In den Rückspiegel

Sandra Lotteritsch für #kkl60 „In den Rückspiegel“




In den Rückspiegel

Ein Gewitter stürmt. Ein Donner dröhnt. Ein Blitz leuchtet auf. Regentropfen prasseln auf das Auto wie ununterbrochenes Trommeln. Unter dem stetigen Geräusch hört man kaum seinen eigenen Atem. Mein Mann hat das Auto verlassen, um kurz etwas zu besorgen. Ich sitze am Beifahrersitz und beobachte das Spektakel draußen. Die Straßen sind überschwemmt, man kann kaum etwas erkennen. Ein Wasserfilm überstülpt das Auto und wird nur durch die riesigen Wassermengen von oben immer wieder aufgebrochen. Die Sicht wäre so schon eingeschränkt genug, doch das Unwetter färbt den Himmel zusätzlich in ein tristes Dunkelgrau und tüncht die Umgebung rundherum in einen Schwarzweißfilter. Unbeeindruckt starre ich aus dem Auto und warte. Die Straße ist ein einziger Spiegel, der das Gewitter reflektiert. Dann drehe ich den Rückspiegel zu mir, um mein Gesicht sehen zu können. Aus dem Spiegel heraus sieht mich die Frau befremdlich an. Ich überprüfe mein Make-Up auf Makel, als hinter mir ein Schatten vorbeihuscht. Es ist kaum mehr als ein dunkler Schleier, der im Rückspiegel hinter meinem Spiegelbild sichtbar war. Ich drehe mich um, überzeugt davon, mir das nur eingebildet zu haben. Vielleicht ist hinter dem Auto jemand vorbeigegangen. Zumindest kann ich nichts Ungewöhnliches erkennen. Als ich mich wieder nach vorne ausrichte, zeigt der Rückspiegel plötzlich in eine ganz andere Richtung. Ich sehe halb die Straße draußen, halb die Außenseite des Autos. Ich muss ihn beim Umdrehen versehentlich verstellt haben, ohne es zu merken. Mit dem Blick in den Rückspiegel habe ich das Gefühl, eine schwarze Gestalt beim Auto hocken zu sehen. Es kann aber auch nur ein Schatten sein. Es ist ein Schatten. Was soll es sonst sein? Schnell drehe ich den Spiegel wieder zu mir und sehe, dass die Heckscheibe völlig dunkel, fast schwarz, erscheint. Das muss vorher auch schon so gewesen sein, mir ist es nur nicht aufgefallen. Ich versuche mich auf mein Gesicht zu fokussieren und den Hintergrund nicht weiter zu beachten. Der Regen dröhnt mir in den Ohren. Er ist lauter geworden. So laut, dass es fast wehtut. Ein heftiger Schlag außen am Blech des Autos lässt mich aufschrecken. Ich drehe mich erneut um. Die Heckscheibe scheint nun wieder heller zu sein, zumindest kann man den Regen hindurchsehen. Mein Herz rast, als ich meine Umgebung auf etwas absuche, das das Geräusch verursacht hat. Hagelt es oder hat ein Mensch draußen das Auto übersehen? Ich versuche mich zu beruhigen und tief ein- und auszuatmen. Ich lausche gespannt, doch außer dem unendlichen Regen nehme ich keine weitere Abweichung wahr. Immer noch mit schweren Herzen setze ich mich wieder normal in den Beifahrersitz und sehe durch die Windschutzscheibe. Als endlich die Fahrertür geöffnet wird und mein Mann ins Auto steigt, kann ich aufatmen. „Da bist du ja wieder“, sage ich erleichtert und meine Angst ist verflogen. Nur um gleich darauf wieder zurückzukehren, als ich mich zu ihm umdrehe und in fremde Augen blicke. Das ist nicht mein Mann.




Sandra Lotteritsch ist eine aufstrebende Autorin, die mit ihrem Partner und zwei Katzen in der Nähe von Klagenfurt, Kärnten, wohnt. Sie studiert aktuell Kreatives Schreiben und verwirklicht sich damit einen Kindheitstraum. Nebenbei reist sie gerne und will die Welt erkunden.








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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