sechs auf, es sei denn, ich hab’ Bock drauf.«
Niemand sagte etwas. Alle starrten mit offenen Mündern und großen Augen auf den Monitor, als hätte sich eine Fata Morgana in ihr Wohnzimmer verirrt.
»Tja, das war’s dann auch schon von mir. Falls ihr meint, mich erreichen zu müssen, falls ihr also wirklich irgendwann glauben solltet, es sei wichtig, für mich, versteht sich – vergesst es.«
Matthias setzte die Sonnenbrille auf und wandte sich dem Meer zu. Er blickte noch einmal zurück in die Kamera. »Vakivelanee«, sagte er lächelnd.
Im großväterlichen Wohnzimmer sah man ihm zu, wie er bei entspannten Rhythmen und sanftem Gesang seinen Cocktail leerte.
Wolfgang Mebs
Geboren 1954 in Schmölln/Thüringen, Studium und Referendariat Lehramt Englisch/Sozialwissenschaften, davor, zwischendurch und danach zahlreiche Tätigkeiten und Reisen, Umschulung zum Abfallwirtschaftsberater, Abteilungsleiter in einem Entsorgungsunternehmen, dann doch noch Lehrer an Gymnasien in Menden und Halver bis 2019, seitdem Autor, Ehrenamtler, Reisender.

Bibliographie
Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Gedichten in verschiedenen Literaturzeitschiften, Magazinen und Anthologien
Seit Mai 2025 Rezensent für: https://schreiblust-leselust.de/
1988: Gewinn des Hafiz-Literaturpreises für Satire des Persischen Literaturclubs Düsseldorf
Romane
Blick ins Kaleidoskop. Chemnitz, net-Verlag, 2020. ISBN 9-783957-202857
Django macht sich auf den Weg. Chemnitz, net-Verlag, 2022. ISBN 9-783957-20365
Mordsspaß – Fast ein Kriminalroman. Pliening, Verlagshaus Schlosser, 2025. ISBN 978-3-7581-0122-9
Über #kkl HIER
