Sara K. für #kkl59 „Ich denke, also bin ich“
F44: Felidae X
„aber da, an diesem schwarzen Felle
wird dein stärkstes Schauen aufgelöst:“
In einem Anfall von Gnade steckte mir meine Mutter drei Hunderter zu. Sonst waren es Männer, die mir Scheine zusteckten, sie sagten dann so Sachen wie, dass sie eine solche Liebe noch nie empfunden hätten, sich so verstanden gefühlt, geborgen, gewollt, geliebt. Es lag ihnen ein Herz zu Füßen, aufgebrochen, und sie verloren sich in seinen Splittern, seinen Gräben und Grotten, den Zwischenräumen, die leer standen und in deren Dunkelheit etwas umherzog. Es schlich sich an, zog sich zurück, zeigte sich manchmal, und verschwand wieder. Sie konnten es nicht sehen, doch es streifte sie von Zeit zu Zeit, genauso wie mich. Über die Jahre hinweg hatten Psychiater ihre Meinung zu meiner Verfassung kundgetan, Konstitution oder Persönlichkeit, wie immer man es nennen will, denn was ist es schon. Ein Gerüst, ein Gefüge für den Seelenstoff. Für die meisten eine Einheit, doch hier nannten sie es anders. Angefangen hatte es mit 14 oder 15, damals schrieb der Psychoanalytiker, depressiv, dysthym, und ein Rezept. Sollte helfen gegen die Selbstverletzung, zersetzte aber nur weiter die Konsistenz. Ich ließ es bald weg, lieber kaputt als komplett daneben. Außerdem entdeckte ich die Amphetamine und das Kokain, beides hielt mich besser zusammen. So gab es nicht mehr drei Gedanken nebeneinander, Autobahn, sondern nur eine Spur. Später, Club 27, zerrann die spröde Struktur im ozeanischen Opiod, da hieß es dann polytoxikoman, Suizidversuch, Borderline, PTBS, komplexe Traumatisierung, und, V.a. dissoziative Identitätsstörung: F44.81, für die Kasse kodiert. Fachsprache, aber nicht meine Sprache. Vielleicht die der Psychiaterin, der ich oft gegenübersitze, aber nicht meine.
Ja was soll man sagen, ich jedenfalls pflege ein „geteiltes“ Verhältnis zu den Männern von denen eben die Rede war. Sie waren vertraut, und sie waren weniger schrecklich als der größte Teil der Frauen. Gegenüber den meisten empfand ich immer eine gewisse Offenheit, obwohl ich selten Anstalten machte, etwas von mir mitzuteilen, sie verstanden mich sowieso nicht. Sie stellten mir eine Schale Milch hin, lockten, riefen mich, oder redeten mir gut zu. Manche packten mich, zwangen mich bei ihnen zu sein, andere streichelten mich, legten ihren Kopf auf mich, zogen mich heran oder stießen mich weg, wenn ich zu nahe kam. Ich hörte sie sagen, „Die möchte ich für mich haben.“, „So schöne Augen.“, „So weich.“, „Sie nimmt mich so wie ich bin.“, und bei den meisten schlief ich im Bett. Zwischendurch wurde ich gefangen, eingesperrt, das passiert eben, weggebracht, dahin wo sie machten, was sie dachten, dass es getan werden müsste. Naja, bei manchen wäre ich gern geblieben, aber ich hab nichts gesagt. Kein Wort.
Am Tiefpunkt jetzt, wo die Scheine fehlten, konnte ich der Gnade meiner Mutter sei Dank ein Ticket kaufen, um den Käfig letzten Jahre hinter mir zu lassen. Jetzt, wo es kracht unter mir, das Gerüst, weil es nichts mehr hält, der Überbau, die soziale Front, die Korridore, mental, emotional, sozial. Jetzt am tiefsten Punkt angekommen, denke ich, vielleicht hab ich das Krachen damals nur nicht deutlich genug gehört, als alles begann. Vielleicht bricht nun endgültig etwas auf, macht sich was frei, ich kann‘s nicht sagen, auch wenn mich die Psychiaterin fragend anschaut. Was war man schon, eine biologische Einheit, und der Rest war eben der Rest. Eine ihrer Kolleginnen war am Anfang dieses Jahres, zu Beginn der Dekompensation wie sie es nennen, frecher in ihrer Fragerei gewesen, „Sind sie schizophren?“.
Keine Antwort. Kein Wort. Nur, der helle Wahnsinn.
Ja was soll man sagen, am tiefsten Punkt trifft man niemanden mehr, wozu von dort aus rufen. Ich lasse einfach die Hände der Männer über mich fahren, lass‘ sie mich streicheln, in meine Augen sehen und meistens schrecken sie dann sowieso zurück, je länger ich sie anschaue. Und dann kommen sie wieder, früher oder später, rufen mich, wollen wieder nahe sein. Ich frage mich aber manchmal wem. Denn in diesem Herzen gibt es viele Tunnel, viele Gänge, ich durchstreife sie seit langer Zeit. Ich treffe auf Männer, Frauen, die dort ein und ausgehen, aber auch auf die von hier. Und manchmal höre ich ein Weinen. Ich kenn‘ den Weg dahin und letztes Mal, als ich dort war, hörte das Weinen auf. Da saß sie, die meiste Zeit dem Herzen hier ein fernes Wesen, aber seine Königin, und sah mich an. Uns verbindet eine lange Geschichte, wir sind gewissermaßen eins, ohne sie würde es mich nicht geben in dieser Welt und ich war ihr gern gesehener Gast. Der Einzige bei ihr, sie war allein, verbarg sich die meiste Zeit hinter allem und allen. Doch jetzt war da eine Stimme, die ihr rief, der auch ich verwundert lauschte. Einer, der mit ihr sprach, zu ihr sang, zu ihr kam. Und da stand sie auf.
„Was hat sie getan?“, fragt die Psychiaterin. Das will sie herausfinden, ich weiß schon, sehe, wie sie mich umkreist, Recherchen und Notizen macht. Und ich denke, sie kommt der Sache näher. Sie erzählt mir von Fallstudien über Veränderungen, Verdoppelungen, Aufteilungen des Bewusstseins, dass es sich manchmal weit zurückziehen muss, um sich zu schützen. Sie doziert, Charcot, Janet, Fallstudien, Ende 19Jhd., und eine der ersten Berichte über eine Frau wie mich, Name: Felida. Ich muss sagen, ich für meinen Teil halte es aber für überflüssig, die Psychiaterin steht mir im Weg, ich will nur raus, und weg. Koste es, was es wolle, sollen sie mir Scheine zustecken, meine Offenheit ist mittlerweile nicht nur nackt, sondern so kalt wie weit. Hab nur einen getroffen, der das halten konnte, und mit dem geh‘ ich mit.
Sie gab ihm ihre Hand und er ihr ein Messer. Nun tropft Blut von den Wänden dieses Herzens und ich lecke es auf, so wie die Milch, die mich genährt hat, Gnade von oben über dem Schälchen, „Ich habe eigentlich keinen Grund dich zu behalten.“. Lecke die Tropfen so wie die Finger der Männer, die mich berührt haben. Sie war aufgestanden und machte jetzt die dunkelsten Ecken frei, wo sich all die Männer und Frauen eingebettet und ihr Eigenleben geführt hatten. Sie sagt, Menschen haben viele Gesichter, Liebe hat viele Formen, Loyalität auch. Aber Verlust, nur eine-
„Je suis la plaie et le couteau.“. Blutbenetzt steht sie da und ich lecke an den Tropfen, in denen die Zeit wiederhallt. Damals, so klein, am Schälchen Milch mit dem Nachbarskater. Der, der netten Nachbarn. Der andere Nachbar war nicht so nett, packte mich nämlich eines Tages im Parkhaus und nahm mich mit in seine Wohnung. Er ließ mich nach einigen Stunden zwar wieder frei, aber der Geruch blieb wie der Satz, keuchend an meinem Ohr: Sag nichts, kein Wort. Statt zu reden setzte ich mich auch lieber zum schwarzen Kater von nebenan, mit ihm vor sein Schälchen Milch. Keine Menschen, nur wir beide. Nachdem sie mich aber erneut erwischten, andere Männerhände, in einen Keller sperrten, quälten, wegwarfen, zog ich mich danach nach draußen zurück, fern von allen und allem. Ich wuchs dort heran in der Weite, in ihren leeren Allen und manche erblickten mich wohl hie und da. Im Dorf hieß es, eine riesige schwarze Katze, vielleicht ein Panther, sei ausgebrochen und streife durch die Wälder. Die Jäger gingen auf die Suche, den Kindern sagte man, sie sollen im Haus bleiben. Doch ich war längst weg, in anderen Dimensionen, denen ich nachts entlang wanderte, wenn der Rest sich schlafen legte. Tja, aber Jäger gab es überall und unglücklicherweise erwischte mich später eine Partie selbst so weit draußen. Sie betäubten und drangsalierten sie mich, während ich keinen Laut von mir geben konnte. Ich entkam im Morgengrauen, doch mit der Menschenliebe war’s vorbei für mich, für meinen Teil. Ich blieb fortan in der mir bekannten Dunkelheit, deren Königin jetzt blutig leuchtet. Man sagt, Messerwunden sähen aus wie der Biss eines Jaguars, und wer weiß wieviel unseres Wesens wir teilen.
Ich starre zur Decke. Eigentlich hatte ich vermutet, es würde irgendwann wieder die eines Krankenhaus sein. Oder Leichenschauhaus. Doch nun 44 Jahre alt, die Decke ist rot, das Tischlämpchen rosa und ich bin noch immer am Leben. „Three lifes to play, three lifes to stray, three lifes to stay“. Hab die Scheine genommen, ein paar dazu verdient für den Mann, der dieses Herz durchdrang, und mich dann aus dem Staub gemacht. Schluss mit allem und allen anderen, deren Stimmen, Geheimnisse, Schmerz und Verlangen, alles, was ich gelernt hatte zu sehen und immer sehen musste. Meine Augen sind in der Dunkelheit geboren und was ich dort sehe, reicht aus, um mich ganz zu erkennen. Eine Katze hat 7 Leben, ich wohl 8, F44: Felidae X. Manche sagen 9, und die Psychiaterin in mir sagt, ja, F44.9, das ist die Diagnose, Fall geknackt, kodiert. Fragt, „Was ist in all den Jahren geschehen? Was hast du getan?“. Weitergelebt. Aber ich sage nichts. Kein Wort. Fauch, Murr und Schnurr.
Sara K.
Ausstellungen:
2015 West Galerie Eyes On-Monat der Photographie, Wien
2016 Foto K Galerie, Wien
2017 Galerie Wien, Wien
2018 Galerie Krinzinger Projekte, Wien
2018 Forum Stadtpark, Graz
2023 Atelier Analog, „Make it rain“, Wien
2024 Unabhängiger Kunst- und Kulturverein Fortuna, „Apocalypse Nyau: Some Nights I Dream Of Doors“, Wien
2024/2025 Smart Café, „Mysterium Coniunctionis“, Ausstellung mit Thomas Eisl, Wien
Publikationen:
2023 EtCetera („Nu, Nyau oder Miow“, in „Hirn mit Ei/Auf der Suche nach dem Gelben vom Ei“ (Hrsg. Eva Riebler), Jubiläumsausgabe etcetera/LitGes, St. Pölten, Nr.80, Seite 65-67)
2024 Am Erker, Zeitschrift für Literatur ( „Schwarze Luft“ in „Wir“, Redaktion Marcus Jensen, Daedalus Verlag, Münster, Nr.87, Seite 13-18)
2025/09 Buntes.at, „Blitzlicht- Trinidad und Tobago im Kreuzfeuer“, Essay
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