Solange Linhares für #kkl58 „Ethik“
Die Fahne schwenkt
Die Fahne schwenkt in Gaza, demokratisch
der Mut schwankt leer, humanitär
die Totenglocke schwingt umsonst, im Namen der Zivilisation
Schwebend schwingen ohne Ziel, aber mit besten Absichten
schwankend klingen ohne Sinn, doch juristisch einwandfrei
Er wankt durchs Ghetto, zur Sicherheit evakuiert
doch will nicht schwanken, bleibt standhaft gläubig, vergebens
Links schwenken für die Unterdrückten
rechts schwanken für die Ordnung
in der Mitte einschwenken für den Konsens, ohne Halt
Linksaußen kompromisslos, rechtsaußen identitär
beide ins Leere, beide im Recht
liberal bleibt die Debatte, ausgewogen und folgenlos
Rot geschwenkt für die Arbeiterklasse
braun geschwankt für das Vaterland
grau geschwungen für die Vernunft
alle verblassen, alle gut gemeint
Das Brot, das Schwert, das Gold, alle versprochen
die rote Fahne, die schwarze Erde, beide verstummt
Alles zerfällt
alles dokumentiert
Die Kerze geschwenkt beim Schwanken
die Betroffenheit zur Akte gelegt
die Finsternis bleibt, das Gewissen ist rein
Militant schwenken, legitime Selbstverteidigung
pazifistisch schwanken, gewaltfreier Widerstand
die Totenglocke schwingt umsonst, die Absicht war legitim
Verhandeln, gegenverhandeln, bis zum Sturz
die Gespräche waren konstruktiv, die Protokolle vollständig
Schwingend klingt das Nichts, arrangiert und archiviert
schwebend singt der Tod, gefilmt und dokumentiert
Geschwebt wie Rauch über Warschau, akzeptabler Kollateralschaden
geschwungen wie Wind über Gaza, unvermeidliche Eskalation
beide vergänglich, beide statistisch erfasst
Freiheit erschwinglich für die Reichen
Gerechtigkeit unerschwinglich für die Armen
alle käuflich, alle im Angebot
Gestern schwungvoll, heute schwunglos
nie schwunghaft, nur Verfall
jeder Moment katalogisiert, jede Sekunde dokumentiert
Schwingungsfrei
bleibt die Stille des Todes
Verschwenkt die Perspektive, die Geschichte umgeschrieben
herumgeschwenkt im Wahn, die Wahrheit verschoben
der Kompass zerbrochen, die Karte aktualisiert, alles notiert
Von Warschau bis Gaza:
rot, braun, grau, alle erprobt
sozialistisch, faschistisch, kapitalistisch, alle gescheitert
alles schwingt, schwankt, schwebt
ins Nichts
Die Akten sind vollständig
Die Leichen gezählt
Die Fahne schwenkt weiter
Alles dokumentiert
Solange Linhares
Sie ist Brasilianerin, Jahrgang 1979, verheiratet, Mutter von drei Kindern und arbeitet als Staatsanwältin. Sie ist engagierte Feministin und setzt sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung und anderer traditioneller Gemeinschaften ein. Sie studiert Germanistik mit Privatlehrerinnen und im Selbststudium. Ihr Schwerpunkt ist die didaktische Anwendung der Theorie der semantischen Wortfelder nach JOST TRIER (1894-1970).
„Sprachliche Felder sind lebendige Realitäten. Dies möchte ich durch meine Gedichte anschaulich machen. Wörter existieren nicht auf isolierte Weise. Der Sinn entsteht durch die gegenseitigen Beziehungen innerhalb des Bedeutungs-Feldes. Die Veränderung eines Wortes beeinflusst das gesamte Feld. Die Sprache ist eine artikulierte Ganzheit.“
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