Diabla’s Cab

Tamás Viktorik für #kkl60 „In den Rückspiegel“




Diabla’s Cab

Die Bestie verschluckte sie noch während der Abenddämmerung in einer ihrer unzähligen Bars, zerkaute sie und spuckte sie anschließend unbarmherzig zurück auf die Straße. Hastig atmend spürte sie ihren wilden, dumpf pochenden Herzschlag in ihrer Brust. Die Klänge von Trompeten und Gitarren gesellten sich zu dessen Widerhall. Übersteuerte Melodien aus den Radios der wartenden Taxis. Skelette, Blumen und Gelächter. Bedingungsloser Stolz, gehauen in faltige Gesichter, beschrieben mit Geschichten, die für jeweils mehr als ein Leben ausreichten, sprach aus den unzähligen Blicken der entfernten Söhne und Töchter des Montezumas. Der Moloch war lebendiger als für gewöhnlich, da bekanntermaßen an diesen Tagen, die längst Verblichenen zurückkehrten. Der Duft von gegrilltem Fleisch drang durch die nie enden wollende Nacht. Seine Nase brannte vom Schnee, den der Teufel auf die Spitze der Ekstase rieseln ließ. Leben und Tod waren allgegenwärtig in den tiefschwarzen Augenhöhlen der unzähligen Totenschädel, die allesamt auf seine geweiteten, ausdruckslosen Pupillen zu starren schienen. Rosalba zog ihre Schuhe aus und lief barfuß zu einem der parkenden Taxis, öffnete die Tür, warf ihre Schuhe auf den Rücksitz und winkte John zu sich.

„A Tepito, por favor“ – „Nach Tepito, bitte“, sprach sie leise, während er neben ihr platznahm. Ohne eine Antwort des Fahrers setzte sich das Auto in Bewegung. John verfolgte das rhythmische Schaukeln des halben Dutzends Ketten, die klappernd am Rückspiegel hingen. Die Arterien an seinen Schläfen pulsierten, wie die schlaflose Stadt. Beim Blick in den Rückspiegel nahm er schwach die schattenhaften Konturen des Fahrers wahr. Ein kalter Schauer strömte über seinen schweißnassen Rücken. Etwas schien zu fehlen. Noch ehe er darüber nachdenken konnte, spürte er Rosalbas zierliche Hand auf seinem Oberschenkel. Die Umrisse des Präservativs in seiner Hosentasche zeichneten sich deutlich ab. Sie fuhr sachte darüber und nahm dann langsam ihre Hand wieder von seinem Bein. Aus ihren schmalen, dunkelbraunen Augen blickte sie willenlos in seine. Gelegentlich blitzten die Lichter der Stadt in ihrem feinen Gesicht auf. Er beugte sich zu ihr und küsste ihre spröden Lippen. Der Geruch seines Schweißes stieg in ihre zarte Nase und ließ ihren dehydrierten Körper verkrampfen. Sanft drückte sie mit ihren Händen gegen seinen Oberkörper. Ungeachtet dessen glitt seine Hand über ihre schlanken, geschmeidigen Beine, die sich aus der Dunkelheit des Fußraums erhoben und unter ihrem kurzen, weißen Kleid verschwanden. Unter dem schweren Stakkato seines Atems schwebte sein Mund über ihren Hals und Nacken, wobei er gelegentlich auf ihrer salzig-zarten Haut verweilte. Der schwache Duft ihres Parfüms – Bergamotte und Orangen – haftete noch an ihrem Haaransatz. John spürte ihre feinen Härchen, die seinen Lippen ein Gefühl der Vertrautheit gaben. Ihm wurde allmählich klar, dass er soeben nicht mehr ihren Hals liebkoste. Die Gedanken an Melissa ließ das Monstrum in den letzten Nächten gewissenlos verschwinden, wie so viele Seelen in den elenden Gassen seiner Barrios. Plötzlich schien sie jedoch hier zu sein, als säße sie mit im Taxi und nicht die unbekannte Fremde, die sich ihm in einer Bar als Rosa vorstellte. John sah sich nun vor seinem geistigen Auge selbst dabei zu, wie er seinen Ring abnahm und ihn in den Safe seines Hotelzimmers legte, als streife er damit sein glänzendes Kostüm des sich kümmernden, hart arbeitenden Ehemanns einfach ab. Eine Schlange ist auch nach dem Häuten weiterhin eine Schlange, zischte es in seinem Kopf. Johns rechter Ringfinger pochte vor Schmerz. An der Stelle, an der sein Ring einst steckte, schien sich ein Feuer ins Fleisch zu brennen und den darunter liegenden Knochen freizulegen. Vorsichtig blickte er zu Rosalba, die Mühe hatte ihre unschuldigen Augen offen zu halten. Immer wieder fielen sie für einige Sekunden zu, nur um sich nach dem unsanften Überfahren einer weiteren Straßenschwelle erschrocken zu öffnen. Er rutschte weg von ihr und lehnte seinen Kopf gegen die Fensterscheibe. Eine Fliege touchierte seine Ohrmuschel, um anschließend auf seinem Nacken zu landen. Müde und unkoordiniert schlug er nach ihr. Doch nur wenige Augenblicke später berührte sie erneut sein Ohr.

„Open ventana, okay?“, fragte er genervt in Richtung des Fahrers.

Nachdem er keine Antwort erhielt, kurbelte er an seiner Tür. Die Scheibe bewegte sich jedoch keinen Millimeter. Ein festes Seil aus beklemmender Unruhe schnürte sich um seinen Hals und Oberkörper. Rosalba schlief. John blickte angestrengt nach vorn. Die heilige Mutter Gottes klebte auf dem Armaturenbrett. Die Ziffern des darunter angebrachten Taxameters flackerten und wurden mit der Zeit schwächer, bis sie schließlich ganz verblassten. Dunkelheit. Ehe John auch nur eine Silbe aussprechen konnte, begann die Anzeige des Taxameters wieder zu flackern. Aus einzelnen, zunächst schwachen Punkten formierten sich nach und nach ganze Ziffern. Starr und ungläubig blickte John auf die Anzeige: 01.08.1980. Sein Geburtsdatum. Das trommelnde Echo seines Herzschlags wummerte in seinen Ohren. Seine Augen schmerzten vom angestrengten Stieren auf die Ziffern. Die letzten Tropfen seines Speichels versiegten in seinem wüstengleichen Mundraum, während seine pelzige Zunge wie ein Kadaver in einem ausgetrockneten Flussbett in dessen Mitte lag. Panisch sah er sich um und klammerte sich an den Gedanken etwas Beruhigendes, Vertrautes einzufangen. Der fremde Engel schlief fest. Die wenigen, kalten Lichter der Straßenbeleuchtung verwandelten die Fassaden der immer flacher werdenden Gebäude in grässliche Fratzen. Wo war die verdammte Fliege? John umfasste den Beifahrersitz mit beiden Armen, drückte ihn wie einen alten Freund und rieb seine Wange an der abgewetzten Kopfstütze. 01.08.1980 auf dem Taxameter. Ängstlich blickte er in den Rückspiegel. Es zeigte sich ihm ein schemenhaftes Gesicht ohne klare Augen, Nase und Mund. Gepeitscht von der Angst lehnte sich John weiter nach vorn, um den Fahrer komplett zu sehen. Die schlanke, zierliche Gestalt und das weiße Kleid. Es war Rosalba, die am Steuer des Taxis saß. Panisch blickte John neben sich auf die Rücksitzbank. Da war sie doch und schlief unschuldig. Sein Herzschlag schien auszusetzen als der Wagen plötzlich hielt. Die Lichter der Ampel waren erloschen. Alles schien zu stehen. Die Bestie ruhte in diesem Moment. Eiskalte Luft stieg in Johns geschundene Nasenhöhlen. Er sank zurück auf die Rücksitzbank. Wie in Zeitlupe streckte sich ihm Rosalbas Arm vom Fahrersitz entgegen. Die Waffe wirkte riesig in ihrer zarten, winzigen Hand. Ihr Zeigefinger umspielte sanft den Abzug. John starrte ohnmächtig in ihr leeres Gesicht, aus dem sich allmählich – wie geführt von Luzifers Pinsel – blau schimmernde Augen, eine feine Nase sowie schmale, rosafarbene Lippen abzeichneten. Melissas Antlitz. Ein ohrenbetäubender Knall durchdrang den Innenraum des Taxis, brach durch die Fensterscheiben und floss in die erstarrten Arterien der innehaltenden Bestie. Als sich das Projektil durch Johns Stirn bohrte, um am anderen Ende seines Schädels wieder auszutreten, zeigte das blinkende Taxameter das heutige Datum an. Johns Todestag. Seine aufgerissenen Augen schielten auf das tiefrote Fresko am blutgetränkten Himmel des Taxis. Die Fliege setzte sich auf seine blutende Stirn. Rosalba nahm ihre Schuhe und machte sich barfuß, die kalte Haut der Bestie unter ihren Fußsohlen spürend, auf den Weg. Das zarte Lila in den Wolken erfüllte sie mit Hoffnung. Heute wird ein guter Tag.




Tamás Viktorik, geboren 1984 in Budapest, wuchs in Chemnitz auf. Der Betriebswirt beschäftigt sich gerne mit dem Genre der Kurzgeschichten und arbeitet gleichzeitig an seinem Debütroman. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Nürnberg.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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