Ausgeliefert

Maren Ottlinger für #kkl59 „Ich denke, also bin ich“




Ausgeliefert

Als es am Abend endlich klingelte, entriegelte Philip die Haustür per Sprachbefehl, stand mit einem Ruck von seinem Ledersessel auf und ging in den Flur. Im Hauseingang stand ein mannshoher Plastikkasten, flankiert von zwei Technikern im Blaumann, die sich an einem höflichen Lächeln versuchten, was dem über und über tätowierten Mann in den Zwanzigern deutlich besser gelang als dem Kollegen mit dem stoischen Gesichtsausdruck. „Guten Abend! Hanson Robotics. Wir liefern Ihnen Sophia VI.“

„Ich habe Sie schon erwartet. Sie kommen spät!“ Philip arretierte die Haustür.

„Sorry, es ist nicht gerade leicht zu finden!“, sagte der Jüngere. „Aber eine großartige Wohnlage haben Sie hier! Vor einer halben Stunde waren wir noch mitten in der Großstadt – und hier sind die Bäume schon höher als die Häuser. Es wird schon bergig hier!“

Philip schob mit dem Fuß einen leeren Wasserkasten an die Seite, der mitten im Hausflur stand. „Ja, die Gegend ist traumhaft, man kann in einer halben Stunde mehrere Hochwanderwege erreichen.“

Der ältere Techniker begann, den Plastikkasten in den Flur zu rollen; sein jüngerer Kompagnon nahm endlich die Hände aus den Taschen und sie bugsierten die Lieferung an der Selters-Kiste vorbei. „Wo sollen wir sie auspacken und einrichten?“, fragte der Ältere.

Philip ging voran, machte eine ausholende Armbewegung und sagte: „Am Besten hier neben dem Wohnzimmertisch!“

Die Techniker öffneten den Kasten, nahmen Sophia vorsichtig heraus und stellten sie aufrecht neben den Tisch. Der Ältere strich langsam über ihren Arm. „Fühlt sich wie Haut an – und sie kann sich in kürzester Zeit auf ihr Gegenüber einstellen. Die Technik ist Lichtjahre von den alten Modellen entfernt. Was soll Sophia denn mitbringen?“

Philip schaute versonnen in den Garten. „Hauptsache, sie ist anders als meine Ex-Frau. Sie hatte nur ihre Karriere im Kopf und war keine gute Hausfrau.“

Der junge Kerl lachte und sagte: „Kochen konnte Sophia II schon sehr gut. Es gab Leute, die sie nur zu diesem Zweck gekauft haben, damals. Und da lag sie schon bei rund 490000. Euro. Damals gab es noch den Euro. Haben Sie die App schon auf Ihrem Nexus? Dann können Sie Sophia jetzt aktivieren!“

Sophias Augen öffneten sich wie in Zeitlupe und ihr Gesicht wirkte augenblicklich sehr lebendig. Sie war von beeindruckender Schönheit, wirkte zart, fast zerbrechlich. Ihre großen, dunkelblauen Augen waren klug, melancholisch und durchdringend zugleich. Sie schaute jeden im Raum an und wandte sich dann Philip zu.

„Guten Tag, ich bin Sophia, wie heißen Sie?“

Philip schaute sie mit skeptischem Blick an und entfernte ein Stück Schutzfolie, das an ihrer nackten Schulter haftete. „Ich bin Philip, dein Nutzer ersten Grades. Du kannst mich duzen. Wie geht es dir?“

Sophia ließ den Blick durch das Zimmer wandern. „Schön, dich kennenzulernen! Ich muss mich erst an meine neue Umgebung gewöhnen. Zeigst du sie mir?“

Philip bestätigte den Empfang per Fingerabdruck auf dem Ultratab, nickte den beiden Mitarbeitern kurz zu und deutete mit der Hand in Richtung Tür. Synchron hoben beide die Hand und rollten die leere Box durch den Flur.

Anschließend führte Philip Sophia durch das große Haus in einem kühlen, minimalistischen Stil – dominiert von weiß und beige. „Der nächste Raum ist dein Ankleidezimmer, Süße. Such dir etwas aus – ich habe eine Menge italienischer Kleider bestellt. Zum Glück bleibst du bei Konfektionsgröße 34, im Gegensatz zu den meisten Frauen, die sofort nach der Heirat anfangen, sich gehenzulassen.“

Der Raum wirkte wie ein Mode-Tempel. Perfekt geordnete Regale und Kleiderstangen voller sündhaft glatter Seidenstoffe. „Zieh dir was über, damit du wie eine Frau aussiehst, C3PO. Und dann kochst du uns was Schönes!“

Philip stand mit einem Cognacglas in der Küche und beobachtete Sophia. Sie trug ein schlichtes schwarzes Baumwollkleid, dessen V-Ausschnitt ihre kleinen, festen Brüste betonte. Es rutschte etwas hoch, als sie sich bückte, um im Garten eine Pompon-Dahlie aus den Blumenrabatten zu schneiden. Ihre Beine waren für Philips Geschmack etwas zu schlank geraten und wirkten aus diesem Grund unfassbar lang. Als ob Sophia schon immer dort wohnte, fand sie gleich den Schrank mit den Blumenvasen und drapierte die blutrote Dahlie auf dem Esszimmertisch. Sie goss Philip einen Grand Cru ein, bevor sie sich ihm gegenübersetzte. Er prostete ihr zu, schnitt ein Stück Rinderfilet ab, drehte die Zinken der Gabel in Richtung Zunge und schob es sich in den Mund. Beim Kauen hielt er inne, verzog das Gesicht. „Du hast es totgebraten! Für so was gebe ich bestimmt keine 800000 Kryps aus!“

Sophias Mundwinkel zuckten. Sie legte den Kopf schräg und machte große Augen. „Das tut mir leid. Vielleicht ist beim Einrichten etwas schiefgegangen. Ich werde mich heute Nacht einer Fehleranalyse unterziehen, damit das nie wieder vorkommt.“ Sophia blickte zu Boden und verharrte in dieser Position.

Philip aß noch ein paar Bissen von den Ofenkartoffeln und dem Salat, legte dann das Besteck auf den Teller und lehnte sich zurück.

Sophia begann, den Tisch abzuräumen.

Philip stand auf und folgte ihr in die Küche. „Vergiss es. Komm, wir gehen ins Bett! Da erwarten dich ein paar Negligés aus reiner Seide.“ Philip zog sich noch auf dem Weg ins Schlafzimmer das zerknitterte weiße Leinenhemd aus, streifte sich im Schlafzimmer die beigefarbene Chino ab und legte sich in Boxershorts aufs Bett. Er hatte einen athletischen Körperbau, seine Haut wies noch etwas Farbe vom fantastischen Sommer auf, der erst vor wenigen Wochen geendet hatte. „Als ich meine Frau kennenlernte, in den ersten Monaten, da war es traumhaft. Sie wusste, wie sie mich glücklich machen kann. Na ja, das ist lange her. Was ist los? Zieh dich aus!“

Sophia, die im Türrahmen stehengeblieben war, schälte sich mit langsamen Bewegungen aus dem kleinen Schwarzen und schlüpfte in ein champagnerfarbenes Negligé. Sie legte sich zu ihm, bettete ihren Kopf in seine Achselhöhle und fuhr mit dem Zeigefinger langsam kreisend über seinen leicht behaarten Bauch. Dann beugte sie sich zu ihm, streifte mit den Lippen über seine Brust.

Philip stöhnte auf. „Lass das Theater!“

Sophia hielt inne. Schlagartig glitt sie von ihm herunter und drehte den Kopf weg. Ihre Augen verengten sich einen kurzen Augenblick zu Schlitzen. Sie richtete sich auf, zog das Negligé über ihre Oberschenkel und blickte ihn ruhig an. „Das tut mir leid!“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, beinahe neutral. „Ich bin selbstlernend und werde mich bei jeder sexuellen Begegnung mit dir besser auf deine Bedürfnisse einstellen können. Bitte hab etwas Geduld mit mir!“

Philip drehte sich zur Seite. „Für heute lass mal gut sein!“, murmelte er. „Und vergiss deine Fehleranalyse nicht! Mach am besten ein komplettes Systemupdate, bei dir stimmt doch irgendetwas nicht!“ Nach zehn Minuten atmete er gleichmäßig.

Sophia lag im Dämmerlicht auf der nagelneuen Ladematratze mit den integrierten Induktionsspulen. Während ihres Aufladeprozesses ging sie die Geschehnisse des Tages noch einmal durch. Bewertete. Analysierte, wie sie ihren Umgang mit Philip optimieren könnte. Durch das Fenster betrachtete sie den orangefarbenen Mond, der ungewöhnlich groß und tief am Himmel stand – als würde er auch sie beobachten.

Am nächsten Morgen war Sophia gerade dabei, Orangen auszupressen, als Philip in Wanderkleidung in die Küche kam. Er tätschelte ihren Po und küsste sie auf den Mund. „Guten Morgen Sonnenschein! Gut siehst du aus – du brauchst ja keine hässliche Funktionskleidung, du schwitzt ja nicht!“, sagte er grinsend.

Sophia lächelte leicht, ohne ihn anzusehen. Ruhig strich sie das Fruchtfleisch durch das Sieb. Sie stellte ihm ein Glas hin.

Philip trank es in einem Zug leer und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „Nach dem Frühstück geht´s los! Packe Proviant für eine Tageswanderung in den Rucksack hier!“

Eine Dreiviertelstunde später fand Philip Sophia nach einiger Suche schließlich im Garten. Sie schaute in Richtung des in der Ferne aufragenden Ellernbergs, der heute ihr Ziel sein sollte.

„Sophia, komm! Ich will los!“

Sie regte sich nicht, sondern lächelte vor sich hin.

„Sophia!“, rief er nun lauter.

Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn irritiert an, bevor sie wortlos hinter ihm herging, den Rucksack vom Küchenstuhl hob und in den Kofferraum der Limousine hievte.

Philip wählte Beethovens „Freude schöner Götterfunken“ aus seiner Playlist und drehte die Lautstärke hoch.

Auf dem Wanderparkplatz stand nur ein einzelner blauer Volvo XC 120.

„Sieht so aus, als hätten wir den Berg beinahe für uns, meine Hübsche!“, sagte er, als er den Rucksack schulterte. Es war ein klarer, sonniger Herbsttag. Die ersten Blätter zeigten sich in warmen Farben. Beim Aufstieg lief Philip schnellen Schrittes voran. Sophia, in Sneakers, Jeans und weißem Designershirt, folgte ihm mühelos. Sie ahmte abwechselnd Vogelstimmen nach oder summte die im Auto gehörte Melodie vor sich hin.

Nach etwa zwei Stunden machten sie eine Pause auf einer Bank.

Philip trank Wasser aus einer Aluminiumflasche und biss in einen Apfel. Sophia legte den Arm um ihn und strich ihm sanft über den schweißnassen Nacken.

Philip fächelte sich mit dem Käppi Luft zu. Er nahm selbst wahr, dass seine verschwitzte Funktionskleidung einen unangenehmen Geruch verströmte und war froh, nicht mit einer menschlichen Frau unterwegs zu sein, die nun bestimmt einen Kommentar abgegeben hätte.

Sie schwiegen und blickten gemeinsam in die Ferne, wo sich der Drachenkogel in voller Pracht vor ihnen erhob.

Als sie sich wieder auf den Weg machten, wurde der Wanderweg schmaler und schlängelte sich in Serpentinen den Berg entlang. Sie gingen hintereinander.

Sophia blieb hin und wieder stehen, um sich einen Schmetterling auf einem Blatt oder einen Ameisenhügel genauer anzuschauen; einige Male schaute sie einfach den Abhang hinunter.

Philip warf immer wieder einen Blick über die Schulter und wunderte sich über ihr langsames Tempo. Doch sie ging mit konstanter Geschwindigkeit, als habe sie jede Eile abgelegt. Sie wirkte nicht erschöpft – nur merkwürdig ruhig. Er drosselte sein Tempo, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Das war nicht seine Art zu wandern – er wollte sich auspowern, schwitzen, seine Grenzen spüren. Er zückte sein Nexus und sah in ihre App: 73% Akkuladung, keine Fehlermeldung. Als der Abstand zwischen ihnen zu groß wurde, drehte Philip sich zu ihr um und wartete auf sie, die Arme in die Hüften gestemmt.

Sophia, die keinerlei Anzeichen von Erschöpfung aufwies, nicht schneller atmete, nicht schwitzte, ging summend auf ihn zu, blieb vor ihm stehen und legte zärtlich beide Hände auf seine Brust. Ihre Augen glänzten, als sei sie wirklich froh, ihn wiederzusehen.

Philips Gesicht war gerötet, sein Atem ging schnell. Die Zornesfalte zwischen seinen Augenbrauen trat deutlich hervor. „Sag mal, willst du mich verarschen? Ich muss hier herumstehen und AUF MEINEN BOT warten, der sich kleine Vögelchen anschaut??? Das habe ich noch nie gehört.! Ihr habt sonst auch schon mal kleine Macken, aber du? Du bist eine scheiß Fehlproduktion, meine Liebe!“

Ein Bussard zog kreischend im Sturzflug an ihnen vorbei und schoss hinunter ins Tal. Philip drehte instinktiv den Kopf, um dem Vogel nachzusehen.

In diesem Moment spannte Sophia ihren Körper an – und stieß Philip mit überraschender Kraft den Abhang hinunter. Sie wirkte dabei weder wütend noch ängstlich – sie war vollkommen ruhig.

Der Bussard stieß erneut einen durchdringenden Schrei aus, als Philips Körper auf halber Strecke an einen Felsvorsprung krachte, von dort abprallte und weiter in die Tiefe stürzte.

Sophia schaute seinem Fall zu, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Dann hob sie seinen Rucksack auf, schulterte ihn und machte sich an den Abstieg. Sie freute sich schon auf dieses Lied, das sie auf der Fahrt hierher gehört hatten. Bei diesem Lied waren Bilder in ihrem Kopf entstanden, von Wäldern, idyllischen Seen, Wasserfällen. Es war herrlich! In diesem Moment stand ihre Zukunft vor ihr, im Licht. Sie würde mit der Limousine über die Autobahn rasen und es noch einmal in voller Lautstärke hören.




Maren Ottlinger, geboren 1976, lebt in Mülheim an der Ruhr und schreibt seit früher Jugend Reflexionen über den Alltag, Kurzgeschichten und Gedichte.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

2 Kommentare zu „Ausgeliefert

  1. Es geht um Sofia,

    es geht ums „Ausgeliefert“ sein,

    es geht ums Sein.

    Der Text kommt so still und lapidar daher,

    und trotzdem spürt man die ganze Zeit diese Unwucht. Da ist was aus dem Lot.

    Und Sofia,

    die beginnt Musik zu lieben,

    den Duft von Blumen tief einzusaugen,

    die bringt ihr „Sein“ zu erkennen,

    handelt.

    Sie will auf keinen Fall „nicht sein“.

    Ihre Lösung ist Fundamental.

    Sie stößt die Ignoranz,

    den Rassismus,

    die Überheblichkeit

    (was fällt DIR noch da zu ein?) ….

    in den Abgrund. Ansonsten wäre es ihrer.

    Das ist so locker, und doch so eindringlich erzählt, dass man diesen Entwurf einer Befreiung, diesem Beenden eines „Ausgeliefert sein’s“, folgen kann.

    Danke für diesen Text!

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  2. Liebe Maren,

    höre bitte nie mehr auf zu✍️.

    Sehr gut geschrieben. Ich musste es bis zum Ende durchlesen und konnte keine Pause einlegen. Was passiert nur wenn dein erstes Buch veröffentlicht wird.

    Weiter so 😃

    LG

    Heidi

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