Falls ich, wenn ich, ob ich…

Tanna Künemund für #kkl60 „In den Rückspiegel“




Falls ich, wenn ich, ob ich

in den Rückspiegel schaue(n)

werde,

ist noch nicht gesagt.


es ist noch holperig

wie der Weg                                                       (fliehen & Fliehkraft)


während des Gehens

verging es sogar dem Wetter

und auch die Zeit

verging unterwegs

anders. sie streicht umher,

stromert herum

& verstreicht wie Mutters Butter auf der Scheibe, die Farbe an der Wand

& mein Leben oder ist es nie die Zeit, aber das Leben,

das verstreicht, das ich verstreichen lasse,

wie ungelegen kommende Gelegenheiten ihren Gang gehen

also ich ? ich gehe

dieselben Wege,

die andere vor mir gingen,

dieselben Fußstapfen mache ich in Größe neunundreißigeinhalb,

kaum zu unterscheiden von denen aus der Eisenzeit, der Zeit, die verstrich.

eine Wegstrecke.

ich laufe sie ab.

ich laufe ab, wie ein Lebensmittel.

ich bin ein Lebensmittel & laufe sie ab

diese Wege & Umwege überwinde ich,

alle Wege zu Dir & von Dir weg,

Wege in mich hinein

in mir herum & durch mich hindurch

auf allen neuronalen hinaufführenden & herabführenden Wegen meiner

reizvollen Reizweiterleitung und Reizüberflutung

so reizend & aufreizend wir es sind,

reizt Du mich.

mich reizt Deine zarte Gestalt

und bist Du nicht willig,

so brauch ich

Meditationsmusik auf doppelter Geschwindigkeit,

weil ich nicht genug Zeit dafür habe.

Ich höre sie

in mir einkehrend,

die Pause auf dem Wanderweg am Ort der inneren Einkehr,

dem meditativen Boxenstopp heute sogar mit Atmen & mit

hartpumpenden beats, zackig, um Zeit zu sparen

auf meinen Pfaden, den ungetrampelten.

geh weg.

hau ab.

lauf.

geh weg, damit Du hier nicht kaputt gehst.

lass uns losgehen.

flieh’ mit mir, mit mir oder ohne mich,

egal wer oder was uns im Wege steht,

gehen wir ihn besser zu früh als zu spät

unseren Weg, den unseres Lebens.

unsere Hausschuhe werden Straßenschuhen weichen.

pass auf Dich auf.

pass ganz gut auf Dich auf

und sorge für Dich,

ich sorg’ mich um Dich.

die Strecke unseres gemeinsamen Weges

geht ohne uns weiter

in verwirrten Sackgassen dead end.

weg mit Dir – weg mit mir – als wir weg mussten,

äußerst dringend

weg gingen, um Land zu gewinnen,

war ich unterwegs

und hatte einen Rucksack

meinen alten Rucksack,

den ich mir gekauft hatte

als ich dem Weg vom Kind ent- oder erwachsen war.

auch so viele Jahre später

trage ich meine Last darin.

durch die wattierten Bänder auf meinen Schultern ward sie mir leicht,

meine Last,

viel leichter

als die Koffer, die andere getragen hatten,

mal rechts, mal links,

abwechselnd

und an der anderen Hand das Kind

händchenhaltend,

beide unterwegs

auf der Flucht oder ihrem Tod entgegen

und wir nicht,

weil wir nicht so viel Zeit verstreichen lassen & früh genug weggehen würden,

hatte ich früher immer gedacht, wenn es dann soweit wäre,

so,

wie es sich gerade ankündigt zu werden,

denn die Zeiten verändern sich,

sind auf dem Weg,

zurückzugehen

zu Ereignissen, die es schon gegeben hatte.

wenn ich weggehen werde

und den Weg gehen werde,

werde ich nicht mehr hier sein.

alles werde ich zurücklassen & unterwegs sein,

on the road

on my way,

rufe ich Dir zu,

ich bin weg, mache mich auf den Weg.

I’m on my way,

laufe mir und meinen wunden Füßen Blasen,

die sich der Welt öffnen,

stehe in Schlangen an, bis ich drankomme,

steppe im Klapperklang meiner Absätze & verdiene famoses Fersengeld.

I am on my way

nicht zu Dir,

aber vielleicht mit Dir.

Zecken entern mich.

ich teile mir den Weg mit Dir & ihnen.

auch auf Füchsen kommen sie uns & Füchse kommen uns

auf Vorderlauf und Hinterlauf laufend

entgegen, grüßen vorübergehend.

irgendwann kratze ich nur eine Kurve – trunken vor Fliehkraft.

halte mich sicherlich nicht an der Verkehrshaftpflichtversicherung fest, aber

dem Geleitschutz zum Trotz

von Lotsen ungeführt,

führungslos und ohne Führer,

an Deiner Hand fest,

gehe in die Unsicherheit hinein,

auf der Walz unterwegs mit dem Monster

im imaginären Rückspiegel unseres Daseins,

das zum Gewesensein wird für uns wandelnde Wesen,

die „unterwegs“ sind, eine Bezeichnung, die

weder gezeichnet noch unter dem Wege ist,

werde ich mich unterwegs befinden

und mein Befinden wird kein Gutes sein.

meine Befindlichkeit wird empfindlich

und die Reise keine Urlaubsreise werden.

doch wir reden uns unsere Wege und Umwege als Reise schön.

sie wird mit den Blautönen des grauen Abschieds

ein Lied der Trauer und des Verlustes singen

und dann,

wenn wir das Jammertal durchlaufen haben,

wird sie irgendwann leichter werden

und leichtfüßiger,

bis ihre Erleichterung

an neuen Ufern zu Tanz werden kann,

zu einem Neubeginn

am Ende eines Weges,

von dem wir ruhen können,

wie unsere Mimik.

nach all den gegangenen und vergangenen Wegen,

begehe ich die Geographie Deines Gesichtes mit meinen Blicken.

Ich taste sie zart mit meinen Sehnerven ab & sehe,

dass nun alles gut gelaufen ist.

es ist doch noch Zeit zum Zeitpunkt, das Zeitliche zu segnen.




Tanna Künemund, 6.6.69

hat n bißchen was studiert, selbständig gearbeitet, hat auch eine ordentliche Ausbildung mit Staatsexamen gemacht. Lieber schreibt sie und macht Kunst. In freien Blättern und im Internet  wurde ihre Lyrik und Prosa gedruckt. Der Ort der Augen hat eine ihrer Geschichten im Dr. Ziethen Verlag verlegt, offizielle Literaturzeitschrift des Landes Sachsen-Anhalts des Friedrich-Bödeker-Kreises). Im Konkursbuchverlag wurde in einem Sammelband eine ihrer Kurzgeschichten (Der Plüschfrosch) 2016 mit selbstinszenierten Photos verlegt. Kurzgeschichten in der Gorleben Rundschau und im Zero. Bei KunstKulturLiteratur #kkl wurde Prosa, einige Gedichte und Skulpturen von ihr veröffentlicht, ebenso im Bubenreuther Literaturpreis Band 2024, im Buch „Antwort auf Farben“ zum Grasnick Lyrikpreis 2025, in der Literatursammlung Johnny 2025, in der queerenLandlust 25/26 und im Literarischen Journal „Schreibtisch“ der Edition federleicht, Ausgabe 2025. Auftritte und Literaturformate in extra Aufzählung. T. Künemund hat im Theater der Stadt Stendal beim Poetry Slam Texte gelesen, ebenso beim Wendland Poetry SlamJam, auch im Rahmen der Literaturtage Sachsen-Anhalts 2003, beim Poetry Slam in Uelzen, im R2Dannenberg, beim Kampf der Künste im Salon Hansen Lüneburg und beim KdK in Hamburg, auf dem roten Stuhl der Lesungen in Uelzen, im Schlachthof in Bremen Slam, an der Oberlahn, bei einigen Festivals wie der Fusion, dem Simsalaboom … war sie auf Slam Bühnen. Zur kulturellen Landpartie im Wendland ist sie schon 15 Jahre lang literarisch aktiv, veranstaltet Lesungen und oder Lesungs Jams in der Sofaauffangstation Kriwitz, im Kuhdamm Kaulitz und dort in der Dub Station. Sie hat einen Poetry Slam für Wagen und Winnen im Bahnhof Salzwedel veranstaltet und einen Friedensslam 2018 im Rathaussaal der Stadt Uelzen, mehrere Slams und Lesungen am Zwischenlager Gorleben, 2 Poesie Jams am Peckfitzsee zu 2 Solarfestivals und Lesungen in im Arbeitsumfeld. Poetry Slams, Poetry Jams und Lesungen organisiert seit 2010. Tanna Künemund macht queerfeministische Skulpturen aus Ton und Bronze, sowie „Zahn der Zeit Installationen“, „weiche Betonteppiche“ und „Flickwerk“. Sie hat 2025 Ton- und Bronzeskulpturen und Texte in der Kulturnische in Salzwedel und im Wendland ausgestellt und das Sofaauffangstationsliteraturfestivalchen veranstaltet.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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