Heike Promberger für #kkl58 „Ethik“
Das Richtige
Die Hand war kalt. „Wie faltig sie ist und wie trocken sie sich anfühlt“, dachte Renate. Wann hatte sie zuletzt die Hand ihrer Mutter gehalten? Einfach nur so gehalten? Es wollte ihr nicht einfallen. Für Zärtlichkeiten hatte ihre Mutter nie viel übrig gehabt. Selten eine Umarmung, ein Kuss. Es war still im Raum. Nicht mal das Ticken einer Uhr war zu hören. Renate schüttelte den Kopf. Gerne hätte sie diesen Moment wie ein Blatt Papier in viele kleine Stücke zerrissen und das Klo hinuntergespült. Ihre Mutter war gegangen, als es schwierig wurde. Wie immer. Doch diesmal war es das Richtige gewesen.
Sie hätte erleichtert sein müssen, dass es vorbei war. Das all die Gedankenspiele und Pläne der letzten Wochen sich aufgelöst hatten. Dieses Hin- und Hergerissen sein zwischen der Verantwortung für das Leben der Mutter und den eigenen Belangen. Renate fühlte in sich hinein, aber da war nichts.
Einmal die Woche hatten sie miteinander telefoniert. Immerhin! Über nichts Bestimmtes geredet. All die emotionalen Tretminen vermieden. Allgemeinplätze bedient. Nur immer schön um den heißen Brei herum! Die Besuche aber waren immer schwierig gewesen.
„Du bist so undankbar!“ Selbst unausgesprochen war dieser Vorwurf ihrer Mutter der Elefant im Raum, der ununterbrochen in Renates Hirn trötete.
„Ich habe dir alles ermöglicht! Wegen dir musste ich auf so vieles verzichten.“ Renate hatte die Tiraden stumm hingenommen. Wozu eine sinnlose Diskussion? Alleinerziehend war die Mutter gewesen. Nie hatte Renate erfahren, wer ihr Vater war. Die Mutter hatte eisern geschwiegen, den Mund zu einer stummen nicht überwindbaren Linie verzogen. Sie hatte sie angeschrien, es ihr endlich zu sagen. 250 Kilometer hatte sie zwischen sich und ihrer Mutter gelegt. Gereicht hatte das als Abstand nie.
„Du musst dich kümmern,“ hatte Frau Hornung, die Nachbarin, gemeint, „sie ist schließlich deine Mutter!“
Renate legte die Hand ihrer Mutter vorsichtig auf die Bettdecke zurück. Sie atmete tief ein.
Die Aussetzer und die Missgeschicke hatten sich gehäuft. „Im Alter wird man eben tüttelig“, dachte Renate. Aber tief in ihrem Inneren wusste sie natürlich, dass ihre stets beherrschte und organisierte Mutter ein ernstes Problem hatte.
„Das könnte dir so passen, mich als Idioten hinzustellen“, hatte ihre Mutter gegiftet, als Renate darüber hatte reden wollen.
Der geistige wie körperliche Verfall der Mutter war schnell voran gegangen. Ein Heim unumgänglich. „Das wird nicht mehr lange so gehen“, so die Prognose des Hausarztes.
Renate war vorher noch nie in einem Pflegeheim gewesen. War angenehm überrascht, als sie die Lobby betrat. Bequeme Sitzgruppen, ein Getränkeautomat, in der Ecke ein riesiger Käfig mit Meerschweinchen. Ein Counter wie in einem Hotel. Dahinter lächelnde freundliche Menschen. Es gab Tageszeitungen, überall Zettel mit Ankündigungen wie den „Heimatabend mit Musik“. Es gab Bastel- und Gymnastikgruppen und einen Heimbeirat.
Ein beflissener Mitarbeiter der Verwaltung, Herr Koppers, führte sie auf Station, „wo wir ein besonders schönes Zimmer für ihre Mutter haben!“ Ein Geruchmix aus Desinfektionsmittel, Essensgerüchen und Fäkaliengestank stülpte sich über Renate und nahm ihr für einen Augenblick die Luft. Sie versuchte, nur durch den Mund zu atmen, gab es aber bald auf. In einem kleinen Aufenthaltsraum spielte ein Fernseher, aber keiner der Anwesenden hatte auch nur einen Blick für die bunten flimmernden Bilder übrig. Die meisten hingen schief und schlafend auf ihren Stühlen. Ein Mann lief von Tisch zu Tisch und fragte: „Wo ist meine Mami? Hast du meine Mami gesehen?“ Fast alle hatten bunte Plastikbecher, wie sie ein schwedisches Möbelhaus anbietet, vor sich stehen. Darinnen wohl das Mineralwasser, das in Flaschen auf einem schmalen Beistelltisch stand. Billigwasser vom Discounter. Renate trank nur das aus den blauen Flaschen.
Die Stationsleitung Frau Wolters war eine energische Frau um die Vierzig. „Das ist unser Willi! Der ist harmlos!“, sagte sie und zeigte auf den alten Mann, der immer noch seine Mami suchte.
Renate stolperte hinter Koppers und Wolters den Flur entlang. Ein kleine Gestalt wie ein verwitterter Baumstamm schob einen Rollator vor sich her. „Na, Frau Hansen“, röhrte Frau Wolters, „mal wieder auf Abwegen?“ Ein mausgraues von tiefen Falten zerfurchtes Gesicht sah hoch und blickte Frau Wolters verständnislos an. „Jetzt aber schön wieder aufs Zimmer!“ Frau Wolters wedelte mit ihrem Zeigefinger vor dem Gesicht der Frau herum. Diese taperte weiter den Flur entlang. Das „besonders schöne Zimmer“ war ein Zweibettzimmer mit Balkon. Auf der Balkonseite lag eine kleine dünne Gestalt im Bett, die vor sich hin wimmerte und ab und zu aufschrie. Mit dürren Händen gestikulierte sie in der Luft herum, versuchte ein imaginäres Etwas zu greifen. An der Wand gegenüber hing ein Großbildfernseher, unverzichtbares Pflegeutensil. „Sturm der Liebe“, erkannte Renate. Frau Wolters bellte quer durch den Raum: „Na, stellen Sie sich mal nicht so an, Julchen! Der Arzt kommt ja heute noch!“ Julchen reagierte nicht, jammerte weiter, eingeschlossen in ihre persönlichen Hölle.
„Hier …“, Frau Wolters fuchtelte mit den Armen durch die verbleibenden paar Quadratmeter des Zimmers, „hier kann es sich ihre Frau Mama mit ihren eigenen Sachen gemütlich machen!“ Renate blickte stumm auf den grauen Linoleumboden, die eierschalengelben angeschmuddelten Wände und den Kalender von vor zwei Jahren, der schief an der Wand hing. Zurück auf dem Flur hörte Renate einen Mann in einem der nahe liegenden Zimmer unverständliches Zeug schreien. Eine Pflegekraft schoss den Flur entlang und raunzte: „Immer macht der so ein Theater! Der soll gefälligst still sein!“ Als sie die Gruppe um Renate sah, verstummte sie und ging rasch weiter.
„Gibt ja noch mehr Auswahl“, dachte Renate, als sie zur Bushaltestelle ging. Sie sah sich andere Heime an. Hatte aber nur Variationen eines Themas gefunden.
„Wenn es nicht mehr lange dauert“, hatte Frau Hornung gemeint, „kannst du sie dann nicht zu dir nach Hause nehmen?“
Nein! Ihr Innerstes sträubte sich dagegen. Sie konnte sich nicht vorstellen, ihre Mutter zu füttern, ihre Inkontinenzwindel zu wechseln oder ihr dementes Gebrabbel den ganzen Tag zu hören. Aber, hatte ihre Mutter sie nicht auch mal gefüttert und frisch gewickelt? War sie ihr das jetzt nicht schuldig? Trotz allem? Wie sollte sie das mit ihrer Arbeit vereinbaren? Ihr Chef war kein Freund vom Homeoffice.
Dann plötzlich hatte ihre Mutter einen Schlaganfall bekommen. Bewegungslos lag sie im Krankenhausbett, sabberte vor sich hin, war an Geräte angeschlossen. Ab und zu öffnete sie die Augen, sah starr vor sich hin. Die Ärzte schüttelten die Köpfe, wenn Renate fragte, ob ihre Mutter wieder werden würde. bettlägeriger Pflegefall, so lautete die endgültige Diagnose. Renate dachte an Frau Wolters und die wimmernde Frau im Bett.
„Es ist dann doch schnell gegangen“, meinte Frau Hornung am Telefon. Renate schwieg und dachte an den viel zu kleinen Raum im Krankenhaus und das stetige Piepsen der Geräte. Ihre Mutter war gegangen, als es schwierig wurde. Wie immer. Ein kleiner Griff nur war es gewesen.
Renate streichelte die kalte Hand ihrer Mutter. Ihr fielen die Meerschweinchen in der Lobby des Pflegeheims ein und das Billigwasser vom Discounter.
Doch, diesmal war es das Richtige gewesen.

Heike Promberger wurde 1967 geboren.
An der Universität Erlangen studierte sie Anglistik und Amerikanistik und schloss 1992 mit einem Magistertitel ab.
Seit einigen Jahren widmet sie sich verstärkt dem Schreiben, besucht zahlreiche Schreibwerkstätten und -Seminare.
Mit Mann und Hund lebt und arbeitet sie in Nürnberg.
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