Marion Leuther für #kkl58 „Ethik“
Wolfsbauchgieren
Therapeut: Wie ist Ihre letzte Woche verlaufen?
Wolf: Schlecht. Ich konnte die Diät nicht einhalten.
Therapeut: seufzt leise. Wie viele waren es diesmal?
Wolf: Sieben. Pause. Allein heute.
Therapeut: Sieben an einem Tag! Das sind sehr viele. Wie
kam es dazu?
Wolf: Mich überkam wieder diesen Trieb. Konnte mich einfach nicht beherrschen.
Therapeut: Was hat den Rückfall verursacht?
Wolf: Weiß nicht … Ich strich unruhig durch die Gegend … Da sind sie mir aufgefallen. Sieben knusprige Geißlein – alle unter einem Dach! Ich bin eingedrungen und dann … führte eins zum anderen. Wie das eben so geht.
Therapeut: schüttelt milde den Kopf. Was empfinden Sie, wenn Sie Geißlein reißen?
Wolf: Lust. Schnalzt mit der Zunge, ein blutiger Fetzen hängt zwischen seinen Zähnen. Es ist wie ein Rausch. Für mich gibt’s nichts Schöneres.
Therapeut: Dennoch sind Sie hier …
Wolf: Ich bin hier, weil ich für meinen Drang geächtet werde.
Therapeut: Womöglich steckt mehr dahinter als nur die gesellschaftliche Repression. Könnte es sein, dass Sie Schuldgefühle …
Wolf: fällt dem Therapeuten ins Wort: Auf keinen Fall!
Therapeut: Eine Leere in Ihrem Inneren, die Sie auf diese Art zu füllen hoffen …
Wolf: Die Leere war bloß in meinem Magen. Ich hatte Hunger!
Therapeut: Was denken Sie selbst über Ihren Trieb? Empfinden Sie ihn als ungesund?
Wolf: Soll das ein Witz sein? Ich bin ein Wolf! Wölfe jagen. Wölfe töten. Wölfe fressen ihre Beute. Das ist doch ganz natürlich!
Therapeut: Nun, vielleicht haben Sie die Alternativen noch nicht durchdacht …
Wolf: Was denn? Hundefutter? Metzgerei-Abfälle? Bäh! Spuckt den Fleischfetzen aus.
Therapeut: Wenn Sie Ihrem Trieb nachgehen … Erinnert Sie das an was?
Wolf: An die letzte Mahlzeit, die schon zu lange her ist.
Therapeut: Nein, nein, ich meine: Kennen Sie solche Situationen aus Ihrer Kindheit?
Wolf: runzelt die Stirn. Natürlich. Mein Vater hat mir das Jagen beigebracht.
Therapeut: Da kann man schon von frühkindlicher Prägung sprechen … Und Ihre Mutter?
Wolf: Sie war sehr liebevoll. Auch wenn sie meinen Bruder mir stets vorgezogen hat. Nein, Doc, da werden Sie jetzt nichts draus basteln! Von wegen Geschwisterrivalität und so.
Therapeut: Sie sagten eben, Sie seien hier, weil Sie das Gefühl hätten, geächtet zu werden. Ist es Ihnen wichtig, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden?
Wolf: schüttelt das zottelige, riesige Haupt. Ist mir schnurzegal. Aber die schießen auf mich!
Therapeut: Sie fühlen sich also verfolgt?
Wolf: Ich fühle mich nicht verfolgt. Ich werde verfolgt. Die Bauern vertreiben uns mit Flinten, wenn wir uns aus ihren Gehegen bedienen. Und dann erst die durchgeknallten Jäger!
Therapeut: Aber sieben Geißlein auf einmal … Das scheinen mir doch zu viele zu sein, um bloß den Hunger zu stillen.
Wolf: Genau genommen waren es nur sechs.
Therapeut: zieht die Augenbraue hoch. Vorhin sagten Sie, es wären sieben.
Wolf: Eins ist mir entwischt. Hat sich versteckt, der hinterhältige Racker. Aber den kriege ich noch!
Therapeut: Vielleicht haben Sie dieses Geißlein ja absichtlich verschont?
Wolf: Seine Mutter kam leider zu früh nach Hause. Mit der ist nicht gut Kirschen essen … Da musste ich schleunigst das Weite suchen.
Therapeut: Könnte es sein, dass das siebte Geißlein etwas in Ihnen ausgelöst hat?
Wolf: für sich: Aber die Alte kann ja nicht ewig daheimbleiben. Irgendwann ist der Kleine wieder allein. Ich könnte später mal vorbeischauen. Das Haus beobachten …
Therapeut: macht sich Notizen in einem Schreibheft. In Ihnen steckt vielleicht ein weicherer Kern, als Sie ahnen …
Wolf: Gerade spüre ich, wie der Trieb wieder in mir
erwacht. Ja, ich werde gleich mal die Lage peilen …
Streicht sich über den prallgefüllten Bauch. Seine Geschwister schmeckten einfach zu köstlich!
Therapeut: sieht von seinem Notizheft hoch. Was haben Sie gesagt?
Wolf: Nichts. – Aber unsere Stunde ist doch fast um, oder? Ich denke, ich mache mich jetzt mal auf den Weg.
Marion Leuther, 1965 in Köln geboren, wo sie heute noch lebt. War viele Jahre als PR-Journalistin tätig. Seit 2011 veröffentlichte Kurzgeschichten und Romane. 2024 erschien ihre Steinzeit-Erzählung „Schneesöhne“ (AKRES Publishing).
Veröffentlichungen (Auswahl):
- Kurzgeschichte „Eine Frau namens Evie“, Anthologie „Gegenwind“, Verband Katholischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller Österreichs, Wien, 2025
- Kurzgeschichte „Die Trommel“, Anthologie „namenlos“, neolith#9, Magazin für neue Literatur an der Bergischen Universität Wuppertal, 2024
- Erzählung „Schneesöhne“, AKRES Publishing, Wuppertal, (Taschenbuch und E-Book), März/April 2024
- Kurzgeschichte „Wir warten“, Anthologie „Gesund schreiben“, Ausschreibung der Ärztekammer für Wien, Braumüller Verlag, Wien, September 2020 (Longlist)
- Roman „Krötenregen“, Spatzenschwarmverlag, Bremen (Taschenbuch), August 2019
- Roman „Vier Jahre und ein Tag“, Storyhouse Verlag, Stuttgart (Taschenbuch und E-Book), November 2014
- Kurzgeschichte „Pina Colada“, Anthologie „Zwei“, Verlag am Schloss, Berlin, Februar 2012 (Schreibwettbewerb des „Autorenforums Berlin“, 9. Platz)
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