Aleksandra und der alte Mann

Robert Fiedel für #kkl58 „Ethik“




Aleksandra und der alte Mann

Wenn ein alter Mann sich nicht auf dem Meer, sondern alleine in einer Berghütte befindet, so ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sich in den Bergen auch nur annähernd ähnliches ereignet wie bei Hemingways Kampf des Alten mit seinem Fisch an der Angel. Aber angenommen, der Fisch hätte die Gestalt eines Smartphones, die Angel wäre ein Kopfhörerkabel, und nicht das Smartphone hängt an der Angel, sondern der alte Mann hängt am Kabel und kommt nicht los davon. Jedoch nicht etwa, weil sich der Kopfhörer verheddert hat, sondern weil der alte Mann ohne das Smartphone und seinen Kopfhörer kein menschenwürdiges, auch kulturellen Leidenschaften entsprechendes Leben führen kann. Sein Augenlicht ist sehr stark beeinträchtigt, auch das Hören auf Distanz bereitet Probleme und sein Fortbewegungsapparat bewältigt nur mehr kurze Wege. Und so ist der alte Mann durch den Kopfhörer mit der Welt verbunden. Er kauft damit ein, empfängt Anrufe, er hört per Radio Nachrichten, Musik und gesprochene Literatur. Der alte Mann ist sehr belesen, er hat selbst Gedichte und Geschichten geschrieben, war ein ausgezeichneter Turner und Schachspieler. Das adäquate Angebot für seh- und hörbeeinträchtigte, noch dazu sehr alte Menschen ist aber begrenzt, Geräte sind kompliziert zu bedienen oder von mangelhafter Qualität. Alle paar Monate, manchmal nur Wochen später sind so manche Apparaturen von ihm aufgrund seiner Hilflosigkeit kaputtrepariert.

Als der alte Mann immer verlorener wirkt, engagieren Familienangehörige die aus Polen stammende Aleksandra als wöchentliche Heimhilfe. Diese kennt sich auch aus mit Unterhaltungselektronik. Aleksandra kann helfen, mehr aus den Dingen herauszuholen, die einem lieb und teuer sind. Dazu bringt sie nahezu jede Woche etwas Neues mit, das dem alten Mann Freude bereitet. Einmal ein spezielles Handy mit Bluetooth, einfach zu bedienen und mit dem er auch Radio hören kann, einmal ein kleines Radio, das er leicht auf seine Wege durch Wohnung und Balkon mitnehmen kann, dann wieder fehlende Kabelverbindungen für Handys, Radios und Kopfhörer, nach einiger Zeit alles wieder von vorne.

Eines Tages hört er von draußen her immer näher kommende Stimmen wie von einem etwas seltsam klingenden Radiogerät. Dann, nahe vorm Haus, tönt es: „Alter, schläfst du noch oder lebst du schon?“ Er schaut vom Balkon herunter und sieht Aleksandra mit einem Megaphon in der Hand. Er muss lachen, Aleksandra kommt hinauf zu ihm und hilft ihm ganz selbstverständlich über die steile Holztreppe hinunter. Im Garten richten sich die beiden über das Megaphon allerlei Parolen aus: „Ein guter Tag beginnt mit einem guten Ton!“ „Egal wie gut du schläfst. Albert schläft wie Einstein!“ „Egal wie gut du dich versingst. Schiffe versinken Güter!“ Oder sie singen gemeinsam: „Good day, Sunshine“ von den Beatles, oder er stimmt von Peter Alexander an: „Ich zähle täglich meine Sorgen, denn ich sorg mich sehr…“, worauf sie mitsingt: „…wenn ich denk, du magst mich nicht…“, er: „…mag ich dich umso mehr…“ Danach lachen beide aus vollem Hals, umarmen sich. Plötzlich tönt aus einem Radio durch das offene Fenster Werbung einer Versicherung:

„Ihre Sorgen möchten wir haben!“

Aleksandra wählt sich per Smartphone in das Call-Center der Versicherung ein, der alte Mann flachst durchs Megaphon:

„Ich weiß, ihr wollt nur unser Bestes!“

Der Radioreporter: „Genau! Was kann ich für sie tun?“

„Lasst unser Geld unser Bestes bleiben!“ Aufgelegt. Gut aufgelegt.

Die beiden haben noch eine ganze Weile ihren Spaß, doch irgendwann wird der alte Mann müde. Aleksandra hilft ihm wieder hinauf in seine Wohnung und sie verabschieden sich bis zur nächsten Woche. Allein zuhause fällt sein Blick auf das Megaphon. Da kommt er plötzlich auf eine Idee.

Als Aleksandra wieder kommt, hält er den Trichter an sein Ohr. Sie glaubt an einen Scherz und lacht lauthals heraus. Der alte Mann zuckt zusammen und sagt: „Hast du einen Knall?!“

Sie schaut erschrocken, aber dann erklärt er ihr den Grund für seine Reaktion: er hat das Mikrophon aus dem Megaphon ausgebaut und es umgekehrt wieder eingebaut. Nun ist das Megaphon ein modernes Hörrohr. Da macht es auch bei ihr „klick“: „Verzeih mir! Ist jetzt was mit deinem Ohr?“

Der alte Mann murmelt etwas von seinem Tinnitus, an den er sich gewöhnt hat und der jetzt wieder in seinem Ohr pfeift. Er kramt aus seinem Fundus ein Keyboard hervor, steckt den Kopfhörer an und stimmt genau jenen Ton an, als den er den Tinnitus hört. Dann schließt er seine Augen, legt sich hin und versinkt für drei Minuten in eine Art Trance. Aleksandra starrt wie gebannt auf dieses Mirakel. Nach drei Minuten spielt er einen Halbton tiefer. Wieder für drei Minuten. Dann noch einen Halbton tiefer. Dabei schläft er ein. Tief und fest. Das wirkt so ansteckend, dass auch Aleksandra wegdriftet. Nach zwanzig Minuten wacht der alte Mann erfrischt auf. Den Tinnitus hat er vergessen. Und er muss Aleksandra aufwecken, die von einem unfreiwilligen Nachmittagsschläfchen heimgesucht wurde. Noch mehr im Halbschlaf und etwas verwirrt macht sie sich zum zweiten Mal an das Aufräumen der Wohnung, worauf der alte Mann sie nach Hause schickt. Zwischen Tür und Angel sagt dann Aleksandra etwas von einem Traum und einer kleinen Überraschung beim nächsten Mal.  

Eine Woche darauf bringt sie zwei weitere Megaphone mit: „Komm. Nimm ein Megaphon und das Hörrohr. Wir machen einen kleinen Spaziergang.“

Er: „Und wozu das Megaphon?“

Sie: “Wirst schon sehen. Vor allem brauchst gute Schuhe!“

Nachdem beide unten angekommen sind, hakt sich Aleksandra beim alten Mann unter, marschiert mit ihm los und verkündet über ihr Megaphon in das weite Tal hinein: „Achtung, Achtung! Jetzt wird es ernst! Wir kommen! Das hier ist eine Zwei-Greise-Demo!“

Der alte Mann blickt ungläubig, er hat über sein Hörrohr alles verstanden. Kurz und dazu etwas länger denkt er nach, setzt dann sein Megaphon an und erhebt seine Stimme:

„Ohne Stock und über Stein muss ethisch nicht ästhetisch sein!“

Aleksandra traut ihren Ohren nicht. Aber nur kurz: „Es gibt sie doch, es gibt sie noch, die Guten leben hoch!“

Er: „Ich pflege täglich meine Sorgen, Alexa sorgt sich um meine Pflege!“

Aleksandra: „Macht euch keine Sorgen, wir besorgen es uns selber!“

Er: „Greise ziehen weite Kreise, der eine laut, der andere leise!“

Sie: „Die jungen Meisen zwitschern übers Internet, die alten Weisen haben es erfunden!“

Diese Parole wird schließlich zu ihrem Gassenhauer und so singen und erfinden sie querfeldein: „Junge Greise wüten durch das Internet, alte Eisen habens überwunden! Junge Junge wischen durch das Internet, alte Alte brauchen dafür Stunden! Alte Zocker finden es nicht nett, belauscht der Sohn ihr Internet!“

In diesem Ton geht es dahin, sie unterhalten sich bestens. Nach einem ungewohnt weiten Ausflug quer durch das Gelände sind beide rechtschaffen müde und kehren schließlich um. Im Haus angekommen fragt der alte Mann Aleksandra, warum sie sich für diesen Beruf entschieden habe.

Aleksandra: „Schon sehr früh, mit zehn Jahren, habe ich mir Sorgen um meinen Vater gemacht. Er war in sehr schlechter körperlicher und geistiger Verfassung. Er war noch recht jung, achtunddreißig Jahre, viele Lebenspläne, aber seine Art zu leben hat alles zerstört. Seine Leidenschaft für Frauen hat zwar zwei Kinder gebracht, aber ein Familienleben gab es selten. Sein Zustand wurde immer schlechter, bis er seinem Leben ein Ende gemacht hat.

Das war eine Tragödie für unsere Familie, besonders für mich. Trotzdem hatte ich ihn sehr lieb und bedauere es sehr, dass ich ihm nicht helfen konnte. Das ist wohl der Grund, dass mir auch heute das Schicksal alter Männer nahe geht, obwohl ich selbst schon achtundsiebzig bin.“

Der alte Mann: „Achtundsiebzig? Ich dachte Siebenundsiebzig.“ Beide müssen lachen.

Aleksandra gefällt sein trockener Humor, und jetzt will sie auch sein Alter wissen.

Er: „Achtundsiebzig.“

Sie: „Achtundsiebzig? Wie ich?“

Er: „Achtundsiebzig ist das neue Achtundachtzig. So sagt man das doch heute, oder?“

Sie: „Alter, du zockst zuviel Google!“

Er: „Insta, Alter, Insta!“

Danach schnappt er sich ein Megaphon, geht auf den Balkon und ruft ins weite Land hinaus: „Achtung! Hier spricht euer Influencer! Lachen ist die beste Medizin! Lachen ist das neue Botox!“




Robert Fiedel
Ich bin 1950 in Wien geboren und seit 2015 Pensionist. Von Beruf her war ich Koch, Telefonist, Kommunikationstrainer, Gestaltender Künstler und auch Autor von  Theaterstücken. 2002  wurde ich mit der Kurzgeschichte „Auf dem Gehsteig“ für den Anton Kuh Preis (Preis für Kurzgeschichten) der Stadt Wien nominiert.

2016 habe ich ein Buch im Eigenverlag herausgegeben, Titel „NachdenklichTer“.








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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