Kuckuksrufe   

Annette Ody für #kkl59 „Ich denke, also bin ich“




Kuckuksrufe                                                                                                  

Heute habe ich wieder den Ruf des Kuckucks gehört. „Eigentlich ist es noch ein wenig zu viel Winter draußen“, habe ich gedacht, „ja, ein wenig viel zu viel!“ und mit klammen Fingern die nasse Schubkarre aufrecht an den Schuppen gestellt, damit sie abtropfen kann. Danach schaute ich in die Richtung hoch, von wo der Kuckuck ruft.

„Vielleicht sitzt er in der großen Weide da hinten“, überlegte ich und freute mich, dass ich daraus schlussfolgern kann, dass es wahrscheinlich bald richtig Frühling werden wird. Denn, ich habe es gelesen: Kuckucke rufen immer im Frühling. Das war heute morgen. Jetzt denke ich mit Freude daran, das sein Ruf oft aus den Gärten bei mir in Mittelholstein erklingt. Ja, der  Kuckuck ruft seit Beginn des Frühlings hier regelmäßig. Und jedes mal zähle ich die Anzahl seiner Rufe. Dabei überlege ich meistens, wie blöd das ist,- die Rufe des Kuckucks zu zählen, „denn so ein Vogel kann ja gar nicht wissen, wie alt man wird und wie viele Jahre von seinem Leben übrig sind?“ Trotzdem,- ich zähle sie, seine Rufe und freue mich, wenn es viele sind.

Man kann gut nachverfolgen, ob er in diesem oder jenem Garten sitzt und in welchem Baum er sich gerade befindet. Ornithologisch betrachtet, handelt es sich dabei um das Männchen, das mit seinem Ruf sowohl seinen Bereich markiert, als auch ein Weibchen anzulocken sucht. Ich muss dabei lachen, wenn ich daran denke,- denn damals, als ich recht jung war, hat mich tatsächlich ein Verehrer versucht, auch mit einem Kuckucksruf anzulocken. Das war in einem Bus in Berlin. Ich saß direkt hinter dem Fahrer. Als ich einstieg, war der Bus schon recht voll. Damals musste man noch vorne am Eingang beim Fahrer bezahlen. Während ich das Wechselgeld entgegen nahm, schaute ich nach einem freien Platz. Es war allein der Sitz hinter dem Fahrer frei. Ich muss wohl gelächelt haben, meine Wangen waren gerötet und meine Haare wirr, weil ich gerannt bin, um den Bus zu erreichen. Einen kurzen Moment überlege ich jetzt: „vielleicht war ich in diesem Moment auch einmal hübsch?“ Jedenfalls ertönte, kurz nachdem ich Platz genommen hatte, der Ruf eines Kuckucks.

„ Kuckuck“ rief es von hinten. Ich nahm davon keine Notiz. Und nochmal „Kuckuck“. Jemand  tippte mir auf die Schulter. „Der meint sie, junges Fräulein“. Etwas verwirrt drehte ich mich um und sah in lauter aufhorchende Gesichter der Mitfahrenden. Ganz hinten saß ein junger Mann, der strahlte mich an und rief nochmal: „ Kuckuck- ich bin es“. „ Ach ja, …der“, dachte ich. Ich kannte ihn von früher aus der Schule.

Er war der einzige Junge, der mit uns Mädchen in der Pause Gummi-Twist gesprungen ist. Ich winkte ihm freundlich zu und drehte mich wieder herum. Ich dachte, „der hat ja jetzt einen Oberlippenbart,- wie scheußlich!“ Jetzt stand er schon direkt neben mir und rief noch einmal „Kuckuck!“, und das direkt in mein Ohr, so dass ich zusammenzuckte. Einige im Bus lachten.

„Ich steige gleich aus“, sagte ich und dachte, „ ich mag nicht auf Oberlippenbärte küssen.“

Daran erinnere ich mich oft, wenn hier der Kuckuck ruft. Vielleicht hat sich …der…  ja inzwischen seinen Oberlippenbart abrasiert und sein Kuckucksruf hat eine andere Dame betört? Vielleicht trägt er jetzt einen Vollbart und hat sieben Kinder von drei Frauen? Wer weiß, wie oft …der… schon „Kuckuck“ gerufen hat?“

Als ich hierher nach Beringstedt zog, habe ich mal über den Kuckuck- als Vogel- nachgelesen. Ich bin keine Expertin für Vogelkunde, aber ich sehe in meinem Garten so viele verschiedene Vögel, dass ich gedacht habe, „ jetzt mal los,- Buch kaufen und gucken, wer sich da mit mir den Garten teilt“. Einen Kuckuck habe ich nicht hier gesehen, aber immer gehört. Jedes Jahr.

Ich finde es sehr interessant, wie viele kulturelle und psychologische Deutungen sich um diesen Kuckucksruf ranken.                                                                                                                                              Oh ja – in der Welt der Märchen und Mythen ist die Frau oft eine verkleidete Kuckuck/In, die ihr Ei in irgend ein gemachtes Nest legt, um es dann zu zerstören. Jahaa, stets mit Lippenstift und verführerischen Lippen,- und der „spitze Schnabel“ ist wohl eher ihrer manipulativen Sprachkünsten zuzuordnen? Als Kuckucksfrau ist sie da Hexe, mal Verführerin, und mal Vogelfrau mit Mordabsichten. Ein Anti-Frau-Projekt dieser literarischen Zuordnungen? Denkbar klar: Frau macht bösen Mist (oft vor einem Zauberspiegel), wird zur Strafe in Nageltonnen gesteckt und  Wasserfälle herunter gestoßen. Sie wird in schwarze Vögel oder Kröten verwandelt oder gleich verbrannt. Selten gibt’s dafür Überlegungen, wie,  „naja, vielleicht hatte sie einfach ihre Gründe?“

Und dieser Eva-Apfel! Reif, rot, süß lecker, duftend. Die arme Eva trägt seither die Schuld mit sich herum. Als hätte sie Adam mit einem Apfel zwangsernährt. Möglicherweise hat sie ihrem Gefährten den Boskop brutal und gewaltsam in den Rachen gedrückt? Ja, war er denn plötzlich ein mechanischer Nussknacker, dem man an einem Hebel den Kiefer auf und zuklappen kann? Kiefer auf, Apfel rein, Hebel drücken und,- knack! Der Apfel wurde von Adam abgebissen. Eva ist schuld!  Kauen musste er dann doch von selbst? Und runter schlucken? (wer bei dem Wort „Hebel“ aufhorcht, ist ein Schelm, der böses dabei denkt).

Und das Märchen vom „in die Arme treiben“, mit dem sich viele „Herrlichkeiten“ so gerne bedienen: Ausruf „ …sie hat mich ja in ihre (der anderen) Arme getrieben!“ ( Hintergrund: ich kann nichts dafür, dass mein Hebel herunter gedrückt wurde). Die Frau ist der Kuckuck oder besser, die Bullenhirtin in der Affäre?

Da wird die Frau zur Verursacherin gemacht, weil sie es gewagt hat, nicht permanent im „Wie- du willst, Schatz“- Modus zu leben. Dass ein Mann Verantwortung trägt für seine Entscheidungen? In realen Erzählungen des Lebens ( alle die, die noch nicht aufgeschrieben sind, weil sie gerade ablaufen), ist das oft Fehlanzeige, denke ich. Wenn überhaupt, wird er als Opfer seiner Umwelt skizziert. Selbst,- wenn Eva ihm den Apfel vielleicht auch nur gezeigt hätte: Schon war’s Manipulation , aber hundert-pro! Es war die Vogelfrau!

Tja, was für Gedanken so ein einfacher Kuckucksruf im Vorfrühling auslöst!

Jetzt muss ich kurz auch nochmal nach meiner Laubharke suchen. Irgendwo hatte ich sie doch heute morgen stehen gelassen? Ja, natürlich, da, beim Apfelbaum. Ich sehe, dass  in dem  noch vom Winter blätterlosen alten Apfelbaum tatsächlich einige verlassene Früchte dort hängen. Absichtlich habe ich sie hängen lassen, denn ich halte mich an das unausgesprochene „Geben und Nehmen“ in den Gärten: Ich nehme und lasse übrig. Schließlich brauchen die Vögel auch Früchte und Vitamine im Winter. Sie nutzen sie auch. Einige von den Äpfeln,- nein, eigentlich alle,- sind angepickt. „Schön“, denke ich, wir alle wollen ja futtern und ihr kleine Federkugeln auch.“

Und dann ruft wieder der Kuckuck. Diesmal ist er näher dran. „Vielleicht wird es doch mal Zeit für neue Märchen“, denke ich. „Wie wäre es mit …Eva und der Apfel – die Illusion von der Eigenverantwortung… oder:…Die Vogelfrau – ein Krimi über zugeordnete Märchen und die darin eingekapselte Ungerechtigkeit?… Und ganz ehrlich: Vielleicht hat der Kuckuck (als er noch die böse Frau war) eine lange Zeit emotionaler Unterdrückung erleben müssen? lebte in einer  Stimmung von allgemein akzeptierter und deshalb nicht weiter beachteten Demütigung und Unterdrückung, die man für selbstverständlich hielt? Fühlte sich dem Despoten hilflos ausgeliefert, hat ihren eigenen Wahrnehmungen nicht mehr vertrauen können, weil er ihr immer wieder gesagt hat: „das siehst du nicht richtig“, und, „so wie du das sagst, war das nicht, das war anders“, und, „nein, Tante Else hatte keinen roten Pullover an, der war grün, du hast  mal wieder nicht richtig hingeguckt“. Auf Dauer musste die böse Vogelfrau dann ja eine Götterdämmerung hervorrufen, um überhaupt zu überleben? 

Ich denke da an ein Beispiel aus meinem persönlichen Umfeld: Die Schwägerin meiner Freundin Gitta, namens Annie, hat durch Erbschaft einen schönen großen Hof und ein stattliches Päckchen auf dem Konto erhalten. Nach ihrer Hochzeit ließ Annie ihren Partner aus Dankbarkeit und Liebe,- und weil man das ja dann immer macht,- in das Grundbuch mit eintragen. Echt,- ich denke auch (ich denke jetzt als Vogelfrau natürlich): Manchmal sind diese Frauen einfach nur aus Liebe blöde. „Blöde“ ist ein altes Wort für „blind. Es hat heute eine andere  Bedeutung und wird mit dem Begriff „dumm“ assoziiert. In ihrer Kindheit hat  Annie das Durchleben einer typischen „Frauen-sind-weniger-wert“- Erziehung erfahren. Annie war sicherlich selbst Schuld, dass sie eine Frau geworden ist? Deshalb war Annie so sehr dankbar, dass dann da doch einer gekommen ist, der sie genommen hat, dass sie mit ihm gleich auch,- neben ihrer eigenen Opferung,- ihr gesamtes Hab und Gut teilen wollte. Geteilt? Eigentlich gehört ihr jetzt nichts mehr!

„Annie hat dann ja doch noch einen abgekriegt“, haben die Leute gesagt und den Mund verzogen. Einige haben auch die Augen verdreht. Mittlerweile hatte sich der so nette Mann gravierend verändert: Annie darf nicht mehr selbst denken oder für sich alleine etwas entscheiden. Auch ein Telefonat mit der Schwägerin muss angefragt werden. Er verwaltet ihr Leben. Mit Gitta telefoniert sie nur, wenn er mal weg ist und das ist nicht oft. Statt dessen sitzt er auf einem Stuhl in der Küche und beobachtet ihre Arbeit im Haushalt, raucht und frisst wie ein Scheunendrescher. Sie wird kontrolliert und besitzt faktisch keine Autonomie mehr. Der Mann dominiert das Haushaltsgeschehen und ihr ganzes Dasein. Schleichend ging das vor sich. Wie sollte ihr da ein Ausstieg gelingen, ohne Heimat zu verlieren? „Noch hat sie ihn nicht umgebracht“, denke ich da. Ich glaube, jeder kennt solche Fälle und wundert sich, dass Annie nicht einfach weggeht? Sicherlich gibt es auch  Paare bei denen es irgendwie so umgekehrt passiert, wo die Frau die dominante Quälerin ist… Frauen quälen doch dann anders. Böse von mir gedacht, nicht? Ich werde nicht„ Kuckuck“ rufen, denn weibliche Kuckucke können das nicht. Die krächzen. Das habe ich auch in dem Ornithologie-Buch gelesen, dass weibliche Kuckucke nur krächzen können. Auch das ist wieder so eine Ungerechtigkeit. Aber, ich und die Kuckucksblumen, die ich kenne, die krächzen nicht, die singen Bach, Mendelssohn und Karl Jenkins in einem Konzert-Chor.

Was ich immer wieder bemerke, ist, dass die Menschen sich wenig dafür interessieren, wenn der Kuckuck ruft. Doch ich, – ich interessiere mich dafür.                                      Während die Ornithologen sagen, dass er sich nach einer Balzpartnerin umschaut wenn er ruft,  höre ich in dem Klang des Kuckucksrufs noch etwas ganz anderes:

Ich denke dann, dass es endlich Frühling geworden ist, dass alles neu wird und ich voller Erwartung sein darf, dass die Gärten und die Natur wieder mit ihren vielen Wundern an Blüten und Pflanzen nahezu in prachtvolle unüberhör- und sehbare Chorgesänge ausbrechen werden.

Ich werde auch mal gucken, ob ich wieder Kuckucksblumen finde. Ihre Wurzeln, das habe ich in Erfahrung gebracht, kann man als Glücksbringer verwenden, oder einen Liebes- Zaubertrank daraus brauen. Je nachdem, was sich mein Oberstübchen in meinem Wolkenkuckucksheim damit ausdenkt.




Annette Ody

Geboren in Bremen 1952, 

Meisterprüfung im Keramiker-Handwerk

Studium Kunst- und Literaturwissenschaften/ Uni Osnabrück, M.A. Kunst-u. Lit.wiss.

Fachschulrektorin der Staalichen Schulen für Keramik in Landshut/ Bay ( 13 Jahre) 

Nach Renteneintritt 2019 bis heute: 

Lehrkraft für Kunst- und Kunstgeschichte in der Oberstufe der 

GmSmO/Gemeinschaftsschule Kellinghusen

Veröffentlichungen: Diverse Fachartikel Kunst und Keramik. 

Beispiele hier: 






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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