Stille Kraft,…

Jutta Engelhardt für #kkl57 „Selbstermächtigung“




Stille Kraft, aus dem Rückzug in die Tat

Laura legte ihre Arme auf beide Armlehnen und lehnte sich genüsslich zurück. Durch die Kraft ihrer Bewegung glitt die Rückenlehne wie von Zauberhand ein wenig nach hinten. Sie stöhnte kaum hörbar beim Ausatmen. Endlich der Laden war leer, niemand mehr da, nur sie, die Chefin. Sie erlaubte sich, so lange in ihrem kleinen exklusiven Möbelladen zu sitzen, wie sie wollte. Sie liebte es, sich in einem der gemütlichen Sessel auszustrecken und die Leute, die sich ihre Möbel anschauten, zu betrachten. Sie trug ein Barett, das sie geschickt drapierte. So lagen ihre Augen im Schatten. Es gab gleich zwei Schaufensterscheiben, die den rechten Winkel der Hauswand einsehbar machten.

Lauras Aufmerksamkeit wurde von einem herannahenden Mann geweckt. Er blieb vor dem Fenster stehen. Sie war sich nicht sicher, ob er eines der Möbelstücke oder sich selbst im sich reflektierenden Glas betrachtete.

Regungslos saß sie in ihrem Sessel, atmete flach und wartete. Er trug einen grauen Mantel, hatte einen Dreitagebart, sah nicht unattraktiv aus. Ein Auto fuhr vorbei und für den Bruchteil einer Sekunde wurde Laura durch das Scheinwerferlicht beleuchtet. Und just in diesem Moment schaute der Mann ihr ins Gesicht. Laura zuckte kaum merklich mit dem rechten Augenlid. Der Mann fixierte sie. Er näherte sich so sehr dem Glas, dass sie erkennen konnte, dass sich kleine blaue Sprenkel in der braunen Iris des Mannes befanden. Sein Atem ließ die Scheibe etwas blind werden. Er schaute sie an, ohne sich zu bewegen. Ein Lächeln begann seine Lippen zu umspielen. Er leckte mit der Zunge über seine Schneidezähne.

Es kostete sie viel Mühe, wie eine Schaufensterpuppe auszuharren. Die Hand des Mannes glitt nun hinauf zu den Knöpfen seines Mantels. Ganz langsam knöpfte er den Mantel auf. Er fixierte Laura mit seinen Augen, lächelte sie offen, fast verführerisch an. Mit einem Ruck riss er die Mantelhälften auseinander und entblößte seinen nackten Körper. Laura starrte ihn an. Sie sprang auf, bückte sich, hob einen der dicken schweren Dekorationssteine hoch. Mit beiden Händen wuchtete sie den Stein von innen gegen das Glas. Der Stein landete mit lautem Knall auf den Pflastersteinen des Bürgersteigs.

Laura stand vor dem großen Loch der Scheibe innen, der Mann außen.




Jutta Engelhardt lebt, arbeitet und wohnt gemeinsam mit ihrem Ehemann im Sauerland. Schreiben, Lesen und die Malerei sind wichtige Inhalte ihres Lebens.

Sie nutzt kreative Ausdrucksformen für eine stetige persönliche Auseinandersetzung mit den Facetten des Lebens, für eine andere Sichtweise, eine veränderte Perspektive.

Veröffentlichungen:

#kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, #kkl50, #kkl53, #kkl54

Literaturmagazin Cognac & Biskotten, Ausgabe Nr. 44 zum Thema „Alles Kacke?“ „Das literarische Klopapier“

jueng-kunst.jimdofree.com







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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