Ungewollte Erinnerungen

Florian Stöckle für #kkl59 „Ich denke, also bin ich“




Ungewollte Erinnerungen

Es ist keine zehn Sekunden her, seit ich mich von der Ärztin verabschiedet habe. Nachdem ich zur Tür herausgegangen war, musste ich mich kurz orientieren. Immer noch finde ich mich in dem Gebäude nicht zurecht, obwohl ich jetzt schon das vierte oder fünfte Mal hier bin. Weil der Gang rechts in eine gläserne Sackgasse mündete, drehte ich mich nach links und gehe jetzt einen langen Gang mit oben und unten weiß und in der Mitte rot gestrichenen Wänden entlang. Ich sehe niemanden, gehe an leeren Stuhlreihen vorbei. Das Einzige, was ich höre, sind meine eigenen, leisen Schritte auf dem grauen Kunststoffboden. Und da erscheint sie mir plötzlich: Amira.

Sie steht auf der linken Seite des Gangs, wo rechts der kurze Gang zur Eingangstür abgeht. Das wenige Licht, das durch die Eingangstür hereinfällt, malt einen schwachen Schatten an die Wand. Es ist eine junge Version von Amira. Vielleicht acht, neun Jahre alt? Ein junges Mädchen mit schulterlangen, schwarzen Haaren und brauner Haut. Amira hat noch keine Brille. Ihre braunen Augen kann ich noch nicht erkennen. Sie steckt in einem langen, rosa Kleid mit langen Ärmeln und ihre Füße in weißen Socken und weißen Turnschuhen mit pinken Klettverschlüssen. Ein Frühlings- oder Herbstoutfit, denke ich mir. So ging Amira früher nach draußen, wenn ein leichter Wind wehte, es aber noch so warm war, dass sie keine Jacke brauchte. Sie war schon immer eine Modepuppe, die ihre Kleidung aufeinander abstimmte. Ich glaube, sie wurde schon so geboren.

Als ich näherkomme, fange ich ihren Blick auf. Amira schaut emotionslos durch mich hindurch. Als wäre ich irgendein Fremder und nicht ihr Vater. Ich fixiere ihre Augen. Amira, möchte ich am liebsten flüstern, doch ich unterdrücke mein Verlangen, weil ich weiß, dass dieses Mädchen nicht echt ist. Diese junge Amira, die auf Hello Kitty, Fruchtgummis und die Farben Pink und Rosa stand, gibt es schon lange nicht mehr. Meine heutige, 22-jährige Tochter befindet sich entweder schon draußen auf dem Parkplatz oder ist auf dem Weg zu mir. Zu ihrem alten, an einer schweren Depression erkrankten Herrn.

Die Erinnerungen fluten mal wieder mein Gehirn, ohne dass ich es will. Schöne Erinnerungen diesmal. Wenigstens habe ich im Moment keine deprimierenden Gedanken über meine Gegenwart oder Zukunft. Die kommen nämlich auch nur allzu oft in mir hoch. Meine ungewollten Erinnerungen nehme ich manchmal als einen Schutzschild für meine Psyche wahr, und an anderen Tagen sind sie eher eine riesige Häftlingskugel aus schwerem Eisen, die ich an einem meiner Füße mit mir schleppen muss.

Ich gehe an Amira vorbei, drehe mich in Richtung Eingangstür und unterdrücke meinen plötzlichen Wunsch, meine rechte Hand nach Jolinda auszustrecken. Sie ist auch nicht echt, sagt meine innere Stimme, doch meine Exfrau sieht so real aus, wie ich mir nur selten Personen vorstelle. „Jolinda“, flüstere ich und kann es gar nicht erwarten, in Amiras Auto zu steigen, um so meinen Erinnerungen zu entkommen. Sie verschwinden immer, sobald ich mit anderen Personen rede. Sobald mein Gehirn genug abgelenkt wird. Am liebsten würde ich meine ältere Tochter dann umarmen, doch ich weiß, das darf ich nicht. Ich will sie nicht erschrecken und ihr auch immer noch nicht zu erkennen geben, wie krank ihr alter Herr wirklich ist. Sie würde sich dann nur noch größere Sorgen um mich machen. Ich wünsche mir, dass Amira sich auf ihr eigenes Leben konzentrieren kann.

Meine Tagtraum-Jolinda steht direkt neben der gläsernen Eingangstür. Sie trägt eine rot-weiße Maske mit wenigen orangen Glitzerschnipseln darauf. Die Maske, die nur den oberen Teil ihres Gesichts bedeckt, passt perfekt zu den Wandfarben der psychiatrischen Ambulanz. Vielleicht erscheint sie mir deshalb in diesem Aufzug. Ihre hellgrüne Bluse, ihr dunkeloranger Rock und ihre schwarzen Ballerinas harmonieren mit ihrer Maske, denn Jolinda sieht bunt aus. Ihre dunkelbraunen Haare sind lang, sie reichen ihr fast bis zum Hintern. So waren wir vielleicht damals, vor vielen Jahren, in Venedig unterwegs, als wir noch eine Familie waren. Nur wir drei. Naomi war noch zu klein, um mitzufliegen. Wir hatten sie bei meinen Eltern gelassen.

Ich frage mich, wann ich das letzte Mal an Jolinda gedacht habe. Es muss bestimmt schon ein paar Wochen her sein. Dass diese Jolinda nicht echt ist, habe ich sofort an ihrem nicht vorhandenen Geruch gemerkt. Jolinda trägt immer Parfums, und das meistens mit einer aufdringlichen Note.

Ich zögere, durch die Tür zu gehen, weil in meiner Fantasie in dieser Sekunde eine Welle durch die Glaswand rauscht und den billig aussehenden Kunststoffboden unter Wasser setzt. Das Abbild meiner Exfrau verblasst wie ein Regenbogen.

Als ich aus dem Gebäude gehe, finde ich mich vor einer breiten Lagune wieder. Ich bleibe stehen. Vielleicht ist es sogar der Canal Grande. In meinen Augenwinkeln suche ich vergeblich nach der Rialtobrücke. Wenige Sekunden tue ich mich schwer, meine Venedigfantasie von der echten Welt zu trennen.

Dann strahlt die Sonne hell auf die Lagune und das Wasser, die Gondeln, das Vaporetto, die hohen Pfosten, die Bürgersteige, die undeutlichen Personen, die still darauf gehen, und die Häuserwände werden durchsichtig. Ich sehe auf einmal zwei Welten, die übereinander liegen: Einmal das ungreifbare Venedig, eine schöne, bunte Erinnerung, und einmal den grauen Parkplatz mit den vielen verschiedenfarbigen Autos, der die Realität ist.

Wo ist Amira?, frage ich mich. Ich kann ihren roten VW Polo, den sie mit achtzehn von Jolinda und mir geschenkt bekommen hat, nirgendwo in den zwei Welten entdecken.

Ich überquere langsam den Parkplatz, weil meine Erinnerungen mir wieder einmal einen fiesen Streich spielen, und bleibe auf dem Gehsteig stehen.

Zwei Frauen kommen in meine Richtung. Sie gehen durch die sehr verschwommenen Passanten meiner Venedigwelt hindurch, die, wenn ich so darüber nachdenke, eigentlich aussieht wie ein realistisches Gemälde, nur in 3D. Die vielen Personen bewegen sich nämlich gar nicht und ich rieche auch nicht den strengen Geruch der Lagune.

Ich weiche kurz auf den Parkplatz aus, um die beiden Tratschenden vorbeizulassen.

Dann komme ich auf die Idee, auf die Uhr zu schauen. Wo bleibst du nur, Amira? Du wolltest doch nur im nahegelegenen Buchladen einen Gutschein kaufen. Mein dummer Vorschlag. Aber der Parkplatz war voll. Vielleicht musstest du weit weg parken und bist gerade zu Fuß auf dem Weg zu mir. Das wäre schlecht, denn ich möchte meinen Venedigerinnerungen am liebsten so schnell wie möglich entkommen. Warum waren wir eigentlich nur ein einziges Mal in dieser wunderschönen, einzigartigen Stadt?

Ich wandere ein bisschen auf dem Gehsteig auf und ab. Nur einige Meter entfernt fließt ein kleiner Bach unter einer kleinen Brücke hindurch, die man kaum als solche bezeichnen kann. Heute erinnert er mich natürlich an die Lagunen, nur ohne den Dreck und den Gestank. Ich beschließe, zur „Brücke“ und wieder zurückzugehen, während ich warte.

Die Bilder von Venedig, die nun beginnen, sich übereinander zu schieben, nerven mich. Sie sind viel bunter als die grau-grüne Krankenhausrealität. Aber zu meinem Glück merke ich, dass die Erinnerungen immer undeutlicher werden.

Ich sehe wieder die junge Amira, wie sie an einem regnerischen Tag auf dem Markusplatz Tauben aufscheucht. Sie trägt eine schwarze Jacke mit Kapuze, eine hellgraue Hose und braun-schwarze Halbschuhe. Sie hüpft den Tauben nach, die den halben Platz zu bedecken scheinen. Amira entfernt sich von mir und lacht bei jedem Hüpfer. Wir hätten Naomi doch mitnehmen sollen, denke ich mir. Die beiden Kinder hätten bestimmt viel Spaß zusammen gehabt.

Ich sehe auch die Cafés, in die Jolinda jeden Tag hat gehen wollen, manche ganz schick eingerichtet in alten Gebäuden, manche ganz unscheinbar gelegen, sodass wir fast an ihnen vorbeigegangen wären. Ich sehe Jolinda Espresso trinken. Wieder und wieder an den verschiedensten Tischen. Drinnen und draußen. Ihr Gesicht ist jedes Mal verschwommen.

Ganz viele Bilder drängen sich mir von den hell erleuchteten Gebäuden bei Nacht auf. Die müssen von unseren zwei Nachtfahrten mit zwei Vaporetti stammen.

Venedig ist eine tolle Stadt, keine Frage, aber ich möchte jetzt nicht an sie denken. Alles lange her. Alles unklar und verschwommen, wie auf über dreißig realistischen 3D-Gemälden.

Dann, es müssen inzwischen etwa zehn Minuten vergangen sein, seit ich aus der psychiatrischen Ambulanz gekommen bin, fährt Amiras roter Polo durch das immer durchsichtiger werdende nächtliche Venedig und lässt die Bilder in meinem Kopf plötzlich vollständig verschwinden. Das freut mich.

Aus irgendeinem Grund bin ich aufgeregt, mich gleich zu meiner älteren Tochter ins Auto zu setzen. Immer noch in Gedanken, doch jetzt denke ich daran, was die Ärztin vorhin gesagt hat, öffne ich die Beifahrertür.

„Überall kein Parkplatz“, erklärt mir die erwachsene Amira ein wenig genervt.




Florian Stöckle, 1993 in Günzburg geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik und Geschichte an der Universität Augsburg. In Germanistik schloss er im Anschluss den aufbauenden Masterstudiengang ab. Geschichten schreibt er seit seiner Kindheit, am liebsten Fantasygeschichten. 2019 nahm er an einem Studierendenseminar der Bayerischen Akademie des Schreibens teil. Einige seiner Geschichten wurden schon veröffentlicht. Florian Stöckle wohnt in der Nähe von Augsburg.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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