J.J.R. Lehmann für #kkl57 „Selbstermächtigung“
Der Weg nach Bhujurti
„So sagt man zumindest. Rani, was hast du denn zu verlieren? Geh hin, du wirst schon sehen, ob man dir helfen kann.“ Die dicke Nachbarin lächelte maternal, als habe sie einem kleinen Kind ein Honigbällchen angeboten.
„Zu verlieren? So einiges! Eine Ehe, sieben Kinder, ein Haus. Auch einen Ruf im Dorf. Ich kann nicht einfach weggehen. Was sage ich meiner Familie? Was sollen denn die Leute denken?“
„Besser, deine Kinder und dein Mann wissen nicht, wo du bist. Sie würden nach dir suchen. In einigen Tagen bist du doch wieder zurück. Und geheilt wirst du auch sein.“
Rani dachte nach. Ihre Familie würde nach ihr suchen, ob sie wüssten, wohin sie gegangen wäre, oder nicht. Der Gedanke daran, einfach wegzugehen, verursachte ihr einen Krampf im Magen. Sie bedankte sich für den Ratschlag und verabschiedete sich.
Sie eilte nach Hause, wusch den Mais, buk Brot, kochte Linsen, deckte den Tisch, aß mit ihren Kindern, ließ sich von ihrem Mann beschlafen. Als ihr Mann erschöpft eingeschlafen war und die Kinder sanft schnarchten, lag sie noch immer wach. Weil sie keinen Schlaf fand, dachte sie über die Worte der Nachbarin nach. Oder fand sie keinen Schlaf, weil sie an das Gespräch dachte? Einerlei. Ihr Bett drückte sie, die Decke kniff. Ihr ganzes Leben war ihr unbequem. Sie stand auf. Ranis Weg führte sie an die frische Luft an der Türschwelle. Sie blickte noch einmal ins Dunkel hinter sich, horchte noch einmal nach dem Schnarchen. Dann – sie wusste nicht, wie – überschritt sie die Schwelle und ging einfach darauf los, ohne Fackel, ohne Wäsche, ohne Proviant. Vielleicht mit einem Fünkchen Hoffnung.
Sie lief, bis ihre Füße bluteten. Als sie dachte, sie könne nicht mehr, ging sie dennoch weiter. Die Sonne ging auf, Rani weinte, schwitze, blutete und ging weiter. Den ganzen Tag hindurch war sie ohne Rast gelaufe, bis sie am Abend in ein prächtiges Städtchen am Fuße eines mächtigen Berges kam. Sie verlor sie keine Zeit, strebte nach dem Hügel und stieg die Treppe zum Tempel hinauf. Die Stufen waren so in den Stein gehauen, dass man über einen steilen Hang weit über die Stadt gelangte. Sie druchbrach Nebelschwaden auf ihrem Weg bergauf. Oben gekommen hörte sie freudige Stimmen, denen sie in einen großen bunt bemalten Raum folgte. Die Menschen umringten einen alten bärtigen Mann, sangen und tanzten. Rani setzte sich auf den Boden und massierte ihre geschundenen Füße. Als die Tänze und Gesänge beendet waren und der Alte alle gesegnet hatte, strömten die Massen davon. Der Blick des alten blieb Rani hängen.
„Warum gehst du nicht mit den anderen, mein Kind?“ Er näherte sich und setzte sich schwerfällig neben Rani.
„Großer Guru, meine Nachbarin sagte, in diesem Tempel könne ich den Weg ins Nirvana finden.“
„Ins Nirvana?“ der Alte lachte. „Was glaubst du, was dieses Nirvana wohl sei?“
„Ist das Nirvana denn etwa nicht der Ort, an dem alle glücklich sind? Nicht das Paradies?“
„Stellst du die Frage mir oder dir selbst?“
Rani fühlte sich ertappt. Sie zweifelte mittlerweile an allem. So vieles in ihrem Leben schien sich gegen sie zu wenden. Warum nicht auch das Nirvana? Sie wollte dem Gedanken trotzen und ballte die Fäuste. „Das Nirvana ist die höchste Stufe des Seins. Ganz oben.“
„Ganz oben also? Wie fühlt man sich denn da ganz oben?“
Rani dachte lange nach. Ihr Mann hatte sie vor einigen Jahren ganz nach oben geschickt – auf das Dach der Welt. Sie war mit einer Gruppe von Pilgern wochenlang auf das Gebirge gestiegen. Einige Tage war sie ganz oben geblieben, ehe sie sich auf den wochenlangen Abstieg gemacht hatte „Ich war in einem buddhistisches Kloster in Nepal. Zumindest für ein paar Tage.“
„Für einige Tage? Dann hast du das Nirvana schnell gefunden.“
„Im Gegenteil. Ich habe nichts gefunden. Nichts. Ich hatte gehofft, dass ich ganz oben im Himmel die Götter finde. Dass Indra den Sturm in meinem Herzen zügelt oder den Nebel aus meinen Gedanken lichtet. Dass Vishnu das Universum sortiert oder Ordnung in mein Leben bringt. Doch es war kalt und düster. Ich sah keine Götter, nur karge Felsen. Ich habe erwartet, dass der Tempel die Götter beherbergt, alles bunt und golden ist. Dort oben ist man allein.“
Der Alte sah Rani eindringlich an. „War dir denn nicht klar, dass sich dir die Götter nicht zeigen werden? Ich vermute, du warst enttäuscht, dass du etwas anderes nicht gefunden hast. Warst du nicht eigentlich auf der Suche nach etwas völlig anderem?“
Rani hatte sich diese Frage im Stillen oft schon selbst gestellt. Daher wusste sie die Antwort bereits. „Ich wollte weg von all meinen Problemen.“
„Lass mich raten. Als du an einem anderen Ort warst, einem Ort, den du für so weit weg und so hoch oben hieltst, dass du dachtest, die Probleme könnten dich nicht verfolgen, stelltest du fest, dass du alle Probleme einfach mit dir genommen hattest, ist es nicht wahr?“
Rani nickte. Der Guru sprach weiter: „Wenn du also oben nicht fündig geworden bist, wo würdest du denn suchen, um die Erlösung zu finden?“
„Unten?“, antwortete Rani.
„Ist das wieder eine Frage?“
Rani dachte nach. Dann sprach sie: „Wenn ich eine Antwort hätte, würde ich Euch nicht um Rat bitten, mein Guru.“
„Um Rat bitten? Du hast mich doch gar nicht um Rat gebeten. Und wer sagt dir, dass ich einen Rat für dich hätte?“
„Man erzählt sich, dass die Menschen bei Euch Rat finden.“
„Rani, mein Kind“, sagte der Guru und setzte dann eine Pause, um Rani nachdenken zu lassen. Sie erschrak, denn sie hatte dem Mann ihren Namen nicht gesagt. Woher wusste er ihn? Als der Guru das Blitzen in ihren Augen gesehen hatte, sprach er weiter. „Du suchst dich selbst, du willst Erlösung, du brauchst einen Rat, du gierst nach dem Nirvana. Weißt du denn eigentlich, wie sehr du deine Seele damit in Verwirrung bringst? Rani, die Menschen, die hierher kommen, haben alle tausend verschiedene Fragen und Millionen und Abermillionen Probleme. Deshalb singen wir und tanzen. Davon gehen die Probleme nicht weg und keiner findet Antwort auf seine Fragen. Aber so haben wir Zeit zu atmen. Die Brust braucht die Luft und deine Seele die Pause wie ein Baby seine Muttermilch. Was geschieht, wenn ein Baby nicht trinkt? Das stößt auch deiner Seele zu, wenn du nicht singst und tanzt.“
„Das ist albern“, stellte Rani fest und bereute ihren Ton sofort.
„Albern findest du das? Ich finde es albern, sich in der Nacht davon zu stehlen, ohne jemandem Bescheid zu geben. Das ist nicht nur unhöflich und egoistisch, es ist vor allen Dingen leichtsinnig und gefährlich. Nicht auszumalen, was dir zustoßen können hätte.“
Ranis Herz raste. „Das habe ich nicht so gesehen.“
„Wie sieht es denn deine Familie? Sind sie nicht alle aufgewacht und dein Bett war leer. Hast du einen Brief hinterlassen und eine Spur gelegt, die sie verfolgen konnten? Rani, wenn du schon hier bist, lass es einen Erfolg sein. Du bist oben nicht fündig geworden. Wo wirst du als nächstes suchen?“
„Unten.“ Diesmal klang Ranis Rede nach einer Antwort statt einer Frage.
„Gut. Dann versuche es unten. Und wenn du denkst, dass du ganz unten bist, dann solltest du noch einen Schritt tiefer gehen. Die Lösung liegt auf dem Grund.“
Der Guru richtete sich auf und ging davon, ohne sich einmal umzudrehen. Rani brachte es nicht fertig, ihm nachzurufen. In ihrem Bauch rumpelte es. Wut staute sich in ihrer Brust. Sie hätte zürnen wollen, sich beschweren. Sie hätte den alten Sack gerne beleidigt, dachte sie. Nichts davon tat sie. Ich weinte nicht einmal. Auch das hätte sie gern getan. So saß sie lange Zeit noch regungslos, gedankenlos. Ranis Blick fand den dämmernden Tag und riss sie aus den Gedanken. Rani schwirrten die Worte des Gurus durch den Kopf. Sie stand auf und schritt aus dem Tempel hinaus.
Sie stieg die Treppen hinab und hinab. Rani war zufrieden mit sich, dass sie die Lösung des Rätsels so schnell gefunden hatte. Als sie unten im Städtchen angelangt war, spazierte sie durch die Gässchen und dachte fest daran, sich selbst zu finden. Doch stattdessen fand sie das Ende des Dorfes.
Ein Pfad führte den Hügel weiter hinab in ein Wäldchen. Da verstand sie, dass sie noch weiter hinunter musste. Das musste der Guru wohl meinen. Rani ging in das Wäldchen und setzte sich auf den blanken Erdboden neben ein Bächlein. Sie schloss die Augen und atmete. Doch schon bald stellte sie fest, dass das Plätschern des Baches zu laut war, um sich selbst zu finden. So stand Rani auf und ging tiefer in den Wald hinein.
Sie kam an eine dicht begrünte Stelle, wo die Kronen der hohen Urwaldbäume die Abendsonne verhüllten. Sie setzte sich auf einen kalten Fels, überkreuzte die Beine und schloss die Augen. Sie atmete tief und sah sich in Gedanken nach sich selbst um. Doch schon bald stellte sie fest, dass das Surren der Insekten und das Gelächter der Affen zu laut war, um sich selbst zu finden. So stand Rani auf und riss Grasbüschel aus. Sie formte daraus Stöpsel, die sie sich in die Ohren stopfte.
Dann setzte sich Rani wieder auf den Felsen und setzte die Suche nach sich selbst fort. Nun, so glaubte sie, tat sie alles, was der Guru ihr geraten hatte. Sie war ganz weit nach unten gegangen, sie machte eine Pause und atmete. Und sie befand, dass sie das gut machte.
Schließlich schlief sie in der Stille ihrer verstopften Ohren, der pochenden Erschöpfung ihrer wunden Füße und dem Dunkel der heraufziehenden Nacht tief ein. Sie träumte zuerst verrückte Episoden. Sie schlachtete ein Schwein und aus der Schnittwunde platzten tausend bunte Honigbällchen. Sie wusch die Wäsche und jedes Kleidungsstück verwandelte sich in eine Taube, sobald es das Wasser berührte. Doch später erfüllte der Schlaf ihre Träume mit Ernst und Wut und Trauer. Ihr Mann sagte, er wünsche sich, dass sie mehr Freude daran empfinden solle, wenn er mit ihr schlafe. Dann bleckte er eine vibrierende Schlangenzunge. Sie entband ihre Erstgeborene unter Schmerzen. Als man ihr das Kind auf die Brust legte, empfand sie nichts. Rani glaubte, man müsse doch etwas spüren, wenigstens irgendein Gefühl, wenn schon nicht Freude – Erleichterung wenigstens – doch auch das fühlte sie nicht. Rani hasste sich dafür, dass sie nichts empfand. Ihre Kinder stritten miteinander und Rani schimpfte mit ihnen. Wo auch immer ihre Hände etwas berührten, den Tisch, einen Stuhl, die Schulter ihres Zweitjüngsten, fing alles sofort Feuer. Bald stand das ganze Haus in lichterlohen Flammen. Während sie dastand und in die Flammen blickte, griff eine Hand nach ihr und riss sie rücklings fort. Obwohl sie in der Finsternis des Traumes nichts sehen konnte, ahnte sie mit der Gewissheit, die Träume mit sich bringen, dass die Hand ihrem Vater gehörte und sie wieder ein kleines Mädchen war. Ihr Vater war wütend über etwas, das sie nicht verstand. Plötzlich packte die Hand sie am Kragen und drückte sie in ein Fass voll Regenwasser. Die Hand zog Rani unter Wasser. Sie japste und schlug um sich. Die Hand war hart wie Eisen und drückte sie immer wieder auf den Grund des Fasses. Der Druck presste alle Luft aus ihren Lungen. Sie strampelte bald nicht mehr. Und bald ergab sie sich ihrem Schicksal. Rani glaubte im Traum, nun sei alles vorbei gewesen. Doch plötzlich wurde es hell um sie herum. Sie sah über sich die Wasseroberfläche und erahnte ein Gesicht, das ins Fass und auf sie herab blickte. Sie blickte in vertraute Augen und erkannte sich selbst. Ihr erwachsenes Ich griff in das Fass und zog das kleine Mädchen aus dem Wasser.
Sie schreckte aus dem Schlaf und griff sich an die Kehle. Ihr Herz schlug wie verrückt. Ihr Atem schien sich kaum mehr zu beruhigen. Sie benötigte, bis die Sonne schon am Mittag stand, um ihren Traum zu verwinden. Oftmals hatte sie geträumt, aber konnte sich schon recht bald nicht mehr daran erinnern, was. In den meisten Nächten wusste sich gar nicht einmal, dass sie überhaupt geträumt hatte. Doch diesen Traum erinnerte sie sehr klar und deutlich. Daraus leitete sie ab, dass er etwas zu bedeuten hatte. Rani beschloss, wieder nach Hause zu gehen und auf dem Weg über den Sinn des Traumes zu sinnieren.
Auf dem Weg nach Bhujurti, wo ihre Vor- und Vorvorväter seit Generationen lebten, und wo auch sie ein kleines Häuschen mit ihrem Mann und ihren sieben Kindern bewohnte, kam ihr der Gedanke, ihren Vater zu besuchen. Sie hatte ihn seit der Geburt ihrer dritten Tochter nicht mehr gesehen. Sie fand es schade, dass der Mann nicht die Rolle des Großvaters für ihre Kinder einnahm. Dennoch tat es ihr gut, Abstand zu einem Menschen zu haben, der so gewalttätig war und so schnell aus der Haut fuhr. Sie wollte ihn auch nicht seinetwegen wiedersehen. Sie hatte den Drang ihn zu besuchen, weil sie ihn mit dem Traum konfrontieren musste.
Als sie nach Bhujurti kam, schritt sie schnurstracks an ihrem eigenen Haus vorbei und durchquerte das Dorf, bis sie an ihr altes Elternhaus gelangte. Mutter schien nicht da zu sein. Vater hingegen hatte sie wohl entdeckt. Er kam ihr auf seinem Gehstock gestützt entgegen.
Die Stimme des Greises war rau und trocken. „Lässt du dich auch mal wieder blicken?“
„Ich möchte mit dir reden“, antwortete Rani.
„War ja klar, dass du nur kommst, wenn du etwas willst. Warum besuchst du deinen armen alten Vater nicht? Respektierst du mich nicht?“
„Die Wahrheit darüber werde ich dir verraten.“ Ranis Finger zitterten. Ihre Augen tränten. Sie schluchzte. „Ich wollte dir sagen, das du mein Leben ruiniert hast. Du hast mein Herz und mich gebrochen.“
„Bist du also gekommen, um mir Vorwürfe zu machen?“
„Du hast mich geschlagen und missbraucht. Du hast mir ganz schlimme Gewalt angetan.“
„Du hattest eine schöne Kindheit. Frag deine Mutter, wenn sie kommt. Du hattest immer genug zu essen, schöne Kleider, und bei den Göttern habe ich dir nicht einen fruchtbaren Ehemann ausgesucht?“
„Ich erinnere mich ganz genau, wie du mich aus Zorn über irgendeine Kleinigkeit, die gar nichts mit mir zu tun hatte, am Kragen gepackt und ins Regenfass getaucht hast.“
„Wie kannst du es wagen? Das ist nie passiert.“ Ranis Vater winkte ab.
„Ich sehe es genau vor meinen Augen. Manchmal träume ich davon und wache schweißgebadet auf.“
„Das bildest du dir ein.“
Rani ballte ihre Fäuste. Ihre Stimme knallte wie eine Peitsche. „Ich hatte Todesangst. So etwas bildet man sich doch nicht ein. Wie konntest du mir das antun? Ich war ein Kind!“
„Warum kommst du dann erst jetzt damit zu mir?“
„Ich habe erst jetzt den Mut gefunden, so tief in meine Seele zu sehen. Jetzt möchte ich ein für alle Mal aufräumen. Du wirst dir gefälligst anhören, was ich zu sagen habe.“
Ranis Vater hustete. „Allein, dass du etwas zu sagen hast, heißt nicht, dass ich etwas zu hören habe. Verschwinde, Rani, wenn du hier nur schlechte Stimmung verbreiten möchtest. Deine Mutter wäre enttäuscht von dir. Undankbares Balg!“ Er drehte sich weg und stakste zurück ins Haus.
Rani fiel auf die Knie. Sie schlug die Hände über das Gesicht und schluchzte. Sie schrie so laut, dass Menschen auf die Straße kamen. Doch noch bevor ihr Vater es zurück ins Haus geschafft hatte, ging ihr ein Gedanke auf. Sie war wütend, frustriert, desillusioniert, enttäuscht. Doch ihr Vater hatte nichts von all dem gefühlt. Er genoss sein Essen, er ging seelenruhig schlafen, er dachte nicht einen Augenblick darüber nach, was er ihr angetan haben könnte. Er wollte es ja noch nicht einmal wahr haben, wenn sie ihn damit konfrontierte. Da verstand sie, dass all ihre Gefühle nur in ihr selbst stattfanden. Natürlich hatte ihr ihr Vater das alles angetan. Sicherlich, er war der Täter. Dennoch hatte sie sich selbst all die Schuld aufgeladen. Sie selbst dachte, sie sei nicht liebenswert. Sie selbst redete sich ein, dass sie der Fehler wäre. Damit war jetzt Schluss.
Rani stand auf, wischte sich die Tränen ab und rief ihrem Vater hinterher. „Danke!“
„Na also“, hörte sie ihren Vater meckern.
Dieser Dank galt der Offenbarung. Sie dankte ihrem Vater, der ihr gezeigt hatte, welche Art Mensch er war und dass er sich niemals ändern würde. Sie dankte ihm, dass sie nie wieder ein schlechtes Gewissen haben musste, wenn sie daran dachte, dass sie ihren alten Herrn nicht besuchte. Sie dankte ihm, dass er ein Ende setzte, wo sie selbst zu nie gewagt hätte, eine Grenze zu ziehen.
Dann rief sie erneut und noch lauter: „Danke!“
Ihr Vater winkte erneut ab und verschwand ins Haus. Dieser Dank galt jedoch nicht ihrem Vater. Sie dankte dem Guru, der ihr den Weg hinab auf den Grund des Fasses zeigte und sie auf den Weg nach Bhujurti schickte.
Obwohl sich indes Nachbarn versammelt hatten, um die Szene mitanzusehen, schämte sie sich nicht ein drittes Mal zu rufen. Rani schrie aus voller Brust: „Danke!!“
Sie meinte sich selbst. Sie hatte Jahre und Jahrzehnte ausgehalten und niemals aufgegeben. Schließlich ist sie bis auf den Grund des Fasses getaucht und letztlich sogar den ganzen Weg nach Bhujurti gegangen. Ihre Familie würde es nicht ahnen, aber Rani würde verändert nach Hause zurückkehren – tausend Pfund leichter.
J.J.R. Lehmann ist Vater. Lehrer. Mensch. Und manchmal alles drei zusammen, wenn er in seinen Texten die Tiefe der menschlichen Seele ergründet. Seine Geschichten sollen Lesenden Mut machen. Ist das Leben eine schauderliche Schlagengrube oder eine lustige Poolparty? – Manchmal entscheidet darüber nur der Blickwinkel. Lehmann ist Jahrgang 1985 und stammt aus München, mit seiner Familie lebt er heute in Nürnberg und schreibt gerade an seinem zweiten Roman.
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