Annika Schneider für #kkl60 „In den Rückspiegel“
Immer im Kreis
Wir sind durchgefahren. Und oft im Kreis. Ich hab mich umgesehen und du geradeaus. Habe versucht nicht zu dir herüber zu sehen und zu akzeptieren, dass wir, seit wir eingestiegen sind, kein Wort gesagt haben. Und du meinst, das sei normal?
Ich koche vor mich hin und dich scheint nichts aus der Ruhe zu bringen. Ich erwarte etwas von dir. Ein Wort. Ein Lächeln. Die Gewissheit, dass alles in Ordnung ist. Deine Hand auf meinem Oberschenkel. Vielleicht sogar in meinem Nacken. Die Tränen kommen von selbst. Und du bekommst sie nicht mit.
Damals bin ich dir mit meinen Fingern durch die feinen Haare an deinem Nacken gefahren. Heute traue ich mich nicht mehr. Du würdest dich durchstrecken, so tun, als wäre es nicht extra gewesen, meinen Arm wegzuschlagen. Ich durchschaue dich.
Da kommt eine Abfahrt. Ich würde sie nehmen. Du willst schnell ankommen. Es auf dich nehmen, Mautstellen zu bezahlen, statt langsam durch fremde Dörfer zu fahren.
Bei mir staut sich mit jedem Kilometer die Untragbarkeit des Unausgesprochenen an.
Einmal mussten wir die Kupplung reparieren lassen. Haben kurz einen Gang runtergeschalten, das Radio lauter gestellt. Die Geräusche überspielt. Du hast mir Hoffnung ins Ohr gesungen. Das hast du oft getan. Hast mir einen Keks hingehalten. Ein Moment, in dem du den Blick von der Frontscheibe genommen hast. Dann war ich da. Ich, dein Partner. Nur dein Beifahrer. Du könntest das hier auch alleine. Da war ich mir sicher.
Landschaften ziehen vorbei, zu schön, um wahr zu sein. Unbekannte Weiten, weiche Hügel, Flüsse, keine Bäume. Ich sehe durch Täler die Dinge, die hätten sein können. Sehe dich an. Du siehst so zufrieden aus. Dabei musst du mich doch langsam kennen. Ich will nicht nach Blumen fragen und das hier ist genau dasselbe. Erwartungen machen alles zunichte und ich liege nachts wach, und versuche mich mit dir abzufinden.
Durchtriebene Gedanken treiben durch meinen Schädel. Ich will ins Lenkrad greifen, dich dazu bringen zu schreien, mich endlich anzusehen, damit ich etwas in dir sehe. Ein Gefühl. Ob ich es tun soll? Will doch einfach nur zu dir durchdringen. Reden bringt nichts, etwas zerreden habe ich schon versucht. Das Band, das uns hält, hängt durch. Schleift über den Asphalt. Der zu flimmern beginnt, dort, wo die Straße hinabfällt. Wie das Ende der Welt. Draußen ist es viel zu heiß und hier drinnen so kalt.
Ich will nichts sagen. Bis ich nicht mehr kann. Wir sind durchgefahren und ich habe durchgehalten. Stundenlang, ohne miteinander. Habe uns lange durchdacht, habe gezögert, kurz nur das Fenster geöffnet. Durch den Spalt geatmet.
Ich breche aus. „Halt an“, hab ich gesagt.
„Wir wollten durchfahren“, hast du gesagt.
Ich glaube, wir sind durch. Jetzt sitze ich hier alleine. Ich bin der Fahrer. Kann anhalten wann ich will. Ich mache eine Pause, ein wenig Beine vertreten. Durchfahren wollte ich nie. Alleine im Stau seufzt dir niemand ins Ohr und quält dich mit seiner Unzufriedenheit, für die du nichts kannst. Als hättest du den Geisterfahrer bestochen, in die falsche Richtung zu fahren.
Du hast durch mich hindurchgesehen, als ich den Mut hatte, die Bremse zu ziehen. Den Gurt zu lösen und auszusteigen. So stand ich da. Eine ganze Weile. Die heißen Gase der vorbeirasenden Autos hetzten in panischen Zügen durch meine Lunge. Belegten mein Herz. Es war so eng zwischen meiner offenstehenden Tür und deiner. Da wollte ich nicht mehr rein. Doch da drin riecht es nach dir. Nach zuhause. Nach Nächte durchmachen, mit dir durchatmen und alles gemeinsam durchstehen. Aber auch nach Durchdrehen und durch die Wand gehen.
Und als deine Finger begannen auf das Lenkrad zu tippen und einer davon über das Navi strich, das nicht aufhören wollte, eine neue Route zu berechnen, erkannte ich es.
Es war eine lange Autofahrt gewesen. Eine wilde Autofahrt. Kurvenreich, hügelig, die Straßen von der guten Sorte, aber ohne Markierung wusste ich nicht mehr wohin. Durch dich habe ich erkannt, dass Durchhalten keinen Teer erhitzt. Und keine Löcher füllt.
Annika Schneider wurde 1995 in der Eifel geboren. Von den mystischen Wäldern ihrer Heimat inspiriert, brachte sie schon als Kind Zwielichtigkeiten und dämmrige Wahrheiten zu Papier. Nach einer längeren Pause entdeckte sie die Leidenschaft fürs Schreiben vor fünf Jahren neu und wird für ungewöhnliche Metaphern und wohldosierte Heimtücke in ihrem Stil gelobt. Sie arbeitet zurzeit an einem Romanprojekt, lebt für knackige Kurzgeschichten und absolviert ein Studium zu Fantasy und Science-Fiction an der Schule des Schreibens.
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