Der eine Buchstabe

Annette Seedorf für #kkl60 „In den Rückspiegel“




Der eine Buchstabe

Da stand ein a vor dem Wort! Nur ein Buchstabe, doch der verbarg Welten in sich, weil die Vorsilbe a bekanntermaßen einen Begriff ins Gegenteil verkehrt, wie bei asymmetrisch zu symmetrisch. Dieses Wort in meinem damaligen Schulaufsatzthema, das mit dem kleinen Buchstaben a anfing, gab es nicht wirklich. Es war vielmehr eine Wortneuschöpfung unseres Lehrers. Aber was half es! Ich hätte dieses eine Schriftzeichen erkennen und mein Schreiben daran ausrichten müssen. Stattdessen wurde es eine vollständige Themenverfehlung, eine Verfehlung, die mein Leben tiefgreifend veränderte!

Einst waren die Buchstaben meine Welt gewesen, immer ehrlich zu mir. Fortan schienen sie mir feindlich gesinnt. Es war, als ob sie mich nicht mehr mochten, gleichsam abwandten, sobald ich ihnen näherkam. Ein einziger Buchstabe, der wie ein mathematisches Vorzeichen, alles verändert, so dachte ich bei mir. Während das Rechenzeichen jedoch klar seine Absicht und Bestimmung anzeigt, drückt ein Buchstabe sich an das nachfolgende Wort, so dass er leicht übersehen und hinterlistig in die Irre führt. Ich beschloss daher, mich künftig der Aufrichtigkeit der Zahlen zu widmen. Mein ganzes Leben lang habe ich demnach in der Buchhaltung gearbeitet, Zahlen eingegeben, Rechnungen gebucht, Konten geprüft – Tag für Tag. „Das entspricht genau Ihrem Charakter!“, bemerkte mein Lehrer Jahre später, als ich ihm von meinem Beruf erzählte. Doch was wusste er schon von mir, meinen Wünschen und Sehnsüchten im Leben? Nach dem Büroalltag ging ich in meinen Garten, pflanzte, säte und beschriftete akribisch die Saatfelder und Beete, damit auch keines falsch zugeordnet würde. Nur auf Zugfahrten, wenn die Räder rattern, taucht der Gedanke stets auf. Wie hatte mir nur damals dieser Fehler unterlaufen können. Ein einziger Buchstabe, der mich so fehlleitete! Wären es wenigstens zwei gewesen! Der Lehrer hätte auch ‚un’ statt ‚a’ schreiben können, um das Gegenteil auszudrücken. Das hätte ich niemals übersehen! So sinniere ich immer und immer wieder und das Rattern der Räder ermahnt mich unaufhörlich daran. Mein Gedankenkarussell kreist beharrlich um jenen Tag, damals vor so vielen Jahren. Mehr als ein halbes Leben liegt es bereits zurück, aber die quälende Erinnerung daran ist hellwach. Sie kehrt besonders dann unerbittlich zurück, wenn mir ein Schulkind im Waggon gegenübersitzt, das konzentriert in sein Heft blickt. Sich nochmals schnell vergewissernd, dass noch alles im Gedächtnis präsent ist, was am Vortag mühsam erlernt wurde, bevor es zur Schule geht. Nicht so wie bei mir vor langer Zeit! Wie konnte nur passieren, was damals geschah! Daweil hatte ich am Vortag mein Aufgabenheft nochmals durchgesehen und dann diese Erleichterung beim Umblättern des Prüfungsblattes. Zügig ging mir das Verfassen des Textes von der Hand. Ich schwelgte nur so in der Schreibfreude! Schon wähnte ich mich Schriftsteller oder Journalist. Journalist – die Welt erkunden und das Gesagte hinterfragen! Ja, das wäre es! Lehrer zu werden, erschien mir hingegen eintönig! – Bis zu jenem Tag, an dem der kleine Junge mit den dunklen Augen und Haaren vor meiner Tür stand und mich eindringlich anflehte: „Bitte, kannst Du mir meinen Deutschaufsatz durchlesen? Sonst bekomme ich wieder eine schlechte Note. Bei mir zu Hause kann niemand helfen. Doch Du kannst es!“, sagte er bestimmt.

Was blieb mir anderes übrig?

„Ich will später Journalist werden, wenn wir wieder in unser Land zurückkehren können. Ich will erfragen, wo mein Bruder geblieben ist. Alle, die damit etwas zu tun haben! Ich werde darüberschreiben, dass mein Bruder mitgenommen wurde und dann verschwand!“

Zu Weihnachten erhalte ich stets eine Karte, Jahr für Jahr! Er kommt viel herum, mein Junge mit den dunklen Augen und Haaren. Doch seinen Bruder sah er nie wieder.

„Naja!“, und ich denke abermals an meinen Aufsatz mit dem verfehlten einen Buchstaben. Meinen Ort des Schreckens betrat ich nie wieder. Auch nach all den Jahren komme ich nicht darüber hinweg, unfähig dorthin zurückzukehren. An diesen Ort, an dem ein einziger Buchstabe mein Leben veränderte.




Annette Seedorf vereint Malerei und Worte zu lebendiger Kunst. Seit ihrer Kindheit gestaltet sie mit Farben und Sprache Momente voller Dynamik, Freude und innerer Spannung. In ihren Kurzgeschichten, Erzählungen und Märchen spiegelt sich die Lebendigkeit ihres farbenfrohen Malstils wider – Bilder, die in der Vorstellung des Lesers zum Leben erwachen, und Worte, die Emotionen wie Pinselstriche auf der Seele hinterlassen.   annetteseedorf.com







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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