Dr. Jakob Tschachler für #kkl60 „In den Rückspiegel““
Konzert
Alfred sah auf seinen kleinen gelben Zettel. Heute hatte die Residenz einen Konzertabend organisiert. Ort, Uhrzeit und Programm hatte er fein säuberlich unterstrichen.
Musikverein, goldener Saal, 19:30, Chopin und Debussy (Klavier). Dass Alfred Chopin liebte, musste er sich nicht extra notieren.
Er hatte sich für den schwarzen Dreiteiler entschieden, ganz klassisch mit weißem Stecktuch. Sein Hemd roch noch süßlich nach Weichspüler. Neben ihm sah Karoline aus, als hätte sie sich die schrillsten Stücke vom Flohmarkt zusammengekauft: Ein grünes Kleid aus Velours, das zu ihren Augen passte. Um ihre Schultern schlängelte sich eine violette, ausgefranste Federboa, die bei jeder Bewegung raschelte. Karoline hatte sich geweigert, sie an der Garderobe abzugeben.
Die Lampen gingen aus, nur ein Lichtkegel beleuchtete noch das Klavier. Während der Pianist über die Bühne ging, verstummten die letzten Zuschauer.
Er ließ die Frackschöße über die Bank hängen, rückte die Notenblätter zurecht und hob die Finger. Wie zufällig ließ er sie auf die Tasten fallen. Schon nach den ersten Noten schloss Alfred die Augen.
Die Nocturne in Es-Dur kannte er auswendig. In seinem Kopf lief die Melodie parallel zur Melodie auf der Bühne ab. Jede Pause stoppte er in Gedanken mit. Und atmete erst wieder aus, wenn der nächste Akkord ihn mit einer Wucht traf, die ihm fast die Tränen in die Augen trieb.
Er sah die Töne vor sich tanzen. Erst waren sie nur kleine Punkte, die aufflimmerten. Dann dünne Blitze, die über seine geschlossenen Lider zuckten.
Früher hatte Alfred Chopin immer gehört, wenn er Klausuren korrigierte. Er erinnerte sich an einen Nachmittag – beinahe zwanzig Jahre musste das her sein. Alfred in seinem Arbeitszimmer: Sein Holztisch und sein Bürostuhl, den er beim Altwarenhändler gekauft hatte. Der Geruch von frischem Lack. Alles voll mit Klausuren, sie hängen schon über die Tischkante. Die letzten Sonnenstrahlen scheinen durch die Panoramafenster. Gerti steht im Türrahmen und fragt, ob er noch Brote haben will. Und aus seinen Boxen kommt Chopin.
Ein schneller Ablauf, erst Ais, Ais punktiert (eine Oktave höher). Nochmal Ais, F, Ais, F punktiert. Und E.
Alfred trommelte mit den Fingern auf seiner Armlehne mit. Nun die nächste Pause, Alfred presste die Lippen aufeinander. Er hielt den Atem an. Und Zwei, Drei, Vier.
Die Melodie. Er begann, mit dem Kopf mitzunicken. Jetzt der schnelle Wechsel in die nächste Oktave, das Crescendo, Pause.
Und wieder die Melodie. Wie an dem Tag vor fünfunddreißig Jahren. Im Auto unterwegs in den Urlaub nach Südfrankreich. Seit fünf Stunden auf der Straße, aber es ist erst Mittag, weil Alfred früh genug losgefahren ist. Es ist heiß, es riecht nach Wurstsemmeln und Schweiß. Das Fenster hat Alfred heruntergekurbelt, die Bäume rauschen vorbei. Das Radio spielt Chopin.
Hinten quengelt Brigitte, sie ist nicht älter als fünf Jahre. Gerti auf dem Beifahrersitz schenkt ihm ein Lächeln. Aber er kann ihr Gesicht nicht erkennen.
Es ist unscharf, als hätte jemand mit einem nassen Lappen über ein frisches Gemälde gewischt.
Ein Räuspern.
Alfred öffnete die Augen.
War er nicht gerade noch im Auto gesessen?
Er schaute an sich hinunter.
Wann hatte er sich so schick gemacht? Gerade hatte er doch noch sein ausgeleiertes Leinenhemd und die kurze Hose getragen.
Die Musik war noch da.
Aber wer war dieser Mann, der dort vorne Klavier spielte? Der hatte sich auch so schick gemacht. Und die Menschen rund um ihn?
Hatte Alfred nicht eben erst das Radio aufgedreht?
Wo war er?
Plötzlich musste Alfred auf die Toilette. Dringend. Sehr dringend. Er wetze auf dem Sitz hin und her. Wie war er hier bloß hergekommen?
Er spürte ein Stechen in der Seite. Alfred drehte sich zu Gerti hinüber. Aber das war nicht Gerti. War nicht eben noch Gerti neben ihm gesessen?
Die Frau neben ihm warf ihm einen fragenden Blick zu. Kannte er sie?
Sie hatte ein violettes, fransiges Ding um den Hals gewickelt. Das sah albern aus. Alfred deutete ihr, dass es ihm leidtue und lehnte sich auf seinem Sitz zurück. Der knarzte, als er sich bewegte.
Alfred versuchte sich abzulenken. Er klopfte auf seinem Oberschenkel zur Musik. Er presste die Knie zusammen. Es half nichts. Seine Blase fühlte sich an, als würde sie jeden Moment platzen. Er musste hier raus.
Jetzt.
Sofort.
Alfred stand auf. Der Sitz klappte mit einem lauten Knall hinter ihm hoch. Ein kahler Hinterkopf in der Reihe vor ihm drehte sich um. Vorne hatte der Hinterkopf buschige Augenbrauen, die er kräuselte. Die Frau links neben ihm mit dem komischen Ding um den Hals warf ihm einen Blick zu, den er nicht deuten konnte.
Er zwängte sich Knie an Knie an den anderen Gestalten in seiner Reihe vorbei.
„He!“
„Entschuldigung…“
Ein weiterer Hinterkopf drehte sich zu ihm um. Und noch einer.
„Muss das jetzt sein?“
Wieso machte ihm dieser dicke Mann in seinem zu kleinen Anzug keinen Platz?
„Alfred. Alfred!“, zischte eine Stimme hinter ihm. Noch ein Knall. Die Musik lief weiter.
„Pscht“, kam es aus der Masse an Hinterköpfen und Gesichtern. Er spürte die Blicke im Rücken. Alfred drehte sich nicht um. Er konnte es nicht mehr lange halten. Der Kragen war ihm viel zu eng. Er bekam keine Luft mehr!
Hastig griff er nach seinem Krawattenknoten und lockerte ihn. Sein Mund war so trocken. Wo war der verdammte Ausgang?
„Entschuldigen Sie…“, sagte Alfred. Er musste die Worte am Kloß in seinem Hals vorbeiquetschen.
Da vorne. Ein Licht. Ein Schild. Ein kleines weißes Strichmännchen auf grünem Hintergrund, das vor etwas davonlief. Es war das einzige Leuchten in dieser Dunkelheit. Dort musste er hin.
Vor der Tür stand ein Mann. Der glotzte ihn an und legte einen Zeigefinger auf die Lippen.
„Entschuldigung…“, sagte Alfred und schob sich an ihm vorbei. Er hörte sein Herz hämmern. Deswegen waren alle so aufgeregt! Bei dem Lärm konnte man seine eigenen Gedanken nicht verstehen.
„Alfred!“, zischte die Stimme hinter ihm, als er die Tür nach draußen aufstieß. Er hatte keine Zeit dafür. Wusste diese Person nicht, dass er es eilig hatte?
Die Lichter blendeten ihn. Er musste die Augen zusammenkneifen, um etwas zu sehen. Alfred wischte seine Hände an seiner knittrigen Hose ab. Wo war jetzt das nächste Strichmännchen, das ihm den Weg zeigte?
Da, das sah gut aus. Dieses Strichmännchen trug ein Kleid. Das andere eine Hose und stand stramm da. Das musste es sein.
„Alfred, bleib‘ stehen!“, rief die Stimme.
Die Toilettentür fiel hinter ihm zu.
Endlich. Hier war es still. Nur die Glühbirne surrte.
Er hob die Klobrille, öffnete seinen Hosenstall und ließ es laufen. Alfred stöhnte.
Es fühlte sich an, als würde er eine Ewigkeit hier stehen. Sein Hemd war durchgeschwitzt. Es fühlte sich kalt an, als er sich über den Rücken strich.
Alfred machte die Hose zu. Er drückte die Klospülung, klappte den Klodeckel nach unten und ließ sich auf die Kloschüssel fallen.
Wie war er hier bloß hingekommen?
Es klopfte an der Tür.
„Alfred, ist alles in Ordnung?“
Er antwortete nicht.
„Alfred, bitte sag‘ doch was!“
„Fast fertig“, sagte er. Seine Stimme brach.
„Fast fertig!“, sagte Alfred. Diesmal lauter, diesmal sicherer.
Er stand auf und öffnete die Tür.
Draußen stand die Dame im grünen Kleid mit diesem merkwürdigen lila Ding um den Hals. Sie lehnte auf ihrem Gehstock, außer Atem. Im Saal war sie doch neben ihm gesessen. Kannte er sie?
Sie packte ihn am Oberarm, schüttelte ihn.
„Alfred, was ist los mit dir?“
Anscheinend kannte sie ihn.
Dr. Jakob Tschachler hat an der Harvard Law School studiert und arbeitet in einer internationalen Rechtsanwaltskanzlei in Wien. Der Text „Konzert“ ist Teil eines Romanprojekts, für das er im Jahr 2025 das „Arbeitsstipendium Literatur“ des österreichischen Kunst- und Kulturministeriums erhalten hat.
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