Michael Haas für #kkl57 „Selbstermächtigung“
Mein Wille ist
Mein Wille ist wandelbar. Er wandelt hier, er wandelt dort, und manchmal verlässt er mich auch geht einfach fort. Dann hält er mich nicht aufrecht, und ich schwanke. Man nennt das „Wankelmut“ und goutiert es nicht. Zu wissen, was ich will, ist wichtig. Ein fester Wille macht den Rücken gerade und sorgt dafür, dass man mit dem Kopf gegen die nächste Wand anrennt. Mir macht das nur Kopfschmerzen, aber die meisten Menschen halten dieses Tun doch für Heldentum. Helden müssen Kopfweh haben. Ich bin selten ein Held. Aber ich möchte auch keiner sein. Vor allem keiner, der eine massive Wand ui
zu durchstoßen versucht. Kopfschmerzen machen dumm. Erst recht, wenn man sie sich selbst bereitet. Das ist dumm, und es macht dumm. Also eine doppelte Dummheit. Ich denke lieber nach, bevor ich eine Dummheit mache. Üblicherweise jedenfalls. Dann kann ich leichter dazu stehen, als wenn ich nicht nachgedacht hätte. Wohlüberlegt erträgt sich eine Dummheit viel eher, wenn sie sich im Rückblick als Dummheit entpuppt.
Alle Texts haben ergeben, dass ich intelligent bin. Ich bin dazu kreativ. Ich könnte mir einen Rammbock bauen, und die Wand zum Einsturz zu bringen. Ich könnte mindestens so schlau sein, einen Hammer zu besorgen. Einen Presslufthammer bestenfalls. Ich weiß auch, wo ich den bekomme. Und ich weiß, dass ich die Pläne des Hauses brauche, um mich nicht an einer tragenden Wand zu schaffen zu machen. Dann bekomme ich eben Kopfweh vom Gerüttel und Gerüttel des Presslufthammers.
Wenn ich damit fertig bin, folgt die Frage, was ich da eigentlich tue. Ich weiß nicht, warum ich es tue. Ist es normal, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen? Da macht man doch ein Fenster auf, lässt die frische Luft herein und schaut hinaus. Dazu sind Fenster ja vorgesehen. So eine Wand einzureißen, ist eigentlich Unsinn. Den Kopf in das derart entstehende Loch zu stecken, stellt die Logik seines Trägers in Frage. Bis das Loch in der Wand ist, ist das Zimmer voll Staub, die Sicht ist vernebelt, und ich bekomm keine Luft. Wenn das mein Ziel ist, dann habe ich es zwar erreicht, aber ich frage mich, was das wohl soll. Möglich, dass ess einfach ein Zeichen für mich selbst ist: Du kannst etwas. Du findest eine Löscung. Du entdeckst eine Aufgabe und machst dich daran. Und wenn du sie vollendet hast, dann kannst du voll Stolz in den Spiegel blicken und sagen: „Ich habe es geschafft! Mein Wille ist geschehen!“ Es ist MEIN Wille, der durch MEINE Idee und MEINE Kraft umgesetzt wurde. Ich bin der Gott meines eigenen Lochs in der Wand. Ich habe die notwendigen Hilfsmittel entdeckt, habe sie beschafft und mich ans Werk gemacht. Ich habe ein großes Loch in der Wand entstehen lassen und meinen Kopf hindurch gesteckt. Ich habe den Baum vor dem Haus aus einer völlig neuen Perspektive gesehen und ihn auf diese Weise ganz neu entdeckt. Jetzt ist mir ein Vogelnest aufgefallen, das vorher meinen Blicken entzogen war. Natürlich ist es um dieser Jahreszeit leer, aber immerhin ist es etwas ganz Neues. Natur, die mit nicht einmal bei geöffnetem Fenster aufgefallen ist. Natur, die sich hinter einer undurchsichtigen Wand vor mir versteckt hat. Natur, der ich nun näherkommen konnte.
Ich sauge die Luft tief ein. Frischluft tut gut. Sie macht den Geist frei. Und irgendwann transportiert sie auch den Staub aus meiner Wohnung.
Nein, ich werde das Loch behalten. Ich werde es nicht wieder zumauern. Ich kaufe ein neues Fenster und baue es hier ein. Ein rundes Fenster soll es sein, dann habe ich weiterhin den Blick auf das Vogelnest davor. Und das Loch in der Wand bekommt einen Sinn. Ein Bullauge mit Ausblick. Nach Osten hin, wo die Sonne aufgeht. Statt Wecker die Sonne. Na, wenigstens im Sommer. Im Winter werden >Wecker gebraucht, weil es da den ganzen Tag finster ist. Trübsinnig finster.
Wen es Tag wird, ins Büro, wenn es finster ist, wieder zurück. Und weil es neblig ist, regnet oder schneit, bleibe ich zuhause. Aber da habe ich dieses Bullauge. Es gibt Ausblicke, die ich bisher nicht kannte. Es sind wunderbare Ausblicke. Ich will sie nicht missen. Das ist mein Wille. Aber da gibt es den Vermieter. Dessen Willen kenne ich nicht. Ich kann ihn nur vermuten. Diese Vermutung basiert auf der Erfahrung des Üblichen, der Annahme, dass mein Vermieter nicht anders reagiert als andere Vermieter. Ich nehme an, dass er das Bullauge entfernen lassen will. Rückgängig machen, das Loch zumauern. Nicht, weil es hässlich wäre oder den Wohnwert des Apartments verminderte. Aus meiner Sicht ist das Gegenteil der Fall, aber aus der Sicht eines Vermieters… In Ordnung, ich werde ihn überzeugen. Ganz unbedingt. Er wird sich meinem Willen beugen müssen. Ich habe die besten Argumente auf meiner Seite. Bessere Lichtverhältnisse, eine wunderbare Aussicht auf ein Stück Natur, schmückendes Element zwischen all den schrecklich normalen Rechtecken, ein Hingucker von außen. Mir fällt garantiert noch mehr ein. Ich mache eine Liste, lerne sich in der Vorbereitung des Gesprächs auswendig und hake sie ab, sobald das Gespräch stattfindet. Einer Einladung zur Besichtigung wird der Vermieter kaum ablehnen. Vermieter sind immer neugierig, was das Innere ihrer Wohnungen betrifft. Erst recht, wenn jemand etwas baulich darin verändert. Ich muss mich umhören. Trinkt er Alkohol, dann ist eine Flasche guten Weins hilfreich. Ansonsten Tee oder Kaffee, irgendein Saft, aber welcher? Eine Auswahl von Mineralwässern mit viel, wenig oder ohne Kohlensäure kann ich mir schon jetzt auf Vorrat kaufen. Ich mag es ja am l, liebsten aus dem Wasserhahn, aber das darf man einem Gast auf keinen Fall anbieten. Klingt für normale Gästeohren abwegig. Als wollte man sie statt mit einem opulenten Diner mit einer Schüssel Popcorn abspeisen. Ach nein, mit Chips. In Deutschland isst man ja kaum Popcorn. Auch nicht, wenn man eine Popcornmaschine sein eigen nennt. Schon diese Faktum klingt für deutsche Ohren abstrus, und abstrus zu erscheinen, ist das Dümmste, was mir jetzt einfallen kann. Ein Diner ist sicher eine gute Idee. Beim Kochen werde ich mir helfen lassen müssen.
Also mindestens eine Absprache mit Emma. Sie wird nicht dabei sein. Sie muss gehen, bevor der Vermieter kommt, sonst vermutet der bald den Einzug einer weiteren Person und erhöht die Miete. Das muss ich natürlich verhindern. Und als Küchenhilfe darf sie auch nicht auftreten. Er vermutet sonst zu hohe Einkünfte. Das wäre kontraproduktiv. Nein, sie darf vorbereiten, bei er Zubereitung helfen und alles so vorbereiten, dass ich es nur warmzuhalten brauche. Natürlich werde ich mich bedanken. Eine Einladung zum besten Japaner der Stadt muss es wert sein. Das überzeugt Emma sicher. Jetzt muss ich noch in Erfahrung bringen, ob mein Vermieter Vegetarier ist, Veganer gar oder normal. Vielleicht könnte ich sogar sein Lieblingsgericht herausfinden. Wäre schön, wenn ich das könnte. Menschen sind ja so bestechlich. Ich gebe es zu: Ich bin’s auch. Um meinen Willen durchzusetzen, kommt mir das natürlich zu pass. Sehr. Das erste was bei dem Wunsch, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, ganz gehörig ramponiert wird, ist der Kopf. Meiner blieb unbeschädigt. Jetzt muss ich nur noch meinen Willen durchsetzen. Wie gut, dass ich jetzt weiß, was mein Wille ist. Um die Durchsetzung werde ich kämpfen. Mit allen Mitteln. Ich hoffe jetzt nur auf Erfolg.
Michael Haas, 1969 geboren in Tübingen
Studium in Bayreuth und Hof
Verwaltungsmitarbeiter
lebt in Nürnberg
veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien
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