Ulrich Kaufmann für #kkl59 „Ich denke, also bin ich“
Fernsehabend (Hendrik 7)
Hendrik sitzt vor dem Fernseher. Hat es sich im Sessel gemütlich gemacht. Ein wenig herum gezappt. Und bleibt schließlich Bei einer Doku hängen. Irgendwas mit 16. Jahrhundert. Descartes. Ich denke, also bin ich.
Lisa ist zum Volleyballtraining. Das Wetter ist schlecht. Es regnet wieder einmal. Eigentlich ist das Wetter ganz gut. Hendrik liebt den Regen. Aber um lange draußen zu sitzen zu kühl. Nur mal kurz für eine Zigarette.
Ich denke, man sollte sich nicht alles gefallen lassen, deshalb bin ich hin und habe dem Teufel mal kräftig in den Hintern getreten. Kommt ihm da so in den Sinn. Er weiß, dass der Satz anders gemeint ist. Über die wahre Bedeutung reden sie gerade auch im Film drüber. Aber passend für die momentane Situation ist es irgendwie doch.
Ich dachte, ich wäre gestorben, letztens, dabei bin ich längst tot. Hendrik schießen wirre Gedanken durch den Kopf. Die Aktion im Löffelstiel ist jetzt fünf Tage her. Seitdem ist das öfters so.
Da erinnert er sich an diese Idee, dieses Gedankenkonstrukt, das er kurz nach dessen erster Begegnung mit dem Teufel hatte. Die dritte Dimension. Die Parallelwelt. Aber dann wäre Lisa ja auch Teil dieser Parallelwelt. Und Wilson. Und alles, was sich in den vergangenen Wochen abgespielt hat. Nicht so gut.
Vor lauter Gedankenkonfusion hat Hendrik den Anschluss bei der Doku verloren. Wovon reden die da gerade? Keine Ahnung.
Er schaltet um. Tennis? Kein Interesse. Ein Krimi? Hat schon angefangen. Er weiß gar nicht, worum es geht. Ein Actionfilm? Nicht wirklich. Er möchte weiterzappen, da wechselt die Einstellung. Zu sehen ist der Teufel. So wie Hendrik ihn inzwischen kennt. Dieses Mal wieder mit schwarzem Mantel. Der Mantel, den er auch bei der ersten Begegnung mit Hendrik anhatte. Der Teufel ist wütend. Rasend. Tobt umher. Sein Blick sucht hektisch und entdeckt sein potentielles Opfer, das sofort versucht wegzurennen. Der Rasende hinter ihm her. Schleudert Flüche und Flammen in die Richtung des Flüchtenden. Dann Nahaufnahme des Opfers. Panischer Blick. Große, angsterfüllte Augen. Verzweiflung im Angesicht.
Moment mal. Was war denn das? Hendrik glaubt, seinen Augen nicht vertrauen zu können. Nächste Nahaufnahme des immer noch Flüchtenden. Der sieht ja genau so aus wie ….ich, stellt er mit Erschrecken fest.
Wusste gar nicht, dass in Hollywood ein Doppelgänger von mir rumläuft, denkt er sich lakonisch.
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Dann wieder Totale. Der Mann rennt immer noch um sein Leben. Die Flammen des Teufels kommen immer näher. Jeden Moment wird er ihn eingeholt haben.
Im letzten Moment springt aus einem Mauervorsprung eine Gestalt hervor. Die bunte Fliege am Hals in Regenbogenfarben fällt Hendrik sofort auf. Sie sticht heraus im halbdunklen Dämmerlicht der Höhle. Und der Rest? Sieht auch aus wie Wilson. Das ist Wilson. Kein Zweifel möglich. Er stellt sich dem Teufel in den Weg. Der kann nicht mehr rechtzeitig abbremsen. Wilson macht einen kleinen Seitfallschritt, holt aus und trifft den Rasenden mit voller Wucht mit einer Holzlatte, die er in beiden Händen hält, auf den Bauch. Der Teufel krümmt sich im Laufen, bricht zusammen und kugelt auf Hendrik zu, der vollkommen überrascht stehen geblieben ist. Mit offenem Mund, nicht fähig, irgendwas zu tun, beobachtet er die Szene und scheint nicht wahrzunehmen, dass der Teufel auf ihn zugerollt kommt. Ein Zusammenstoß ist unvermeidlich. Und schon liegen beide am Boden.
„Da geht´s raus. Beeil dich.“ Wilson steht wie angewurzelt auf seinem Platz und deutet mit dem Kopf hinter sich.
„Und Du?“
„Ich komm schon klar. Beweg dich.“ Wilson bemerkt in Hendriks Rücken, dass der Teufel wieder zu sich kommt und sich langsam aufrappelt.
Als Hendrik an Wilson vorbei ist, bleibt er stehen und dreht sich noch mal um. „Kommst nicht mit?“
„Ich halt dir den Rücken frei. Komme gleich nach. Dieses Mal ist seine Birne dran.“ Er stellt sich wie ein Baseball-Spieler dem Teufel entgegen. Der hat noch nicht aufgegeben, schaut seinem Gegenüber zornig in die Augen und setzt sich wieder in Bewegung.
„Und jetzt hau endlich ab.“ Wilson mahnt seinen Freund zur Eile.
Hendrik rennt weiter. Sieht schon Licht am Ende der Höhle. Der Ausgang naht. Er bremst noch mal ab. Dreht sich um. Au Backe. Der Teufel scheint den Baseball-Schlag abgewehrt zu haben. Er packt Wilson mit beiden Händen, hebt ihn in die Höhe und schleudert ihn heftig gegen die Höhlenwand. Wilson sackt zu Boden und bleibt bewegungslos liegen.
Ein diabolisches Lächeln. Der Blick fixiert Hendrik, der in einiger Entfernung dem Treiben mit Entsetzen zugeschaut hat. Helfen kann er Wilson jetzt eh nicht mehr. Deshalb nix wie weg. Beide laufen zeitgleich los.
Der Ausgang kommt immer näher. Plötzlich, zack. Der Bildschirm wird schwarz. Hendrik sitzt im Sessel und starrt auf den Fernseher. So´n Mist, denkt er sich. Gerät kaputt. Gerade jetzt.
-3-
Er möchte aufstehen, den Apparat überprüfen. Da bleibt ihm fast der Atem stocken. Vor ihm steht…der Teufel. Hier in seinem Wohnzimmer. Einen Meter von ihm entfernt. Wieder dieses diabolische Lächeln. Dass in ein höhnisches Gelächter übergeht.
„Du hast wohl gedacht, du kannst mur entkommen, Bürschchen. Fehlanzeige. Jetzt hab ich dich.“
Er versucht ihn zu packen. Hendrik stößt sich mit ganzer Kraft ab. Er fällt mitsamt des Sessels nach hinten. Der Teufel greift ins Leere und trifft dabei die Stehlampe, die neben dem Sessel steht. Die fliegt mit Karacho quer durchs Wohnzimmer in die Glasscheibe des Schranks, der in tausend Scherben zerbricht.
Hendrik spürt etwas Feuchtes am Hals. Er tastet danach. Blut. Der Teufel hat ihn mit seinen langen Fingernägeln gestreift. Der Teufel fixiert in erneut. Er springt auf Hendrik zu. Der kann gerade noch ausweichen und stößt den Couchtisch, Ikea, quadratisch, praktisch, gut, um. Die Karaffe mit Saft, die auf dem Tisch steht, schlägt nach gelungener Flugkurve gegen das Sideboard rechts an der Wand. Der Saft ergießt sich über den Laminat-Boden. Die Karaffe kaputt. Noch mehr Scherben.
Der Teufel fällt vor lauter Wut und Hektik über den umgekippten Sessel und rammt kopfüber in die zwei Meter hohe Glasvitrine, voller Gläser, Bierkrügen und Porzellanfiguren. Beim Zurückziehen des Kopfes zieht er das Möbelstück mit sich, so dass es umfällt und den Inhalt über den Wohnzimmerteppich verteilt.
Der Kopf des Teufels hat Schaden genommen. Blut läuft sein Gesicht herunter. Er rafft sich auf, schüttelt sich kurz, setzt an, geht einen Schritt und stürzt sich auf den am Boden liegenden Hendrik. Der sieht das Unglück auf sich zukommen, kann nicht mehr ausweichen. Schreit.
„Liebling, wach auf.“
Eine Hand rüttelt behutsam an Hendriks Schulter. Hendrik reißt die Augen auf und blickt in Lisas Gesicht. Er ist völlig desorientiert .
„Du musst weg. Bringe dich in Sicherheit.“
„Ich bin in Sicherheit, mein Liebling. Alles ist gut.“
„Was machst du hier. Wo kommst du her?“
„Nach Hause kommen? Hatte Volleyballtraining? Was ist los. Liebling?“
Hendrik springt auf. Sieht sich um. Panisch.
„Es ist alles in Ordnung. Nichts kaputt“, stellt er erleichtert fest.
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„Nein, mein Liebling. Nichts kaputt.“ Er ist so süß, wenn er so verpeilt ist, denkt sie sich.
„Und dir ist auch nichts passiert.“
„Nein, mir ist auch nichts passiert.“
„Der Teufel ist weg. Oder war gar nicht hier?“
„Kein Teufel gesehen. Der ist hoffentlich über alle Berge. Nach unserer Aktion.“
„Wilson ist verletzt.“
Glaube nicht. Ist auch nicht hier.“
Hendrik ist erleichtert. Wahrscheinlich alles nur ein böser Traum. Er umarmt seine Lisa. So glücklich, dass sie da ist.
„Ich denke, also bin ich“, flüstert er ihr ins Ohr. Warum, weiß er gerade auch nicht.
„Das denke ich auch. Ab ins Bett. Bin auch ziemlich groggy.“
Hendrik schaut sich noch mal um. Alles so wie vorher. Tutto paletti. Im Fernsehen läuft ein alter Film. Schwarz-weiß. Ein Western. Ist also auch nicht kaputt. Er schaltet das Gerät aus und geht ins Bad.
Er zieht sein Shirt aus. Traut seinen Augen kaum. Doch kein Traum? Wie kann das sein? Hendrik versteht gar nichts mehr. Die Striemen links am Hals. Das Blut ist bis auf seine Schulter gelaufen. Lisa stand an der rechten Seite. Bei dem fahlen Licht im Wohnzimmer hat sie es wohl nicht entdeckt. Hätte sonst bestimmt was gesagt. Er wird ihr erst mal nichts davon sagen. Möchte sie nicht verrückt machen. Erschöpft schläft er sofort im dunklen Schlafzimmer in Lisas Armen ein.
Morgens, kurz bevor Hendrik zur Arbeit fahren möchte, Lisa ist schon weg, klingelt sein Handy. Wilson ruft an.
„Hör mal“, fängt er gleich an,“ mir ist heute Nacht was Komisches passiert. Bin früh eingeschlafen. War müde. Hatte dann einen ziemlich heftigen Alptraum. Wir haben mit dem Teufel gekämpft. In einer Höhle. Du konntest erst mal entkommen. Mich hat er gegen eine Wand geschleudert und ist dann hinter dir her. Bin dann aufgewacht. Hab Blaue Flecken am ganzen Körper, alles tut weh. Tierisch Kopfschmerzen. Bei dir ist alles okay?
„Nicht so ganz. Mir ist auch was passiert. Mit dem Teufel. Hab jetzt aber nicht viel Zeit. Muss los. Zur Arbeit. Lass uns heute Abend telefonieren. Oder komm einfach vorbei.“
Teil 1 , Teil 2 , Teil 3 , Teil 4 , Teil 5 , Teil 6 der Geschichte
Mein Name ist Ulrich (genannt Uli) Kaufmann. Am 14.03.1965 habe ich in Neuss das Licht der Welt erblickt. Ich bin ausgebildeter Erzieher, habe jedoch nie als solcher gearbeitet, sondern war nach meiner zweiten Ausbildung als Krankenpfleger tätig. Dem gehe ich auch aktuell noch nach.
Aus meiner ersten Ehe habe ich drei inzwischen erwachsene Söhne. Seit 2018 bin ich das zweite Mal verheiratet.
Seit 2016 lebe ich in Brandenburg an der Havel. Bis dahin war mein Wohn-und Lebensmittelpunkt der linke Niederrhein. Aufgewachsen bin ich in Düsseldorf.
Das Schreiben war schon immer eine große Leidenschaft von mir. Veröffentlicht habe ich bisher nichts, außer auf der Internet Plattform kkl Magazin (Hendrik-Geschichten).
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