Ultima ratio

Christine Hehle für #kkl58 „Ethik“




Ultima ratio

Sie stellt die Scheibenwischer auf höhere Frequenz. In den Tropfen auf der Windschutzscheibe vervielfachen sich die Lichter. Ihre Hände in den Lederhandschuhen halten das Lenkrad fest. Ein großes Lenkrad, wie das einer Yacht.

Am Horizont tauchen Inseln auf, das Wasser ist sonnenblau. Guys Arm liegt um ihre Schultern, während er auf den Kompass blickt und ihr Hinweise gibt, wie sie besser Kurs halten kann.

An der Ampel steht ein Wagen mit verdunkelten Scheiben neben ihr. Bestimmt sehen sie herüber, mustern sie durch das Seitenfenster. Es wird Grün, sie gibt Gas. Lässt sie stehen, die Spanner. Die Tasche ist auf dem Beifahrersitz. Die Birkin Bag, in der man alles, wirklich alles unterbringt. Ohne dass jemand ahnen kann, ob sie halb leer oder bis zum Rand gefüllt ist, und mit was.

Der Duft von Jasmin, als sie am Faubourg St. Honoré die Tasche abholten. Guy verbeugte sich scherzhaft und überreichte ihr die Tasche. Die Verkäufer im makellos sitzenden Anzug wandten sich diskret ab, als er sie lange küsste.

Am Kai wird der Verkehr dichter. Autos, die nervös aufblenden, aneinander vorbeiziehen. Sie fährt zügig weiter, im Rhythmus des breiten schwarzen Flusses. An der Kreuzung biegen die meisten ab, auf die Ausfallstraße, die aus der Stadt führt. Sie folgt weiter dem Kai, auf der linken Spur, dicht am Wasser. An der schmiedeeisernen Brücke kommt ihr ein wandernder Lichtstrahl entgegen, der den Fluss von links nach rechts abtastet. Sie suchen wieder jemanden.

Die Brücke ist dunkel, das Wappen nicht zu sehen. Sie hat es immer Wappen genannt, dieses allgegenwärtige Emblem. „Wappen“ klingt altehrwürdig und es passte zu Guys Träumen vom idealen Staat. Von einer Gesellschaft ohne Debatten, Verleumdungen und Parteiengezänk. Einer Gemeinschaft, in der jeder seinen Platz hat und alle an einem Strang ziehen.

Tod durch den Strang. Das stand schwarz auf weiß auf dem Computerausdruck mit dem Wappen in der oberen Ecke, den Alma ihr vor die Nase hielt. Sie musste ihr das Blatt aus der Hand nehmen, um die Buchstaben zum Stillstand zu bringen, so heftig zitterte Almas Hand. An jenem Abend raste sie zum Palast und ließ das Auto mit offener Tür mitten im Hof stehen. Ihre Absätze knallten auf dem Marmor, das Geräusch vervielfachte sich, von den Wänden zurückgeworfen wie Gewehrsalven.

„Meine Liebe“, sagte Guy und erhob sich hinter seinem wandfüllenden Schreibtisch, „beruhige dich. Gib mir zehn Minuten. Dann nehmen wir einen Drink und ich erkläre dir alles.“

Er hielt Wort. Es dauerte genau zehn Minuten, bis auf der kleinen, vor Blicken geschützten Terrasse der Gin Tonic serviert war. In diesen zehn Minuten wurde das Urteil an Yves vollstreckt.

Die Straßen sind leer. Dunkel liegen die Villen in ihren Gärten, hier und da dringt durch die Ritzen der Jalousien ein Lichtstreifen heraus. Der Regen hat nachgelassen. An der Einmündung einer Straße parkt ein Militärfahrzeug, die gepanzerte Schnauze ragt in die Kreuzung. Dahinter Uniformierte, die zwei oder drei Personen umringen. Von denen ist im Licht der Straßenlaterne nur ein Hut zu sehen, ein Hosenbein, ein Schuh. Sie folgt der Straße um einen ovalen Platz. Auf der Bank unter der Buche ist sie mit Guy gesessen. Der erste Kuss. Der zweite und dritte und zwanzigste. Ihre Wangen glühten, so rissen Guys Ideen sie mit. Damals im Frühjahr hatte die Buche erste zarte Blätter, die rosig schimmerten.

Nicht an die Bank unter der Blutbuche denken. Es ist Zeit.

„Verstehst du nicht, wie mich das trifft?“, rief Guy auf der Terrasse. „Verraten zu werden von meinem ältesten Freund.“ Er trank einen Schluck und sah über die Balustrade ins Leere. „Und wenn er nur mich verraten hätte. Aber der Verrat an der heiligen Sache, für die wir gekämpft haben, ist unverzeihlich.“ Die steile Falte zwischen seinen schönen dunklen Augen erschien und ihr Herz setzte aus.

Sie biegt in den Hof ein, bremst und lässt das Fenster herunter. Der wachhabende Soldat salutiert. Im Schritttempo fährt sie auf den Palast zu, parkt ordentlich neben zwei schwarzglänzenden Limousinen. Sperrt ab und geht durch den dünnen Regenschleier auf das Tor zu, die Birkin Bag in der Hand. Als die Fassade sich vor ihr auftürmt, blickt sie nach oben. Das Licht in Guys Büro erlischt gerade. Er wird sie im Schlafzimmer erwarten.

Die Hochzeit ist immer verschoben worden, jeder Termin wieder storniert. „Wir wollen doch ein richtiges Fest“, sagte Guy. „Keine Hochzeit zwischen Tür und Angel.“

Es war Alma, die eines Tages zu ihr sagte: „Heiraten wird er dich nie.“

„Wie kommst du darauf?“

„Es würde seinem Nimbus schaden. Seiner magischen Ausstrahlung auf alle anderen Frauen. Auf die Wählerinnen.“

Sie steigt die Treppe hinauf. Es ist Zeit.

Vor Guys Privaträumen hält ein Soldat sie auf. Sie hebt das Kinn und blickt ihm in die kalten jungen Augen. „Alles in Ordnung“, sagt der Adjutant, der in diesem Augenblick herauskommt. „Guten Abend, gnädige Frau.“

Leise klickt die Tür hinter ihr ins Schloss.

Sie muss sich jetzt zurückversetzen in die Tage auf dem Land, in dem verspielten Herrenhaus, dem Sommersitz des gestürzten Königs. Die kühle Luft am Morgen, wenn sie im Négligé auf den Balkon trat, und Guys warmer Atem in ihrem Nacken, seine Lippen auf ihrem obersten Wirbel. Im Gras liegen, die Vögel und das Summen der Insekten hören. Sonst nichts. Die Abendsonne, die sich in den Fenstern spiegelte, das Licht der Kerzen auf der weiß gedeckten Tafel. Das Glück, ihn ganz für sich zu haben. Wie früher. Nur er und sie.

„Ich bin so froh, dass du da bist“, hört sie seine Stimme aus dem fast dunklen Zimmer. „Komm zu mir, Liebste.“

Er sitzt im Fauteuil vor dem verhängten Fenster. Das gedämpfte Licht der kleinen Lampe holt sein Gesicht aus dem Dunkel. Aschig, verschwommen. Graue Strähnen in den zurückgekämmten Haaren. Er trägt Uniform. Daran hat sie sich nie gewöhnt. Sie hat sich in ihn verliebt, als er Jeans trug und eine abgewetzte Lederjacke. Der Teppich erstickt das Geräusch ihrer Absätze. Sie stellt die Tasche ab. Dann geht sie zu ihm und setzt sich auf seinen Schoß. Er zieht sie an sich. Sie spürt seine Erektion.

Auf dem Land begann er spätestens beim Dessert mit seinem Monolog. Entwickelte seine Theorien, den Blick auf einen imaginären Punkt hinter ihr gerichtet, im sich langsam verdunkelnden Fenster. Anfangs stellte sie Fragen, wie sie es immer getan hatte. Aber er ging nicht darauf ein. Lächelte wehmütig, nachsichtig, und redete weiter. Bis sie es aufgab. Sie wollte sich diese kostbaren Tage mit ihm nicht kaputtmachen. Dann kamen Offiziere des Generalstabs an und es war vorbei mit den Spaziergängen. Nur die Abendessen zu zweit blieben, aber nachdem er dreimal ins Brüllen geraten war, stieg sie in ihren Bentley, Guys Geschenk zu ihrem 30. Geburtstag, und fuhr in die Stadt zurück.

Dort hörte sie von Sergejs Tod. Der Arzt im St.-Elisabeth-Spital wich ihrem Blick aus. „Plötzlicher Herzstillstand. Ich bedaure Ihren Verlust, gnädige Frau.“ Nein, die Leiche könne sie nicht sehen. „Ich habe meine Anweisungen.“

Zwei Tage später begann der Krieg.

„Ich liebe dich“, flüstert Guy. „Ich brauche dich so sehr.“ Er knöpft ihre Bluse auf, seine Hände schließen sich um ihre Brüste. Sie streichelt sein Haar. Die Handschuhe hat sie noch immer an.

„Das Schrecklichste ist der Neid“, murmelt er. „Er macht Menschen zu Ungeheuern. Sergej war zerfressen von Neid, das weißt du, oder?“

„Sergej war mein Cousin.“

„Er wollte mich umbringen, so sehr hasste er mich!“

Sergejs leuchtende Augen, als Guys Wahlsieg feststand. Die Bewunderung, mit der er zu ihm aufsah, als Guy auf den Stufen des Palastes seine erste Rede als Präsident hielt. Neben ihm der Dritte im Bunde, Yves, gelöst und glücklich, den Arm um Almas Schultern gelegt.

Es ist Zeit.

Aus der Ferne hört sie das schwere Brummen von Motoren, darüber wild und schneidend eine Sirene, die sofort wieder erstirbt.

„Trotzdem fehlt er mir so“, klagt Guy, während er ihr die Bluse von den Schultern streift. „Und noch mehr fehlt mir Yves. Dieser Verräter! Ich hasse ihn!“ Er brüllt, aber sie fährt nicht mehr zusammen. Als sie beginnt, ihm die Uniform auszuziehen, verstummt er. Sie hört nur seinen schweren Atem, während ihre Hände in den Lederhandschuhen über seine Haut streichen. Sie nehmen seinen Körper in Besitz, Glied für Glied, prägen sich alle Linien ein.

Bis ins Schlafzimmer kommen sie nicht. Der Fauteuil tut es auch.

Und auch dort überkommt ihn die tiefe Entspannung, die sie so gut kennt. Er flüstert ihr zärtlich ins Ohr, dann sinkt sein Kopf zurück und wenig später hört sie, dass er fest schläft. Lautlos schließt sie ihre Bluse und ihren Rock. Geht barfuß zu ihrer Tasche. Am Kosmetiktäschchen vorbei greift sie nach unten, bis sie das kühle, glatte Metall spürt. Der Schalldämpfer ist schon drauf.

Nicht an die Wiese hinter dem Herrenhaus denken, nicht an die Bank unter der Buche, sondern an das Wappen auf dem Computerausdruck. Das geschmacklose, protzige, unmenschliche Emblem.

Der Schuss ist nicht lauter als das Klicken der Tür, die der Adjutant hinter ihr ins Schloss zog. Alles Übrige können jetzt andere tun.

Die High Heels in der Hand, die Birkin Bag unter dem Arm, geht sie ins Nebenzimmer. Nimmt den Lift, den Guy hat einbauen lassen, um jederzeit aus seinem Schlafzimmer flüchten zu können. Oder unerwartet im Schlafzimmer von jemand anderem aufzutauchen, der, aus einem Alptraum erwacht, in die Mündung einer Pistole blickte.

Unten steht Stefano Wache, ein Weggefährte der ersten Stunde. Sie hat im Lift ihre Schuhe angezogen. Ihr Kommen und Gehen zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten ist Stefano seit Jahren vertraut. Er lächelt und salutiert.

„Gute Nacht, Stefano. Bis bald.“

Sie geht über den regennassen Hof zu ihrem Bentley und schließt auf. Die Scheinwerfer bohren sich ins Dunkel, der Schlagbaum schwebt nach oben. Der Tank ist voll. Bei Tagesanbruch wird sie über der Grenze sein.




Christine Hehle, Wien

Herausgeberin und Lektorin für Wissenschaft und Sachbuch (www.grammatica.at). Publiziert wissenschaftlich, schreibt gelegentlich literarische Texte.
Ist verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter.









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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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