Meine Magie

Luna Day für #kkl57 „Selbstermächtigung“




Meine Magie

Keuchend wachte ich auf. Es war Monate her, dass die ältesten mein Lumen genommen hatten, und ich spürte immer noch den Schmerz in mir.

»Leonie?«, hörte ich Sonja, meine Freundin.

»Ich …« Tief atmete ich durch. Die Menschen, die nie Lumen hatten, wussten nicht, wie schmerzhaft es war, wenn sich Magie mit der Seele verband und einem dann genommen wurde. Darum verstand sie nicht, wie es mir deswegen ging. Mein Blick glitt zu ihr. »Alles gut.«

Seufzend setzte sie sich zu mir. »Ich glaub dir nicht.« Sie nahm mich in den Arm. Es tat gut, sie bei mir zu haben. Wir kannten uns, seit ich denken konnte. Es gab Bilder von uns in einer Krabbelgruppe. Selbst, als ich den Test bestand und mein Lumen bekommen hatte, blieben wir Freundinnen. Was sehr selten vorkam. Die Menschen mit Lumen sahen sich als etwas Besseres an, als die ohne.

»Ich weiß«, sagte ich leise und lehnte mich bei ihr an.

Wir schienen eingeschlafen zu sein, da es hell war, als ich von einem Klopfen die Lider öffnete. Gähnend erhob ich mich. An der Tür stand Moriz.

»Ich habe die Zeitung mitgebracht.«

Seufzend ließ ich meinen Bruder eintreten. Mir war ja klar, dass ich ohne Lumen nicht mehr im Rathaus arbeiten durfte, aber musste er deswegen so nerven. Schließlich wollte ich nicht so einfach aufgeben. Ich wollte meine Magie zurück und mich wieder ganz fühlen.

»Schau nicht so betrübt, es ist eine vorübergehende Lösung.«

Sonja lehnte sich an den Türrahmen zur Küche. »Das ist keine Lösung, sondern aufgeben.«

Ich lächelte meiner Freundin zu.

Er verdrehte die Augen und ging auf sie zu. »Nein, kein Aufgeben. Aber ohne Geld kann man nicht leben.«

»Leonie hat Erspartes.«

Er nahm sie in den Arm. »Auch das reicht nicht für immer, mein Schatz.«

Nun verdrehte sie die Augen und lehnte sich bei ihm an.

Seufzend ergriff ich die Zeitung. Er würde Argumente herziehen, die zum Haareraufen wären und vollkommener Unfug. So war er nun mal. Aber daher wusste ich, dass es keinen Sinn machte, ihm zu trotzen.

Während ich am Küchentisch saß und gedankenverloren Kreise am Rand des Papiers machte, kochte Sonja. Fast genauso saß ich auch da, als ich den Brief bekam, dass ich sofort ins Rathaus kommen sollte. Ich ging natürlich hin, da ich mir nichts zu Schulden kommen hab lassen. Aber der Rat hatte anderes gehört und mir mein Lumen genommen. Sicherlich hatten sie mir gesagt, wenn ich beweisen könnte, dass die Anschuldigungen falsch wären und ich es wiederbekommen würde. Doch keinesfalls bekam es jemand wieder. Deswegen aber aufgeben? Niemals!

Ich rieb mein Genick. Das Problem an der Sache war, dass ich nicht mal wusste, was ich getan haben soll. Es hieß nur: »Leonie Willson, Sie haben gehen das Magiegesetz verstoßen und werden mit dem Entzug Ihres Lumens bestraft. Sollten Sie beweisen können, dass Sie nichts getan haben, wird es Ihnen zurückgegeben.«

Bevor ich reagieren konnte, spürte ich schon den Schmerz und wurde ohnmächtig.

In meinem Kopf ging ich letzten Wochen durch, aber ich kam nicht darauf.

»Leonie?«, unterbrach Sonja meine Gedanken.

»Was?«

Sie setzte sich lächelnd zu mir. »Du hast so komische Geräusche gemacht.«

Ich seufzte. »Tut mir leid.«

»Ich weiß, dass dein Bruder etwas nervig sein kann, aber du kannst dir wirklich Zeit lassen.«

Meine Mundwinkel hoben sich. »Danke, ich kann mich eh nicht wirklich konzentrieren.«

»Weißt du was?«

»Was denn?«

»Wir gehen jetzt spazieren, das tut dir gut.«

Ich stimmte ihr zu. In der Zeit, als ich mich für draußen angezogen hatte, hatte sie das Essen vom Herd genommen und meinem Bruder eine Nachricht geschrieben.

Schweigend liefen wir im Park. Sie ging mit geschlossenen Lidern und ihr Gesicht zur Sonne zugewandet. Ich hingegen betrachtete traurig die Menschen und was sie mit ihrem Lumen taten.

»Sie sind nicht besser als du.«

»Ich weiß.« Ich wandte mich zu ihr. »Du hast doch die Augen zu.«

»Trotzdem höre ich dein Seufzen und wie du hin und her blickst.«

»Lass uns hinsetzten«, meinte ich und führte sie zu einer Bank, nachdem sie zugestimmt hatte.

Sie begann zu reden, als wenn mich das abgelenkt hätte. Nichts ließ mich vergessen, was passiert war. Den Schmerz konnte nicht mit Worten vergehen.

Plötzlich hörten wir Autoreifen Quietschen und kurz darauf krachte es. Geschrei, darunter weinte ein Baby. Sonja und ich rannten los. Erst zum Zaun, dann weiter zum Ausgang und anschließend zur Unfallstelle.

Ein Auto hatte sich überschlagen und das Weinen kam aus dem Inneren. Ich kniete mich hin. Im Babysitz saß wirklich ein kleines Kind. Es schien unversehrt.

»Ich hol die Frau heraus«, rief jemand.

Ich nickte und wollte nach dem Baby greifen. »Die Frau besitzt Lumen, wir kommen nicht heran.«

»Ihr müsst das Auto aufrichten«, meinte Sonja.

Wir bejahten es und versuchten einen Halt zu finden, der es zuließ, dass wir das Auto erst mal zur Seite richteten, um es dann auf die Räder zu bekommen.

»Helfen Sie uns doch«, vernahm ich von Sonja.

Immer mehr drückte ich. Ich konnte und wollte nicht aufgeben. Diese beiden sollten nicht sterben. Auf einmal ging es ganz leicht. Keuchend sah ich auf meine Hände, wie sie vom Lumen leuchteten.

»Wie?«, japsten Sonja und ich wie aus einem Mund.

Der Mann wischte sich über die Stirn. »Hattest du schon mal Lumen?«

»Ja, aber …« Ich wollte es nicht aussprechen, aus Angst es wieder zu verlieren.

»Du bist über dich selbst herausgewachsne.«

»Ich hab doch nur … nein wir haben doch nur helfen wollen.«

Er lächelte. »Siehst du hier irgendjemanden mit Lumen, der geholfen hat?«

Ich verneinte es und wandte mich zu dem Baby, was zu mir sah, während es brabbelte, als wenn nichts passiert wäre.

»Du hast gehandelt, ohne zu zögern.«

»Das erklärt aber nicht, wie sie es wieder bekommen hat, wenn man es ihr entzogen hat«, mischte sich Sonja ein.

»Nun, ganz einfach. Das Lumen verbindet sich mit unserer Seele. Dieses entziehen wirkt auf den Teil, der nicht an der Seele ist.«

Ich runzelte die Stirn.

»Stell dir einen Kuchen vor, auf dem du eine Glasur tust, es gibt einen Teil, der nicht den Kuchen berührt.«

»Und das hat der Rat mir abgesaugt«, hinterfragte ich.

»Genau. Es bleibt also immer etwas daran kleben. Nur ist es zu schwach, um noch Magie zu wirken. Außer wenn man über sich hinauswächst, wie du gerade.«

»Aber ich wollte doch nur das Auto wieder richtig stellen, um der Frau und dem Baby zu helfen.«

»Ja und hast deine ganze Kraft dafür genutzt, was das Lumen stärker gemacht hat.«

»Ich verstehe es immer noch nicht ganz.«

Er lachte und legte seine Hand auf meine Schulter. »Glaubs mir, wenn man alles über das Lumen wissen würde, würde jeder es besitzen. Aber das, was dir passiert ist, hat etwas mit sehr alter Magie zu tun.«

»Woher wissen sie das alles?«, fragte Sonja.

»Weil ich Lumen versuche zu erforschen. Ich habe schon einiges herausgefunden, was nicht mal der Rat weiß.«

»Haben Sie …« Sonja zeigte auf meine Hände.

»Nein, meine Seele ist zu verletzt, um sich mit dem Lumen zu verbinden.« Er lächelte mich an. »Versuch jetzt an die Frau zu kommen, damit wir sie auch wirklich retten.«

Mit rotem Gesicht lachte ich auf. Ich hatte es für einen Moment wirklich vergessen. Schnell ging ich auf die andere Seite und griff ins Innere. Tatsächlich konnte ich nun die Frau berühren. Wie war noch mal der Spruch für die Heilung? »Sanare Lumina, fließ wie das Licht, heile den Schmerz, bring neues Gleichgewicht. Mit Kraft der Erde, Luft und Zeit, werde gesund – sei nun bereit.« Schon begannen meine Hände wieder von einem leuchtenden Nebel umschlungen zu werden, der auf die Frau überging.

Blinzelnd sah sie mich an. »Was ist passiert?«

»Das weiß ich nicht, aber der Herr und ich, haben ihr Auto aufgerichtet und Ihnen geholfen.«

»Mein Baby«, rief sie aus und wandte sich um.

»Ihm geht es gut«, sagte Sonja, die gerade zum hinteren Fenster ihren Kopf streckte. »Stimmts? Dir geht es gut.«

Erleichtert sah die Frau zu mir. »Danke.«

»Ich danke Ihnen.« Mein Blick ging zu dem Mann. »Und Ihnen auch.«

»Sehr gerne.«

Ich fragte mich zwar immer noch, was ich getan haben sollte, dass das Lumen gewachsen war. Da ich aber es vermutlich nie verstehen würde, war ich froh, dass der Schmerz weg war und ich mich wieder komplett fühlte.




Luna Day wurde 1982 in Wertingen geboren und wuchs in Augsburg auf, wo sie immer noch mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie durch Harry Potter und Roll-Play-Games-Fanfiction in Foren. Sie verfasst Kindergeschichten, aber auch Fantasy- und Liebesgeschichten. Trotz ihrer Lese-Rechtschreib-Schwäche hat sie bereits einige Geschichten in Anthologien unterbringen können. Ihre erste Novelle erschien im März 2021.Ausschreibungen.

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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