Andrea Siffert für #kkl60 „In den Rückspiegel“
Durch die Luft fliegende Äpfel
Nervös blickte sich Charlotte nach einem Taxi um. Durch die verspätete Ankunft ihres Flugzeugs stand sie unter Zeitdruck. Eine Frau mit einem ausgefransten T-Shirt und verwaschenen Jeans stand am Taxistand neben einem alten Fiat Panda. Die soll Taxichauffeurin sein? Charlotte sah sich hektisch nach einem anderen Taxi um, doch auf dem Vorplatz war weit und breit kein anderes Auto zu sehen. Bald würde die Sitzung beginnen, für die sie wieder einmal den Weg von Berlin in die Schweiz auf sich genommen hatte. Ein Treffen aller CEOs der einzelnen Tochterfirmen durfte sie auf keinen Fall verpassen. Der Gewinnrückgang machte es nötig eine neue Zukunftsstrategie zu entwickeln. Reisen im Reisebüro zu buchen war nicht mehr zeitgemäß. Die Leute buchten lieber direkt im Internet. Sie hatte schon vor Jahren auf diese veränderte Lage aufmerksam gemacht und Anpassungen im Mutterkonzern in die Wege geleitet, doch die CEOs der Tochterfirmen hatten sich dagegen gesträubt. Sie hielten bis zuletzt an ihrer Untergangsstrategie fest.
Charlotte steuerte auf die Taxichauffeurin zu und wurde mit einem „Hallo, ich bin Lena“ begrüßt. Irritiert stellte Charlotte fest, dass die Frau sogar die für Taxifahrer typische Zurückhaltung vermissen ließ. Ihre Stimme war jedoch ausgesprochen sympathisch, womit Charlotte nicht gerechnet hatte.
„Könnten Sie mich so schnell als möglich ins Valley fahren? Ich bin unter Zeitdruck“, fragte Charlotte.
„Duz mich doch, ich mag es unkompliziert“, antwortete Lena. „Und klar, steig ein.“
Lena öffnete mit einem Lächeln die hintere Türe und Charlotte stieg ein. Ein sauberes und geschmackvoll eingerichtetes Interieur empfing sie. Eine mit türkisem Stoff überzogene Rückbank lud zum Entspannen ein. Zwei Rücksitztaschen enthielten Zeitschriften und auf dem Beifahrersitz stand ein handgeflochtener Korb mit frischen roten Äpfeln. Das hatte Charlotte nicht erwartet. Sie ließ sich in den bequemen Sitz sinken, atmete ein paarmal tief durch und versuchte sich zu entspannen. Man sollte sich nie vom ersten Eindruck täuschen lassen, dachte sie. Das sollte sie doch langsam wissen. Immerhin würde sie nun ihren teuren Hosenanzug nicht ruinieren.
Lena stieg ein und startete den Motor. Schnell reihte sie sich in den Verkehr ein. Das bot Charlotte Gelegenheit ihre Chauffeurin genauer anzuschauen. Lena trug kurze braune Haare, wobei die Stirnfransen länger waren und ihr immer wieder ins Gesicht fielen. So eine hässliche Frisur, ging es Charlotte durch den Kopf. Ihr Blick blieb an Lenas Nacken hängen, auf dem eine Mohnblume tätowiert war. Warum Mohn? Charlotte mochte lieber Lilien oder Dahlien. Mit Mohn konnte sie nichts anfangen. Zerbrechlich wie Seidenpapier hingen die roten Blätter am Stängel und ließen sich durch den Wind beuteln.
„Möchtest du einen Apfel?“, fragte Lena in den Rückspiegel blickend und streckte Charlotte einen der Äpfel nach hinten.
„Nein danke, ich esse keine Äpfel. Die Säure erzeugte Erosionen auf meinen Zähnen“, entgegnete Charlotte.
„Ach so, das wusste ich nicht“, kam sanft und selbstbewusst von vorne.
„Bewirtschaftest du einen Garten?“, fragte Charlotte mäßig interessiert, und nur, um das Gespräch am Laufen zu halten. Ein bisschen Ablenkung würde ihr jetzt guttun.
„Ich wohne in einer WG auf einem umgebauten Bauernhof mit einem großen Garten und einigen Obstbäumen“, bekam Charlotte von Lena zur Antwort. Ein äußerst sympathisches Lächeln im Rückspiegel. Charlotte lächelte zurück, wenn auch weniger freundlich als ihr Gegenüber. Sie schaute auf ihre Designeruhr. Wenn sie in keinen Stau kamen, würde sie es vielleicht noch pünktlich zum Treffen schaffen. Charlotte registrierte, wie ihr Taxi auf die Autobahn auffuhr. Sie kannte den Weg auswendig. Immer wieder musste sie für ein Treffen in die Schweiz fliegen. Sie war sowieso viel unterwegs. Ihre geräumige Loftwohnung in Friedrichshain-Kreuzberg war kaum bewohnt.
Charlotte beobachtete im Rückspiegel, wie Lena sich mit einer behutsamen Geste die Haare aus dem Gesicht strich. Ein intensiver Blick aus hellblauen Augen traf Charlotte und ließ sie erschaudern. Zu schade, dass die Augen durch den Pony verdeckt wurden.
„Wie lebt es sich in einer Wohngemeinschaft?“, versuchte sie das Gespräch weiterzuführen.
„Wir sind sechs Leute und verstehen uns ganz gut. Natürlich diskutieren wir auch viel. Das ist aber normal.“
Wiederum erschien der intensive Blick im Rückspiegel und löste ein Gefühl von Wärme in Charlotte aus. Was hatte das zu bedeuten? Flirteten sie etwa miteinander? Charlotte stand zwar auf Frauen, aber Frauen mit Stil. Und diese Frau mit ihrer hässlichen Frisur und den Flohmarktkleidern gehörte bestimmt nicht dazu. Doch ein wohliges Kribbeln ließ sich nicht leugnen.
„Wo bist du aufgewachsen?“, hörte sie sich fragen.
„Im Berner Oberland, auf einem Bauernhof. Meine Eltern sind beide Sozialpädagogen und betreuten Jugendliche mit psychischen Problemen auf dem Hof.“
„Und du wolltest da so schnell als möglich weg?“
„Genau, irgendwann hatte ich es satt immer wieder mit fremden Jugendlichen am Tisch zu sitzen.“
„Weißt du was? Ich nehme jetzt doch einen Apfel. Ich pfeif auf die Erosionen.“
„Du scheißt auf die Erosionen? Bist du sicher?“
Charlotte musste lachen. Auch wenn sie es sich nicht gewohnt war, dass Leute vor ihr frech und frei heraus schwatzten, mochte sie die unbefangene Art. Sie nahm den nach hinten gereichten Apfel entgegen und biss hinein. Ein unerwartetes süß-säuerliches Geschmackserlebnis ließ sie zufrieden seufzen. Sie konnte sich nicht erinnern jemals einen so geschmackvollen Apfel gegessen zu haben. Als Kind hatte sie eine Zeitlang täglich einen Pausenapfel essen müssen, weil ihre Eltern auf gesundes Essen großen Wert legten. Doch irgendwann hatte sie keinen Apfel mehr essen können, ohne dass es ihr sauer aufstieß. Natürlich waren die Zahnerosionen nicht der wahre Grund, warum sie keine Äpfel mehr gegessen hatte. Da machte sich Charlotte wissentlich etwas vor.
„Und? Schmeckts?“, hörte sie Lena fragen.
„Himmlisch“, brachte Charlotte mit vollem Mund heraus. Wieder dieses Lachen. Irgendwie frisch und doch schon so vertraut. Und dieser Blick im Rückspiegel. Sie scheint auf den Grund meiner Seele zu blicken, ging Charlotte durch den Kopf. Welch ein abgeschmackter Gedanke, schalt sie sich sogleich. War das die Seelenverwandtschaft, von der sie kürzlich gelesen hatte? Das Buch hatte jemand im Zug liegenlassen und Charlotte hatte es trotz des kitschigen Covers aufgeschlagen und Seite um Seite die Zeit vergessend verschlungen. Auch wenn sie Esoterik ablehnte, war sie doch fasziniert von der Beschreibung dieser neuartigen Liebesbeziehung. Dort hatte sie auch über das von Anfang an vertraute Gefühl zwischen zwei Fremden gelesen.
„Bist du spirituell?“, hörte sie sich fragen. Wie komme ich dazu diese persönliche Frage zu stellen? Das war ganz und gar nicht Charlottes Art. Gegenüber fremden Leuten war sie normalerweise sehr zurückhaltend und höflich.
„Eine spannende Frage … In der WG wird Kontemplation geübt. Das kommt aus der christlichen Mystik. Ich habe auch angefangen zu meditieren und finde es sehr interessant. Meditierst du auch?“
„Ich verbringe jeden Sommer zehn Tage in einem buddhistischen Meditationszentrum. Das hilft mir sehr abzuschalten und zu mir zu kommen.“ Charlotte erzählte vom Retreat in Frankreich, wo sie schon viele inspirierende, aber auch langweilige Stunden im Schneidersitz auf dem Kissen verbracht hatte. „Das Schweigen empfand ich anfänglich als große Herausforderung, ich gewöhnte mich jedoch mit der Zeit daran“.
„Ich war noch nie in einem Retreat, das Schweigen wäre für mich auch schwierig“, stimmte Lena lachend zu.
Charlotte registrierte, wie Lena abbremste. Vor ihnen blinkten die Warnlichter mehrerer Autos. Oh nein, wir landen im Stau, dachte sie und wurde unruhig. Sie hasste Unpünktlichkeit. Da sie Pünktlichkeit auch von ihren Mitarbeiter:innen erwartete, wollte sie mit gutem Beispiel vorangehen.
„Da ist ein Stau“, bestätigte Lena ihre Gedanken.
Charlotte zückte ihr Handy und schrieb Eric, dem CEO der Tochterfirma im Valley, eine kurze Nachricht. Danach beobachtete sie, wie Lena sich in die Kolonne einreihte. Ungeduldig rutschte Charlotte auf ihrem Sitz herum.
„Dauert bestimmt nicht lange“, versuchte Lena sie zu beruhigen und lächelte in den Rückspiegel.
„Ich denke, ich muss es einfach akzeptieren“, antwortete Charlotte und lehnte sich zurück. Das, was sie hier erlebte, war mindestens genauso spannend wie ein Firmentreffen. „Magst du mir mehr über dein Leben auf dem Bauernhof erzählen?“, fragte Charlotte. Sie hatte mittlerweile jede Zurückhaltung verloren. Sie wollte alles über diese Frau wissen.
Lena ließ es sich nicht zweimal sagen, sondern fing an über ihr Leben in der Gemeinschaft zu erzählen. Sie waren so in das Gespräch vertieft, dass sie die Meldung im Radio über den Falschfahrer überhörten.
„Schau“, rief Lena, „ein Rabe!“
Charlotte folgte ihrer ausgestreckten Hand und sah den Raben auf ihrer Motorhaube landen. Er schien keine Scheu zu haben, sondern sah sie mit seinen dunklen Augen direkt an. Charlotte lief ein Schauer über den Rücken. Wenige Augenblicke später flog er wieder davon und Charlotte vergaß den Vorfall.
Der Stau löste schon langsam wieder auf und Lena beschleunigte. Sie drehte den Kopf und lachte Charlotte an. Diese bezaubernden Augen … Ein Glücksgefühl durchströmte Charlotte.
Charlotte sah das Auto zuerst. Sie schrie, denn das Auto raste mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu und Lena sah es zu spät, um noch rechtzeitig auszuweichen. Das Letzte, was Charlotte wahrnahm, bevor sie das Bewusstsein verlor, waren die wie in Zeitlupe durch die Luft fliegenden roten Äpfel.
„Ich heisse Andrea Siffert und bin 1982 geboren. Ich bin Psychologin und verfasse als Autorin vorwiegend Fachliteratur und Kurzgeschichten. Ich lebe mit meinem Mann und unserer 9jährigen Tochter im Kanton Zürich in der Schweiz.“
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