Josephine Straub für #kkl58 „Ethik“
„Guten Tag, Herr Sowieso“ oder: Patientenzentrierte Gesprächsführung
Küche einer studentischen Wohngemeinschaft in einem großstädtischen Hinterhaus. Der Balkon geht zum Hof. Die geöffnete Tür gibt den Blick frei auf die Balkone des Vorderhauses: Mieter, Wäsche und Blumen. WG-Bewohner Paul wischt den Küchentisch. Dabei fällt ihm ein Skript in die Hände.
Paul (redet zu sich selbst)
„Patientenzentrierte Gesprächsführung – Leitfaden für die klinisch-praktische Prüfung“. Das kann ja heiter werden. Im letzten Semester waren es Bauchschmerzen und ich war Hannahs Übungsobjekt – Verzeihung: Patient. Denn Hannah studiert Medizin und zur Prüfungszeit mutiert sie zu einer zukünftigen Halbgott-in-weiß-Version ihrer selbst. Die gespielten Bauchschmerzen lagen zu weit links? Und Hannah wurde saurer als die Zitronen in der Schale auf der Ablage. „Der Blinddarm sitzt rechts!“ Pardon – woher soll ich das wissen? Ich bin doch nur der Mitbewohner.
Hannah (betritt die Küche, suchend)
Das ist mein Skript!
(reißt Paul das Skript aus der Hand und liest mit ernster Stimme)
Patientenzentrierte Gesprächsführung als Grundlage einer tragfähigen Arzt-Patienten-Beziehung. Bezeichnet die Kompetenz, im Arzt-Patienten-Gespräch ethisch korrekt zu handeln. Geht auf die Bedürfnisse, Sorgen, Werte und Wünsche des Patienten ein. Bedient sich der Technik des aktiven Zuhörens, des Spiegelns, der validierenden Rückmeldung und empathischen Wiederholung.
(nickt bestätigend und blättert im Skript)
Prüfungsanforderungen: Ihr Gespräch muss eine strukturierte Gesprächsarchitektur inklusive einer professionellen Begrüßung und Verabschiedung des Patienten aufweisen. Bedienen Sie sich dabei bewährter Standardsätze, die Sie auf den Seiten 5 bis 289 finden. Bewertet werden neben der korrekten Wiedergabe der Satzbausteine auch der situationsangemessene Blickkontakt sowie die Körperhaltung. Üben Sie die Gesprächsführung vor der Prüfung!
(blickt vom Skript auf, schaut Paul fragend an)
Paul (seufzt theatralisch und nickt)
Auf dem Balkon. Hannah und Paul sitzen sich gegenüber.
Hannah Guten Tag, Herr Sowieso! Mein Name ist Hannah Müller-Lüdemann. Ich bin Ihre behandelnde Ärztin. Gestern haben Sie die Diagnose einer leichten Depression erhalten und heute wollen wir wie gestern besprochen über die Behandlungsmöglichkeiten reden. Wie ist es Ihnen seitdem ergangen?
Paul Wie soll es mir schon ergangen sein? Unverändert.
Hannah Dann hat die Diagnose Sie nicht zu sehr belastet?
Paul (verzieht eine Augenbraue)
Hannah Hatten Sie Gelegenheit, das Infomaterial über die Behandlungsmöglichkeiten zu lesen, das ich Ihnen gestern mitgegeben hatte?
Paul Nein, also…
(er druckst herum, schaut betreten zu Boden)
Ich hatte nicht so die Zeit dazu… weil die Arbeit…
Hannah Das macht nichts. Dann erläutere ich Ihnen die infrage kommenden Behandlungsmöglichkeiten. Sie können dazu Fragen stellen, wenn Sie welche haben sollten. Und anschließend treffen wir eine gemeinsame Entscheidung, was am besten zu Ihnen passt. Passt das so für Sie?
Paul (nickt langsam)
Hannah Ich stehe Ihnen als Ärztin mit meinem medizinischen Fachwissen beratend zur Seite. Sie sind der Experte für sich selbst. Ja?
Paul (nickt)
Nachbar 1 (schaut herüber, unterbricht das Gießen seiner Balkonblumen und lacht)
Guten Morgen, Frau Müller. Alles klar bei Ihnen?
Hannah Guten Tag, Herr Sowieso. Mein Name ist Hannah Müller-Lüdemann. Ich bin Ihre behandelnde Ärztin…
Nachbar 1 (lacht lauter, gießt wieder seine Balkonblumen)
Nee, ich glaub, Sie verwechseln da was. Ihr Patient sitzt Ihnen gegenüber. Ich bin bloß Ihr Nachbar und wollte einen Guten Morgen wünschen.
Hannah (schüttelt den Kopf, spricht unbeirrt weiter)
Wir haben da zwei Möglichkeiten: Entweder eine Psychotherapie oder eine medikamentöse Behandlung.
Nachbar 1 (wird laut, entrüstet sich)
Weil ich Ihnen einen Guten Morgen wünsche, gehöre ich in Behandlung?
Nachbar 2 (schreit wütend)
Sie ham’se ja wohl nicht mehr alle!
Paul Deeskalierende Gesprächsführung kommt erst auf Seite 167.
Nachbar 2 Hör’n Se endlich auf, mich und meinen Balkon zu gießen!
Hannah Ich verstehe, dass Sie wütend sind. Können Sie mir sagen, was Sie so erregt?
Nachbar 2 Dass der Schulz da oben zu blöd ist, seine Geranien zu gießen und Sie so doof rumquatschen.
Hannah Wie gesagt, wir haben da zwei Möglichkeiten. Ich stelle Ihnen nacheinander beide vor: Bei einer Psychotherapie können Sie die Gründe Ihrer depressiven Verstimmung erkunden und gemeinsam mit dem Therapeuten neue Handlungsmöglichkeiten ausprobieren. Das wirkt eher langfristig. Wenn Sie eine kurzfristige Lösung bevorzugen, bietet sich die Behandlung mit Medikamenten an. Bei regelmäßiger Einnahme bewirken diese, dass sie sich bald besser fühlen. Haben Sie dazu noch Fragen?
Nachbar 2 Das wird mir hier zu blöd! Alle paar Wochen derselbe Unsinn. Ich rufe jetzt die Polizei!
Hannah Das können Sie gerne tun, wenn es Ihnen damit besser geht.
Nachbar 2 (knallt die Balkontür zu)
Nachbar 1 (stellt die Gießkanne beiseite, klatscht in die Hände)
Bravo! Das war grandios! Geben Sie eigentlich auch Autogramme?
Paul In zwei Jahren auf Rezept.
Hannah Da Sie offenbar keine weiteren Fragen haben, können wir nun eine gemeinsame Entscheidung treffen. Haben Sie schon eine Präferenz?
Paul Ich möchte, dass es mir schnell besser geht. Da sind die Medikamente wohl besser, wenn ich Sie richtig verstanden habe.
Hannah Das freut mich, zu hören. Ich denke auch, dass diese Entscheidung gut zu Ihnen passt. Wir sollten einen Folgetermin in drei Wochen vereinbaren und dann schauen wir, wie es Ihnen in der Zwischenzeit ergangen ist. Auf Wiedersehen, Herr Sowieso!
Es klingelt an der Wohnungstür.
Paul (geht zur Tür und kommt mit zwei Polizisten zurück auf den Balkon)
Hannah Guten Tag, Herr Sowieso! Ich bin Hannah Müller-Lüdemann, Ihre behandelnde Ärztin. Was kann ich heute für Sie tun?
Polizist1 Wir haben hier einer Ruhestörung und einer Beleidigung nachzugehen.
Hannah Das muss sehr belastend für Sie sein.
Paul Meine Mitbewohnerin studiert nur Ihre Rolle ein…
Polizist2 Ach, Sie sind Schauspieler? Sagen Sie das doch gleich. Wann und wo ist denn die Premiere?
Paul Morgen, 16.42 Uhr im Foyer der Psychosomatik.
Josephine Straub, geboren 1987, hat Psychologie und Philosophie studiert. In ihren literarischen Arbeiten verbindet sie analytisches Denken mit poetischer Präzision. Ihre Texte widmen sich den großen Fragen des Menschseins – von Identität und Vergänglichkeit bis hin zu metaphysischen und ontologischen Grenzbereichen. Schreiben ist für sie eine Form der existenziellen Erkundung.
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