Kristina Kalteis für #kkl 57 „Selbstermächtigung“
Flügel
Montagmorgen. Schon wieder ist sie in der neuen Arbeitswoche – im Alltagstrott – gefangen. „Endlos.“, denkt sie. Ihr Leben – bloß eine Dauerschleife von wiederkehrenden Wochentagen. Das ist wohl, was man Erwachsensein nennt. Alle sagen, sie würden dies und das und auch noch jenes und vor allem Zusätzliches in ihr Wochenpensum stopfen können. Endlos. Endlos viel Zeit scheinen alle andern in nur einer Woche zu haben. In einer Woche, die genau wie ihre bloß sieben Tage hat. Schauplatz Schule heißt es für sie. Aber nicht mit Schulkindern gemeinsam lernen, nein, sie ist ‚nur‘ die Putzfrau. Gefangen im minderen Ansehen von außen. Teilweise sogar in Selbstverachtung von innen. „So weit haben es die anderen von außen schon gebracht.“, stellt sie enttäuschend fest. Gebunden an Wochentage und eingeengt vom Außen kämpft sie sich Tag für Tag durch ihr Leben. „Sie ist ‚nur‘ die Putzfrau, denken sicher alle andern.“, denkt sie. Da fällt ein Blatt vor ihr zu Boden. Noch eins. Von draußen vom Herbstwind hereingetragen wie schwerelos. Und im Herbst scheint ja immer alles etwas leichter zu sein – da draußen. „Schön.“, denkt sie, „Schön wäre es, frei zu sein.“. Frei und schwerelos wie ein dahinsegelndes Blatt. Stattdessen fühlt sie sich schwer und müde in den von ihr ausgeführten monotonen Wischbewegungen. Wie ein Roboter funktioniert sie Tag für Tag. Sieht überall nur Grenzen und überall nur Hürden. Traurig ist sie nur etwas, aber lebendig kaum noch. Sie wischt und wischt weiter. Nun ist es schon spät und die letzten Kinder gehen nachhause. Sie aber bleibt, denn jetzt fängt ihre Arbeit erst so richtig an. Sie fegt nun vor dem Eingangstor und räumt am Boden liegenden Müll weg. Sie zieht weiter ihren begrenzten Weg durch die breiten schmalen Gänge. Dann öffnet sie die Tür zur Direktion. Doch irgendetwas stimmt hier nicht. Die Türklinke noch in der Hand erstarrt sie vor Schreck. Am Fensterbrett liegt ein Knochen. All die Ordnung, aus der ihr Alltag besteht, ist nun dahin. Panisch stürmt sie aus dem Zimmer. Kein Wort verlässt ihren zusammengepressten Mund. Bedingt handlungsfähig macht sie plötzlich kehrt und rennt zurück ins Zimmer und schnappt nach dem Telefon. Zitternd tippt sie „133“. Dann ist für sie erstmal alles vorbei, denn der Anruf konnte wegen abrupten Stromausfalls nicht erfolgen. Erschöpft sinkt sie zu Boden. Mitte 30 und keine Kraft mehr. Im Dunkeln sitzt sie nun mit dem Knochen, von dem sie nicht weiß, wie der in ihre Hand gekommen ist, am Boden der Direktion. Kein Ton, kein Wort. Absolute Stille umgibt sie. Und auf einmal merkt sie, dass sie eigentlich nicht weitermachen muss – wie bisher. Dass sie doch einfach gehen kann. Weg von hier und nie mehr wiederkommen. Weil im Grunde sie nichts und niemand hier gefangen hält. Denn bloß sie dachte, sie müsste hier sein. So schmeißt sie all ihre Verantwortung aus dem Fenster, lässt all das Chaos hinter sich, holt tief Luft und verschwindet in die unbeschwerte Dunkelheit in Richtung grenzenlose Freiheit. Mit Gebell aus Richtung des Schuleingangs fühlt sie beim hektischen Flattern der Abendfalter plötzlich wieder ihre eigenen Flügel. Und sie denkt: „Unterwegs ist alles möglich.“.
Kristina Kalteis, 22 Jahre, Studentin für Gemanistik und Lehramt (Deutsch & Ethik), lebt in Sankt Pölten.

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