Orange Grün Gelb war das Fleisch

Anna Katharina Breitling für #kkl57 „Selbstermächtigung“




Orange Grün Gelb war das Fleisch

Der Schatten, den die Frucht auf meinen nackten Oberschenkel warf, auf dem ich sie abgelegt hatte, stand also allein im grellen Licht, sowas wie der einzige Fleck weit und breit, der nicht vom hellen Sonnenlicht eingenommen war. Ablegen- das war vor langer Zeit, als der Entschluss noch frisch war, sie zu essen. Das kann so ohne Kontext jetzt selbstverständlich noch keiner wissen, aber mir war die Lust vor langer Zeit vergangen, sie zu essen, dieser bunte Ball aus Fruchtfleisch kotze mich an mit seiner Überlegenheit. Wie war sie mir in die Hände kommen? Ich konnte mich nicht erinnern, bis mir wieder einfiel, dass ich es selbst es gewesen war, die sich die Frucht ausgesucht und sie dort platziert hatte. Ihr festes, unter der Haut (oder war es Schale?) fast berstendes Fleisch hatte mich einst in ihren Bann gezogen. Wann war das noch? Es war vor langer Zeit gewesen, und jetzt saß ich also an einem niederträchtigen, mir fremden Ort und dachte an ein weiteres pulsierendes, üppig fleischiges Organ: das Herz in meiner Brust. Dann dachte ich an die braune Kiste, in der ich die Frucht auf dem Weg zu diesem Ort liegen sah (ja, Ja ich sage gleich noch was zu diesem Ort, man soll mich bis dahin meine Erinnerungen überprüfen lassen), eine große Frucht, die wie wartend, rund ihren Geschmack versprach, ein Schlachtfeld aus Sinneseindrücken nachahmend, gleichzeitig stinkend gammelnd. Daneben stand eine Nonne, die sich mit gesenktem Blick geduldig wartend zeigte. Der Blick der Nonne hatte sich gehoben, als ich vor der Kiste stehen blieb. Sie hätte es mir gleich sagen können, wahrscheinlich wusste sie es, so wie sich ihr Blick sogleich änderte, als sie mich auf die Frucht äugen sah. Schnell hatte sich ihr Blick wieder gesenkt und ich fühlte mich schuldig als hätte ich die Frucht soeben schon gegriffen und verschlungen.

Dabei hab ich sie nur mitgenommen, muss man wissen.  Der, mit dem ich bald darauf saß und wartete hatte stets sehr schöne Worte dafür gefunden, mich auf Händen zu tragen. Mit seinem Ohr tastete er manchmal meine Brust ab und sagte mir, er freue sich darüber, etwas schlagen zu hören, was mich am Leben hält, mich, seine Liebe. Die Zeit fraß uns auf wie wir da so wartend saßen und ich fraß an meiner Würde – ausharrend wie die Nase eines wilden Kaninchens, die sich rotierend im schnellen Takt schnüffelnd bewegte, wartend, unter Spannung, bis sich wieder eine Tür öffnen würde. Die Tür ging irgendwann tatsächlich auf (wer wollte zu diesem Zeitpunkt noch damit rechnen) und ein weißer Kittel bedeutete mir, einzutreten und mich hinzusetzen, im Anschluss prasselten die Pfeile aus Nachrichten, mit bedachter Vorsicht abgeschossen, auf mich ein.

 Der Raum begann sich zu drehen und die Augen des Kittels, in die ich glotzte, waren die einzigen Fenster im Raum. Gute Nacht, das Warten hatte ein Ende. Ich erinnere mich sehr lebendig an dieses extreme Gefühl von Wut, mit dem ich die Türe hinter mir schloss und zu der braunen Kiste lief, die Frucht herausnahm und die Nonne keines Blickes würdigte. So war ich an die Frucht gekommen, versteht hier jemand meine Lage? Einsam war es geworden mit der Zeit und wie bereits gesagt, saß ich schon eine unerträglich Lange genau hier an jenem Ort, der mich ankotzte, mit der Frucht die, mich noch mehr anekelte, auf dem Oberschenkel.

Aber die Einsamkeit bedeutete auch, dass mich niemand tadeln konnte. Niemand da, mich zu kritisieren, niemand da mich zu ermahnen, mich erwachsen zu verhalten. Die Frucht übte ihren Druck gewissenhaft seit Stunden, Tagen oder länger auf meinem Oberschenkel aus und presste sich in eine kleine Mulde, für die mein Oberschenkel ihr, zerfließend vor Hitze, Platz machte. Das war sowas von trostlos, dass kann sich echt niemand vorstellen. Als wäre nichts mehr lebendig auf dieser Welt, außer die Frucht, versteht mich jemand?

Das Gras um mich herum war abgebrannt von den Strahlen der Sonne, ohne einen Tropfen Wasser saß ich doch in einem Meer aus Halmen, die in ihren Hebungen und Senkungen vor Hitze erstarrten. Es rührte sich nichts, bis auf meine Fingerspitzen, die ich lange zucken ließ, um nicht der Bewegungslosigkeit zu verfallen. Habe ich schon erwähnt, dass ich auf einem Stuhl saß? So viel zum Ort! Ich saß auf einem Stuhl mit Lehne, in mich zusammengesunken wie ein altes Pferd, dem die Hufe wegknicken, wobei ich mehr auf dem Stuhl hing als saß, die Arme baumelten an meinen Seiten herunter, während die Kuppen meiner Zeigefinger beständig zuckten. Ich starrte die Frucht an und befragte mich selbst, wie ich sie vernichten konnte. Was einst so naheliegend war – die Frucht mit einfachen Bewegungen aufzubrechen und sie zu verzehren- war jetzt schier unmöglich. Ihr wisst schon wieso, wegen der Hitze natürlich. Die saugte und zog und biss und streichelte an mir, ohne sich zu erkennen zu geben, war überall gleichzeitig. Man muss, das muss ich betonen, wirklich Verständnis für meine Lage haben, denn zu alledem brannte es unter meiner kurzen Kleidung, wie unter meinen Fingernägeln, vor Hitze. Irgendwann fiel mir ein, dass ich verdursten würde, wenn ich weiter in Müßiggang das fleischige, reife Hindernis anstarren würde, dass unverändert auf meinem Oberschenkel lag.

Die Zeit hatte sich an der Frucht festgesetzt und die Frucht war durch sie gereift wie eine berechenbare, mathematische Kurve und bestimmt war auch ich gereift und würde meinen Stuhl- wenn es endlich so weit wäre- mit Falten im Gesicht verlassen. Die gesamte Lage wäre nicht so unausstehlich gewesen, wenn ich etwas zum Nachdenken gehabt hatte. Aber das Spiel mit mir selbst, jeden Gedanken zu verfolgen, der mir in den Sinn kam, brachte mir Kopfschmerzen und außerdem den Drang zu weinen und auch das war bei der Hitze schlicht unmöglich. Ich hatte also auch nichts mehr zu denken, denn ich fange vor allem erst dann mit dem Denken an, wenn ich mit neuen Bildern und Aussichten konfrontiert werde.

Aber von Neuigkeiten war seit geraumer Zeit kein Anflug mehr gewesen, denn ich sah ja nur ständig auf diese verdammte, überreife, schwere, grausame Frucht auf meinem Oberschenkel. Das Fleisch gerann mir unterhalb des Kopfes vor Hitze weg, während die Frucht immer kompakter und fester zu werden schien. Mit der Aussicht auf Tod und dem Drang zu Weinen und all der Hitze und dem Durst gab ich schließlich auf. Hat denn irgendjemand Verständnis für meine Lage? Das war dann also so: Wie eine, die im Moor ertrinkt reckte ich den Hals nach oben, streckte das Kinn, verzog das Gesicht angestrengt, was mich enorme Kraft kostete, und nach einigen Sekunden wie ein zerschlagenes Kartenhaus wieder entkrampfte ließ, und der Kopf schlug wieder zurück an die Lehne. Mit zurückgelehntem Kopf erschien mir plötzlich ein Bild aus meinem Leben, abseits dieses Stuhls. Ich dachte: Es ist unverzeihlich, wie dir das Gesicht einfriert, wenn meine Augen glänzen und ich laut den Mund aufreiße, zu sprechen. Wie sich zur Antwort nur dünn die Fäden von Worten durch deine wütenden Lippen pressen, wenn ich von meinen Träumen spreche. Wie du dich scheinbar suchend im Raum panisch umblickst. Suchst du Hilfe wie ein ertrinkendes Kind, das den Himmel aus dem Wasser heraus absucht? Und strampelst du immer mehr, je strahlender meine Augen beim Erzählen sind? Wer kommt dich holen, wenn Frauen sprechen, ein anderer Mann? Der dir die Schulter kameradschaftlich drückt und dich vor den Ambitionen deiner Freundin schützt?

Verbrüderung, gegen meine Lebensfreude. Wir teilen Zeit, Raum und die Luft um uns und zwischen unseren Handflächen, wenn wir uns halten. Aber ob du mich, die Frau, den Menschen, magst, ist unersichtlich. Magst du meine Fähigkeit zur Sichtweise? Zu sehen, wie sich Bäume neigen, wie dankbar Nickende, willst du, dass ich sie sehe? Willst du mich denn sehen?

Würde eine blinde Frau dich besänftigen? Aber was ist dann mit den Worten? Meiner Faszination für den Ausdruck, wie ich das Sprechen und die Wörter liebe und sie ständig neu betone und sie alle lernen will. Was ich über meine Mutter sage und so viele andere Frauen?

Würde eine stumme, blinde frau dich besänftigen? Aber was ist dann mit meiner Traurigkeit? Wenn ich die Augen vor Trauer manchmal nicht heben kann, mich nicht rühre, wenn du mich willst, meine Hände sich nur gegenseitig suchen und sich halten, um mir ein wenig Halt zu spenden.

Würde Eine fröhliche, stumme, blinde Frau würde dich besänftigen? Eine fröhliche, stumme Frau würde dich besänftigen, aber sie will dich genau so wenig wie ich.

Noch zwei Tage hielt ich es genauso aus (das ist eine Schätzung, mir fehlte die Einordnung von Tag und Nacht, war ja schließlich immer gleich hell), dann: Stolz und Würde hatte ich längst verloren als ich aufgab und vor der Frucht kapitulierte. Manchmal muss es bei mir erst so weit kommen, dass ich denke, ich sterbe, wenn ich so weiter mache, damit ich was ändere, versteht mich jemand? Und ich griff zu und riss die Frucht auf.

Orange Grün Gelb war das Fleisch. Ich stopfte mir sie in den Mund und in dem Moment war es vorbei, mir war, als schüttelt mich ein Aufstoßen auf und es brachtet mich dazu aufzuspringen und auch eine spürbare, in diesem Moment nicht da gewesene, Berührung einer Hand abzuwischen. Ich eilte, über die, mit dem Aufreißen der Frucht erschienene Türschwelle zu springen. Wie ein Schlachttier, das befreit das erste Mal auf einer grünen Wiese steht, so war es zu rennen, in dem ich nicht länger selbst eine Frucht war, eine hübsche, willenlose Frucht. Im Prinzip wusste ich es schon vorher, denn es ist immer genauso:  Fruchtfleisch wird so schnell warm in der Sonne und es gibt immer einen Stuhl, der einem zunächst bequem vorkommt und dann merkt man plötzlich, dass man bald stirbt. Außerdem ist es unerträglich vor Hitze nicht weinen zu können und ein Teil von mir bleibt immer hungrig.




Anna Katharina Breitling, 2002 in Düsseldorf geboren, studiert Politikwissenschaft und Soziologie in Würzburg, mit dem Ziel, politische Journalistin zu werden. Neben ihrem Studium liegen ihre Interessen bei der Literatur, der Malerei und dem Theaterschauspiel, weshalb sie gerne auf Bühnen steht vorzugsweise klassische Literatur bietet Rückzugsort und Inspiration für sie. In ihren Bildern, Geschichten und Gedichten verarbeitet sie Erlebtes und Erträumtes, Ängste und Beobachtungen.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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