Martina Györik für #kkl58 „Ehtik“
Die Pfade dreier Brüder oder:
Manches Ziel liegt auf anderem Weg
Einst lebten drei Brüder, die es in die weite Welt zog. Das erste Ziel ihrer Reise war ein alle Jubeljahre stattfindendes Turnier, in dem jeder Bewohner des Landes sein Talent unter Beweis stellen durften.
Jene Aufgaben, die außergewöhnliche Muskelkraft erforderten, wollte der älteste der Brüder meistern. Ihm war als erstem Kind immer genügend Essen zur Verfügung gestanden.
Ruhm zu erlangen war der Wunsch des zweitjüngsten Bruders, hatten seine Eltern auf ihn als Zwischenkind leider oft vergessen.
Dem jüngsten der Brüder ging es weder um das Zurschaustellen von Kraft noch um Glanz – Preisgelder zu verdienen und endlich die gebrauchte Kleidung seiner Brüder ablegen zu können, das war sein Streben.
Nach wenigen Tagesreisen begann sich der Himmel zu verdunkeln und ein Sturzregen ging auf die drei Weggefährten nieder. Als die Brüder im Hinabdonnern der Wassermassen plötzlich Schreie vernahmen, eilten sie dem Menschen in Not zu Hilfe. Sie sahen einen Wagen, dessen Hinterrad gebrochen war, im Fluss feststecken. Die Regenflut hatte einen jungen Kaufmann beim Durchqueren des sonst beschaulichen Baches überrascht. Verkeilt zwischen zwei Felsen drohte nun das Gespann mitsamt Pferden und Fracht hinfort gerissen zu werden. Unter enormer Kraftanstrengung gelang es den vieren, Wagen und Tiere in ruhigeres Fahrwasser zu ziehen. Von dort jedoch gab es kein Weiterkommen ans Ufer.
„Warte, bis das Wasser zurückgegangen ist“, sprach der älteste der drei Brüder zu dem vor Schock zitternden Kaufmann. In Gedanken schweifte er bereits zu den ersten Prüfungen des Turniers. Dort würde ihm keine Naturgewalt die Grenzen seiner Kraft aufzeigen!
Auch der mittlere der Brüder erkannte: Die von ihm ersehnte Bewunderung konnte hier im nassen Nirgendwo kaum erreicht werden.
Damit setzten sie ihren Weg fort, denn in einem waren sie sich einig – sie hatten ihre Schuldigkeit getan.
Der jüngste der Brüder hingegen brachte es nicht übers Herz, den verängstigten Kaufmann im Stich zu lassen. So schirrten sie die Pferde ab und warteten gemeinsam den Rückgang des Wassers ab. Am nächsten Morgen reparierte der jüngste Bruder das Wagenrad; das mit wertvollen Stoffen beladene Fuhrwerk war bald darauf wieder fahrtüchtig. Freilich nun stellte er seufzend fest, hatte das Turnier in diesem Augenblick ohne ihn begonnen. Und jedwede Hoffnung auf Preisgelder war somit dahin. Die alte Kleidung würde weiterhin an seinem Leib kleben und er nichts sein Eigen nennen können.
Doch wie so oft im Leben hieß, eine verstrichene Gelegenheit nicht das Ende aller Möglichkeiten.
Voller Dankbarkeit machte der Kaufmann dem jüngsten der Brüder folgenden Vorschlag: „Deine Selbstlosigkeit hat unsere Familie vor dem Ruin bewahrt. Ich biete dir an, in unserem Kaufmannsbetrieb mitzuarbeiten und bei uns zu wohnen. Du hast geschickte Hände und ein gutes Herz.“
Der jüngste der drei Brüder musste seine Entscheidung nicht lange überdenken und willigte ein. Dann fuhren sie zusammen auf anderem Pfad in ein neues Leben.
Martina Györik studierte Internationale Betriebswirtschaft und ist im Brotberuf ein bilanzierendes Rädchen in einem Konzern. Seit 2024 nunmehr wieder kreativer unterwegs, nimmt sie regelmäßig an Literaturwettbewerben teil und veröffentlicht in Anthologien.
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