Zwischen Nordlicht und Süden

Anne Mette Overgaard Jensen für #kkl60 „In den Rückspiegel“




Zwischen Nordlicht und Süden

Ich wuchs in einer mehrsprachigen Identität auf, mit Dänisch als Muttersprache und Deutsch als jener Sprache, in der ich Ordnung fand: Sprache der Bildung, der Reflexion, meines inneren Denkens. Fast ein Fünftel meines Lebens verbrachte ich in Deutschland, studierte dort, lehrte und nahm Deutsch als Teil meiner selbst an. Rückblickend sehe ich, wie sehr diese Sprache mein Koordinatensystem wurde, präzise, strukturiert, verlässlich.

Doch im Rückspiegel erkenne ich auch, was damals fehlte: etwas, das sich nicht in Grammatik oder Analyse fassen ließ. Ein körperliches Zuhause. Eine Natürlichkeit im Ausdruck. Eine Versöhnung mit meiner eigenen Weiblichkeit. Und sobald ich beginne, zurückzublicken, meldet sich das früheste Nordlicht meiner Erinnerung, nicht als Ort, sondern als Atmosphäre.

Ich wurde im Norden geprägt, zwischen Büchern und geraden Linien. Dänemark gab mir weite Horizonte, helles Licht und jene Stille, die wie Schnee klingt.
Deutschland schenkte mir Ordnung, Pünktlichkeit, Türen, die zuverlässig ins Schloss fallen.

Erst im Rückblick erkenne ich, wie deutlich beide Länder mich formten:
Dänemark mit seinem Bedürfnis nach Gleichheit, das oft mit Unsichtbarkeit einhergeht, Deutschland mit seiner Präzision, die Kontrolle eher belohnt als Ausdruck.

Im Nachhinein begreife ich, wie sehr der Norden mir beibrachte, dass Gleichheit mit Neutralität zu tun hat, mit Unsichtbarkeit, Kontrolle, mit einem Körper, der sich zurücknimmt. Ich sehe eine Kultur, in der Weiblichkeit oft als Verdacht galt: Schönheit als Schwäche, Sichtbarkeit als Risiko, Körperlichkeit als potenzieller Verlust von Seriosität.

Dort lernte ich, mich klein zu halten:
mich nicht bemerkbar zu machen, leiser zu lachen, weniger zu verlangen.
Stärke bedeutete Zurücknahme.
Schuhe ohne Höhe, Mäntel, die jede Linie verschluckten.
Lippen, die sich entschuldigten, noch bevor sie Worte fanden.
Ein Körper, der den Raum mied, als wäre Sichtbarkeit eine Art Unvorsicht.
Heute verstehe ich, dass diese Zurückhaltung keine reine Charakterfrage war, sondern eine Kulturtechnik: eine Form von Gleichstellung, die auf Entkörperlichung beruhte.

Meine heutige Seele spricht Deutsch, singt Spanisch, schweigt auf Dänisch.
Drei Sprachen, drei Heimaten, und doch flackert mein innerer Kompass zwischen ihnen. Ich funktioniere, ruhig, zuverlässig, angepasst.

Aber unter dieser Schneedecke glimmt ein Funke.

Es gibt Reisen, die mit einem Koffer beginnen, und andere, die mit genau diesem Funken beginnen, dieser Unruhe, die erst im Rückblick ihren Namen erhält. Meine begann mit beidem.

Als ich Dänemark und später Deutschland verließ, dachte ich, ich würde nur den geografischen Raum wechseln. Ich ahnte nicht, dass ich damit auch die Achse verschieben würde, um die sich mein Verständnis von Identität, Körper und Präsenz dreht. Erst jetzt, zwei Jahre später im Jahr 2025, wage ich den Blick in den Rückspiegel,  und merke, dass er mehr zeigt als nur den Weg, den ich fuhr. Er zeigt frühere Versionen von mir, die mir heute zugleich vertraut und fremd erscheinen.

Im Norden lernte ich, mich leise zu bewegen. Schönheit war dort etwas, das sich im Privaten entfaltete, niemals forderte, niemals störte. Meine Haltung war eine Art Winterlicht: sachlich, gerade, beinahe scheu. Ich dachte lange, dass das einfach so sei, eine Wahrheit über mich, nicht über meinen Kulturraum.

Dann kam Andalusien.

Sevilla war keine Stadt, die man einfach betritt. Sie ist eine Stadt, die dich anschaut. Manchmal mit Wärme, manchmal mit Forderung. Und immer mit einer Intensität, die keine Halbherzigkeit duldet. Ich erinnere mich an meine ersten Wochen dort, an das Gefühl, dass alles, Stimmen, Farben, Bewegungen, größer war als ich. Heute sehe ich: Ich war nicht kleiner. Ich war nur unbeleuchtet.

Ich erinnere mich, als ich meinen Koffer öffnete.
Schichten aus Nord falten sich auf: neutrale Blusen, praktische Pullover, Muster, die nichts wagen. Und ganz unten lag es, ein Kleid. Weich, trotzig, zu weiblich für das Ich, das ich im Norden gelernt hatte zu verkleinern.

Die nordische Stimme war sofort da.
Sei vernünftig.
Man fällt nicht auf.
Das brauchst du nicht.

Doch dazwischen regte sich etwas anderes: nicht die alte Stimme, sondern die Haltung der andalusischen Frauen, die ich beobachtet hatte, ihr selbstverständlicher Schritt, ihre körperliche Präsenz, die sich nicht rechtfertigte.

Ich zog das Kleid an. Zuerst fühlte es sich fremd an, wie eine Sprache, deren Vokabeln ich vergessen habe.

Doch dann legte es sich um mich, als hätte es Jahre auf mich gewartet. Meine Schultern hoben sich, mein Rücken richtete sich, und im Spiegel erschien jemand, den ich kannte und nicht kannte: dieselben Augen, dieselbe Helligkeit, doch ein neuer Trotz darin.

Zum ersten Mal sah ich meinen Körper nicht als Problem, sondern als Möglichkeit.
Nicht als Grenze, sondern als Anfang. Denn in diesem Atemzug verstand ich, dass er nicht länger etwas war, das ich verstecken musste, sondern etwas, das mich tragen wollte, sichtbar, aufrecht, unver entschuldigt.

Da erkannte ich, dass der Süden das Licht aufdrehte, nicht um etwas zu verändern, sondern um zu zeigen, was längst da war.

In den Rückspiegel schauend sehe ich eine tastende Frau, die versuchte, sich an den Rhythmus einer Welt anzupassen, die nicht „entschleunigt“, wie es der Norden nennt, sondern fließt. Eine Welt, in der der Körper nicht nur Werkzeug ist, sondern Sprache. In der ein Kleid, ein Fächer, eine Geste nicht Dekoration bedeuten, sondern Ausdruck. In der Präsenz kein Risiko ist, sondern eine Form von Wahrheit.

Damals verstand ich es nicht. Heute begreife ich: Ich brauchte Zeit, um mich in Spanien nicht zu verlieren, sondern neu zu finden.

Wenn ich zurückblicke, erkenne ich, wie meine Polaritäten miteinander rangen: die nordische Zurückhaltung, die mir Halt gab, die deutsche Strenge, die mich formte, und die andalusische Offenheit, die mich herausforderte. Es war kein sanfter Dialog. Mehr ein Tanz, manchmal schön, manchmal schmerzhaft, immer ehrlich. Und in diesem Tanz lernte ich, dass Identität kein Besitz ist, sondern ein Verhältnis. Etwas, das sich verändert, sobald man es anschaut.

Der Rückspiegel zeigt mir auch die Spannungen, die mich begleiteten: zwischen Bewunderung und Skepsis, zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Beobachten und Teilhaben. Ich erlebte, wie eine Kultur sich feiert, und wie sie zugleich gegen ihre eigenen Schatten antritt. Ich sah, wie andalusische Frauen Raum einnehmen, und wie ihnen dieser Raum manchmal doch noch verhandelt wird. Ich sah, wie sichtbar Schönheit sein kann, und wie viel Mut diese Sichtbarkeit verlangt.

Es gibt Momente, die erst im Rückblick Bedeutung erhalten.
Einer davon war die Feria de Abril. Ich erinnere mich nicht nur an die Farben, sondern an ein Gefühl: Dieses Mal schaute ich nicht zu, ich war anwesend. Nicht als Andaluza, nicht als Dänin oder als Deutsche, sondern als eine Frau, die zwischen beiden Welten einen Platz fand. Vielleicht nur für einen Moment, aber ein Moment kann ausreichen, um ein Leben zu verschieben.

Heute, in Málaga, denke ich oft darüber nach, wie der Süden nicht verlangt, dass man sich neu erfindet, sondern dass man sich klarer erkennt. Ich habe gelernt, dass ich nicht entscheiden muss, ob ich nördlich oder südlich bin. Ich bin beides. Zwischen beiden Räumen entstand ein Dazwischen, ein Zwischenraum, der mich neu ordnete, kein Verlust, sondern Erkenntnis. Ich bin Übergang. Ich bin Blickrichtung.

Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die mir der Rückspiegel schenkt:
Dass man nicht zurückschaut, um das Alte zu bewahren, sondern um zu verstehen, warum man zum Neuen aufgebrochen ist.

Sevilla hat mich nicht verändert.
Die Stadt zeigte mir nur, was schon in mir lag. Sie drehte das Licht auf, nicht, um mich neu zu formen, sondern um mich mir selbst sichtbar zu machen. Andalusien lehrte mich, dass Femininität keine feste Form ist, sondern eine Praxis: wandelbar, situativ, immer im Dialog mit dem Ort, an dem man lebt. Dort begriff ich, dass ein Körper nicht verschwindet, wenn man ihn verkleinert, sondern stumm wird, und dass er erst in seiner Präsenz zur Sprache findet.

Heute weiß ich, dass Femininität keine Zierde ist, sondern eine Kraft.
Dass Sichtbarkeit kein Risiko ist, sondern eine Art von Wahrheit.
Und dass Stärke nicht aus Verkleinerung entsteht, sondern aus Verkörperung.

Und wenn ich in den Rückspiegel schaue, erkenne ich, dass ich nicht aufgebrochen bin, um anders zu werden, sondern um zu sehen, wer ich unter all den Schichten immer schon gewesen bin.
Der Süden hat mich nicht verwandelt.
Er hat nur das Licht angeknipst,
und mich gelehrt, darin stehenzubleiben.




Anne Mette Overgaard Jensen, 1998 in Dänemark geboren, lebt heute in Andalusien. Sie bewegt sich zwischen drei Sprachen, Dänisch, Deutsch und Spanisch, und zwischen drei kulturellen Räumen.
In ihren Texten beschäftigt sie sich mit Mehrsprachigkeit, Identität und den Spannungsfeldern zwischen Norden und Süden. Ihr Schreiben kreist um Körperlichkeit, Femininität und die Frage, wie Orte uns formen, und wie wir uns in ihnen wiederfinden.








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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