Der Zweifler

Maria Lind für #kkl59 „Ich denke, also bin ich“




Der Zweifler

René zweifelt.

Und das macht er nicht zum Spaß. Nein, das Zweifeln ist sein ganzer Lebensinhalt.

Tagtäglich versucht er zu ergründen, ob die Welt um ihn herum tatsächlich existiert. Denn daran glaubt er eben nicht.

Der Baum vor seinem Fenster?

Lüge!

Die Vögel, die draußen fröhlich zwitschern?

Täuschung!

Die warme Suppe, die ihm seine Haushälterin serviert?

Ein Werk von Dämonen!

Und so zweifelt René und er zweifelt weiter, und er ist schon kurz davor zu verzweifeln. Denn es ist kein schönes Gefühl, wenn man nichts und niemandem vertrauen kann.

Eines Nachts aber hat er einen zündenden Einfall: Wie ist es eigentlich um sein eigenes Bestehen bestellt? Jemand, der so vortrefflich zweifeln kann, muss doch wirklich sein? Er spinnt die Vorstellung weiter und ist sich bald sicher. Nur ein reales Wesen kann sich Gedanken machen, wie er das tut.

Nach noch etwas mehr Spinnerei kann er seine Idee sogar in einem Satz zusammenfassen: «Ich denke, also bin ich.»

René findet großen Gefallen an seinem neuentdeckten Sein und an seinem schönen Satz. Seine Offenbarung will er auch mit seinen Mitmenschen teilen. Schließlich müssten doch alle (oder zumindest alle Denkenden) erfreut sein, einen Beweis für ihre Existenz zu haben?

Doch René wird bitter enttäuscht. Von allen Seiten wird er angefeindet und als Zweifler und Ungläubiger bezeichnet.

Sie verstehen es einfach nicht. Genau das Zweifeln hat ihn doch zu seiner Weisheit geleitet.

Nach weiteren Angriffen und dem Verbot seiner Schriften fängt René wieder an, zu zweifeln. Ist die Menschheit vielleicht noch nicht so weit für seine Entdeckung? Hätte er besser nichts gesagt?

Und so klammert sich René an die einzige Gewissheit, die er hat. Sein Denken, und damit sein Dasein.

Bis er eines Tages nicht mehr denkt.




Maria Lind schreibt, seit sie denken kann. Als Kind zweier Künstler wurde sie allerdings dazu angehalten, auch „etwas Richtiges“ zu lernen, und so studierte sie zur Sicherheit Wirtschaft.

Die Liebe zum geschriebenen Wort blieb ihr aber erhalten, und so arbeitete sie zunächst nebenbei als Texterin und Übersetzerin, bis sie als Kommunikationsexpertin beide Seiten beruflich vereinen konnte.

In ihren Geschichten vermischt sie am liebsten Alltägliches und Absurdes.

Instagram: @maria.lind.writes







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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