Etikettieren

Xenia Rieke-Zapp für #kkl58 „Ethik“




Etikettieren

Meine Fingernägel graben sich in die feste, dicke Haut. Reißen sie auseinander. Schälen sie ab, wie Sonnenbrand. Kratzen an Knorpeln und Hubbeln, an Flecken und Narben. Rupfen zuerst die braunen Hugel und ziehen dann die ganze orangene Haut ab. Sie schaffen es nicht mit einem Mal, bleiben hängen. Fingerkuppen verknoten sich. Dickflüssig blutet der geschundene Körper auf meine Handfläche hinab. Verklebt sie. Macht sie steif. So wie mein ganzes Selbst. Nicht wegen der Kälte, die diesen Winter beherrscht. Denn ich sitze in der Wärme dieses heimeligen Restaurants. Auch nicht wegen der Verspannung, die meine Wirbelsäule hinaufwandert, denn die wohnt schon zu lange zwischen meinen Schulterblättern.

Nein, ich bin steif deinetwegen. Weil dein Handeln, dein Tun, weil jeder Schritt der letzten zwei Jahre, den du durch die Welt stolziert bist, dich nun vor dieses Schaufenster, dort draußen in die Kälte, mit leicht gebeugtem, verspannt wirkendem Rücken gebracht hat. Deine Füße vor die Eingangsklimpertür trugen und deine Hand auf den Griff legen ließen.

Was ist Ethik?

Du bist für mich Ethik. Warst es schon fast immer. Fast? Wieso fast? Weil damals, als ich dich wirklich kennenlernte, du nur ein Schatten im Hotelflur warst und Schatten, die können doch bekanntlich nicht sprechen. Aber Ethik bedeutet für mich nichts anderes als sprechen, mit oder ohne Stimme.

Ich kannte dich schon zuvor, vor dem Hotelflur und vor den ganzen Schatten.

Kannte dich gut, zu gut. So gut, dass ich dich gar nicht kennen konnte.

Betrogen hast du mich. In dem Hotelflur, das Laken um dich gewickelt und die großen Augen riesig im ertappten Gesicht.

Die Mandarine schmeckt sauer.

Habe dir meinen Hass wie ein Klebeetikett auf die Stirn gebatscht. Habe dein Handeln, dein Tun, habe deine Ethik etikettiert. Ich habe dich Ethikettiert.

In dem Restaurant sehen die anderen Gäste es nicht, was du getan hast, als du hereinkommst. Hast die Wollmütze tief in dein Gesicht gezogen, tiefer, wie, als wolltest du dieses Zeichen verstecken. Dann sehen deine Augen mich und meine Augen dich. Und du kommst zu mir gestapft. Dein Blick immer einen Schritt vor deinen Füßen voraus. Lässt dich gemeinsam mit der Kälte auf diesen einen Stuhl mir gegenüber krachen. Und siehst mich herausfordernd an. Ich funkele zurück. Doch dann funkle ich eine Zeit lang nur noch deinen Rücken im Spiegelbild hinter dir an, sehe dich erst nach schweigender Zeit gezwungenermaßen wieder an.

Zwischen meinen Fäusten hängen die winterlichen Sonnenbrandhautfetzen der Mandarinen wie Weihnachtskugeln, als du dir langsam die Mütze von Haaren und Stirn ziehst. Hinab vom Etikett.

Ich hasse dich, wie du da vor mir sitzt, deine Hände sind nicht wie meine. Größer. Breiter. Aber doch sind sie wie meine kleinen, zierlichen Hände. Deine brauchen die Mütze, wie die meinen die Schale der Mandarine brauchen. Dunkelblaue Maschen sind deine Mandarinenhäutchen, in die meine Nägel hineinschlagen, diese hinabziehen, zerren. Bis der Geduldsfaden reißt, wie Mandarinenäderchen zerplatzen.

Da spritzt noch mehr Fruchtblut.

Was ist Ethik?

Ethik bin auch ich. Ethik bin ich, wenn ich dich wieder anschreie. Und meine Worte davonstürmen, wie ich es damals im Hotelflur tat. Ethik ist, wenn ich dich nicht ausreden lasse, nicht einmal mit reden beginnen lasse. Ethik ist, wenn ich dir nicht zuhören will, will, will. Ethik ist eine Frage des Wollens; Und ich will nicht.

Und Ethik bist auch du, wenn dein Blick zu Fassungslosigkeit wird. Und doch keine Entschuldigung über die Lippen stolpert. Trotzdem kommen da Worte aus deinem Mund, fallen hinab in die Mütze zwischen deinen Händen. Kuscheln sich darin ein.

Meine Augen flattern erst in die heimelige Mütze hinein und dann kommt die Erkenntnis.

Meine Augen fliegen aus deiner dunkelblauen Mütze hinaus, an deinen Händen, deinen Armen, deinen Schultern, deinem Rücken vorbei. Suchen mein Ich, meine Ethik im Spiegel. Doch finden es zuerst nicht. Als würde sich mein Spiegelbild hinter dem Rücken des deinen verbergen.

Weil du ganz klar, ganz scharf umrissen bist. Da ist kein Schatten unter vielen im nächtlichen Hotelflur mehr. Da bist nur du.

Mit einer Entschuldigung die keine ist, weil du dich nicht entschuldigen musst, sondern ich.

Missverständnis.

Missverständnis.

Missverständnis.

Denke es drei Mal, sage es null Mal.

Hast mir eine Chance gegeben – Nochmal.

Ich dir – Niemals.  

Nicht einmal jetzt, schaffe es nicht. Die Mandarine fällt mir aus den Händen, als ich mich bücke, zu dir hinaufsehe, in deine lieben Augen und dir dabei zusehe, wie du das Etikett von deiner Stirn hinabreißt, auf die Tischplatte streichst und mich diesmal wirklich sitzen lässt; zwischen den Mandarinenfetzen, mit den Augen in einen Spiegel, in dem sich mein eigenes Spiegelbild vor mir und meiner Ethik verbirgt.




Xenia Rieke-Zapp (Jahrgang 2007) ist von klein auf mit Geschichten aufgewachsen. Und wurde mit den eigenen Texten nie ganz erwachsen. Sie schreibt und schrieb Texte für sich, die Schülerzeitung, das schulinterne Jahrbuch und die Lokalzeitung Südkurier.

Nach ihrem Abitur absolviert sie gerade einen Bundesfreiwilligendienst, um sich zu orientieren. Ob das mit dem Schreiben beruflich etwas wird – wer weiß. Was sie aber auf jeden Fall weiß: schreibend die Welt erkunden wird sie in Zukunft weiter. Auch wenn es nur die Welt in ihren eigenen vier Wänden ist. Denn aus nur dieser Welt können ganze Universen entstehen.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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