Carolin Roth für #kkl59 „Ich denke, also bin ich“
Es war ein normaler Tag gewesen. Gewissenhaft hatte er seine Arbeit in der Buchhaltung erledigt. Auf dem Weg nach Hause machte er sich Pläne für das Wochenende. Er hatte nichts Besonderes vor. Am Sonntag würde er spazieren gehen, danach in seiner Lieblingsgaststätte essen. Nach dem kleinen Weg zurück nach Hause würde er ein spätes Mittagsschläfchen halten. Er liebte diese Normalität.
Zuhause angekommen hängte er seinen Regenschirm an die Garderobe. Da bemerkte er es. Er wusste nicht, was es war. Doch es traf ihn wie ein Schlag. Etwas stimmte nicht mit ihm. Das war klar.
Er drehte und wendete sich in dem großen Spiegel neben seiner Garderobe. Hatten sich die Nachbarskinder wieder einen Spaß mit ihm erlaubt? Hing ein Zettel an seinem Rücken? Nein, da war nichts. Er zog sein Jackett aus, hängte es ebenfalls auf.
Er schaute an sich herunter, sah seine perfekte schwarze Stoffhose und seine Lackschuhe. Alles Details, die ihn in seinem Beruf begleiteten, jeden Tag auf die gleiche Art. Es gab kein Ausbrechen aus der Gewohnheit. Das wäre ihm nie in den Sinn gekommen.
Der Lichtstrahler über dem Spiegel flutete den Raum, beleuchtete ihn mit grellem Licht. Doch was sah er hinter seinen Füßen oder genauer gesagt, was sah er dort nicht? Eiseskälte überfiel ihn. Sein Schatten war weg!
Sein Wissen über Physik war eher bescheiden. Aber selbst er wusste, dass ein Körper, der von einem punktförmigen Licht angestrahlt wurde, auf der gegenüber liegenden Seite immer einen Schatten warf.
Er lief hin und her, veränderte seine Position zur Flurlampe. Aber wie er sich auch bemühte, er hatte die Fähigkeit verloren, einen Schatten zu erzeugen. Schwach wurde ihm auf seinen Beinen, sodass er sich erschöpft auf den Stuhl neben den Spiegel setzte.
Dann stand er abrupt auf, denn er glaubte, etwas Merkwürdiges bei seinem letzten, kurzen Blick in den Spiegel gesehen zu haben.
Er sah darin einen perfekt gekleideten Büromenschen. Doch dort, da wo normalerweise eine Nase wäre – dort war nichts. Als ob man seine Nase ausradiert hätte. Er sah an dieser Stelle nur das Muster der Tapete hinter sich. Es waren Ornamente, in hellem blaugrau.
Der Flecken wurde größer und größer. Langsam breitete sich das Muster über alle Partien seines Gesichtes aus, floss weiter zum Haar, dem Hals, nahm die Schulter, den Oberkörper und den Rest seiner Gestalt in Besitz. Er hatte kein Spiegelbild mehr, als ob er gar nicht existieren würde.
Er schaute an sich herunter, sah seine Lackschuhe und sein elegantes Outfit, seine weißen, schlanken Hände eines Büromenschen. Er war maßlos erleichtert. Er existierte, auch wenn alles dagegen sprach. Was war nur mit der Flurlampe und dem Spiegel los? An ihm selbst konnte es ja nicht liegen.
Sein rechter Fuß kribbelte. Das Gefühl wanderte sein Bein hinauf. Als er hinunterschaute, sah er dort, wo es kribbelte – nichts! Hitze stieg ihm vom Herzen bis ins Gesicht.
Langsam wuchs sein negatives Empfinden über die Mitte seines Körpers und er wurde sich um den Verlust seiner männlichen Teile bewusst. Sein Schrecken war grenzenlos. Er hatte sich schon bis zum Nabel aufgelöst.
Sein Herz pochte. Doch dann merkte er dort – nichts! Seine Finger begannen zu kribbeln, als ob unzählige Ameisen darauf hin- und herliefen. Bald spürte er nur seinen Kopf. Er konnte ja sehen, riechen, schmecken, hören. Er fuhr mit seiner Zunge an den Zähnen vorbei.
Sein Blick verschleierte sich. Er konnte nur noch denken. Ich denke, also bin ich – war sein letzter Gedanke.

Carolin Roth, geboren 1966 in Bochum, lebt in Nürnberg.
Sie schreibt kurze Geschichten und arbeitet an ihrem ersten Roman. Es gibt von ihr zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften.
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