Martin A. Völker für #kkl59 „Ich denke, also bin ich“
Descartes im Tank
All unser Tun folgt auf ein Bedürfnis oder stellt die Antwort auf eine Frage dar, die wir gestellt bekommen oder die wir uns selbst stellen. Daneben gibt es solche Fragen, die uns ratlos zurücklassen, die zumindest einige Schrecksekunden erzeugen, in denen unklar bleibt, was zu tun ist, was zu tun sein wird. Eine dieser Fragen lautet: „An was denkst du gerade?“ Es liegt in der teuflischen Logik dieser Frage, dass du sie nur falsch beantworten kannst. Bereits ein kurzes Zögern, ein Anzeichen davon, unsicher zu sein, was jetzt sprachlich von uns verlangt wird, erregt Argwohn. Oft wird diese Frage in Situationen gestellt, in denen man wohlig entspannt und sprachlos ist sowie froh darüber, gerade an nichts zu denken, was als Antwort allerdings unzulässig erscheint, weil die Entgegnung „Ich denke an nichts.“ den Argwohn vergrößert und die nachfassende These provoziert: „An irgendetwas musst du doch denken!“ Wenn du in philosophischen Belangen geübt bist, besteht eine zusätzliche Option darin, blitzschnell die Geistesgeschichte nach besseren Antworten abzusuchen. Auf die Frage, an was gerade gedacht wird, könntest du mit René Descartes antworten: „Ich denke, also bin ich.“ Zumindest würdest du damit erreichen, den Fragesteller, die Fragestellerin zu verblüffen, was dir einige Zusatzsekunden verschaffen könnte, um zu einer noch besseren Antwort zu gelangen. Zur Verschlechterung deiner Lage würde beitragen, dass, meist in einer Situation der innigen Zweisamkeit, du, der Aussage nach, selbst der einzige, dein einziger Denkinhalt bist. Bekäme ich die Losung des Descartes vorgesetzt, nähme ich an dem Wörtchen „also“ Anstoß, weil hier eine zwingende Logik und Konsequenz eingeführt wird, die vieles andere, eigentlich alles, ausschließt und die gar nicht vorhanden sein, nicht vorgebracht werden müsste. Es existiert der Vorsatz, einen Zwang auszuüben, unser Denken zu binden, was durchaus in positiver Absicht geschehen kann, weil wir ja zu unserem Glück gezwungen werden könnten. Die Losung von Descartes zeigt uns jedoch kein Glück an, sie zwingt uns eine äußerst befremdliche Verbindung auf, dass nämlich ein Handeln mit einem Zustand, einem Seinszustand, verknüpft wird. Befremdlich ist, dass wir nur durch Denkprozesse existieren sollen, was mich an das berühmte Gehirn im Tank denken lässt, welches von einem Computer so angeregt wird, dass es darauf kommt, selbst zu sein, und Gedanken über eine Außenwelt anstellt, mit der es nicht verbunden ist, die lediglich eine vorgetäuschte bleibt. Was ist mit dem Sehen, Hören, Fühlen, mit dem Riechen und Schmecken? Für Descartes trägt die Erfahrung der Welt, die Erfahrung in der Welt wenig zu unserem Seinszustand und zu dessen Gewissheit bei. Wenn du demnach auf die Frage, an was du gerade denkst, mit Descartes antwortest, füge unbedingt rasch hinzu, dass du kein Gehirn im Tank bist, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, dass du alles das bist, wovon Descartes keine Ahnung hatte, was dich letztlich wirklich liebenswert macht. Befremdlich an der Losung des Descartes ist zudem die zwingende Verkettung, dass ein Ich die Voraussetzung darstellt für ein weiteres Ich, welches allerdings kein anderes, fremdes Ich ist, sondern dasselbe Ich. Das Ich bei Descartes ist Bedingung und Produkt, Schöpfer und Geschöpf, Konstrukteur und Konstruktion. Das Ich schwebt. Den Boden der Tatsachen, das andere seiner selbst, benötigt es nicht. Ohne Spiegel schaue ich mir selbst in die Augen: eine widersinnige, eine monströse Vorstellung, die dir und mir aufgezwungen wird. Denke folglich nicht an Descartes, wenn die Frage lautet, an was du gerade denkst, und durchdenke nicht das, was du sagen willst. Öffne dich, gewähre einen Einblick, zeige die Hinterbühne, auf der, anders als auf der Vorderbühne, vieles ungeordnet herumliegt, wo die Requisiten noch keinen Sinn ergeben und doch vom Geschmack, von der Feinheit und Feinsinnigkeit ihres Besitzers zeugen: „Ich fühle mich allem Denken enthoben, die Sonne deiner Augen wärmt mich, und wenn in diesem Augenblick alles zu Ende wäre, die Welt unterginge, würde ich sie in dir wiederfinden.“

Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.
Über #kkl HIER
