Das Medaillon

Frank Joussen für #kkl60 „In den Rückspiegel“




Das Medaillon

Als ihre schlimmste Trauer vergangen war, erzählte mir meine Cousine vom schönen Tod ihrer Mutter. Sie rief mich mitten in der Nacht aus den U.S.A. an: „Paul, hast du ein bisschen Zeit? Ich muss dir unbedingt etwas erzählen. Weil du doch auch gerade deine Mutter verloren hast, wirst du mich verstehen. Jedenfalls das meiste von dem, was ich dir erzählen werde. Ich weiß es. Bitte!“

Ich knipste meine Nachttischlampe an und sah auf die Uhr: Drei Uhr morgens. „Klar habe ich Zeit für dich!“

„Oh, habe ich dich geweckt? Wie spät ist es denn bei dir?“

„Kein Problem! Für dich habe ich immer Zeit. Erzähl!“

                                   ***

Eins musst du vorweg wissen: Meine Mutter war in den letzten Jahren mit ihrem Leben sehr zufrieden. Das war nicht immer so. Ich weiß, ihr beide hattet bei deinem letzten Besuch bei ihr in New Jersey einen ziemlich heftigen Streit. Aber sie mochte dich bis zum Schluss! Das hat sie mir selbst noch einmal ein paar Wochen vor ihrem Tod gesagt.

                                   ***

Über diese Nachricht war ich sehr erfreut. Schuld an diesem Streit waren wir sicherlich beide gewesen. Leider hatten wir in den seither vergangenen zehn Jahren nie ein klärendes Gespräch geführt. – Für mich war Tante Eva immer die „reiche Tante aus Amerika“ gewesen. Für meinen Geschmack hatte sie uns „arme Verwandte“ in Deutschland das ein bisschen zu oft auch spüren lassen. Aber das war jetzt Schnee von gestern. – Aus bescheidenen Verhältnissen in Berlin stammend, war sie kurz nach dem Krieg in dieser zerbombten Stadt einem amerikanischen Offizier begegnet. Die beiden hatten geheiratet und waren fünfzig Jahre lang zusammen glücklich gewesen. Sie hatten eine Tochter, Iris. Sie liebten ihre Tochter über alles und Iris erwiderte diese Liebe. Trotz dieses innigen Verhältnisses hatte meine Tante meiner Cousine nach deren eigenen Aussagen fast nichts von ihrem Leben vor der Heirat erzählt. Wenn ich nachfragte, warum Iris sich nicht danach erkundigte, bekam ich jedes Mal zur Antwort: „Ich mag sie nicht damit bedrängen.“

„Iris, was möchtest du mir denn so Dringendes erzählen?“

                                   ***

Du weißt ja, dass meine Mutter nicht mit mir über ihre Vergangenheit in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus gesprochen hat. Ich habe das nie verstanden: Sie war damals doch noch so jung! Was hätte sie denn Schlimmes gemacht haben können? Außerdem hätte mein Vater sie in so einem Fall doch nie geheiratet. Ich glaube auch, dass mein Vater ihre Eltern immer unterstützt hat. Von ihm habe ich auch gehört, dass meine Oma, also die aus Deutschland, hier bei uns bis zu ihrem Tod gewohnt hat. – Wie auch immer, an den letzten Tagen ihres Lebens schien die Vergangenheit meine Mutter in gewisser Weise  einzuholen. Ein ums andere Mal erkundigte sie sich nach einem Medaillon, das sie von ihrer Mutter, also meiner Großmutter, geerbt hatte.

„Ich habe es aus den Trümmern unseres Hauses in Berlin gerettet. Ich habe es immer bei mir gehabt“, klagte sie gegenüber meinem Vater und mir.

So sagte sie zum Beispiel einmal zu ihm: „Victor, ich habe es nie lange aus den Augen gelassen. Bis wir hierher nach Pennsylvania ins Seniorenheim gezogen sind. Nach dem Umzug habe ich es nie mehr gesehen. Oh, wo kann es nur sein?“

Mein Vater und ich suchten überall nach dem Medaillon. Ohne Erfolg. Am Morgen vor ihrem Todestag wurde das Klagen meiner Mutter immer dringlicher, fast unerträglich: „Es muss doch irgendwo sein! Es ist ein silbernes Jugendstil-Medaillon. Die Kette ist auch dabei. In der Mitte ist eine schöne Rose, ebenfalls aus Silber.“

War die Kranke vorher sehr geduldig und in ihr Schicksal ergeben gewesen, so war sie jetzt unruhig und unzufrieden. Mein Dad und ich wussten uns keinen anderen Rat, als auch die Putzfrau und die Nachtschwester am Ende ihres Dienstes zu befragen. Letztere reagierte gekränkt: „Ich habe nichts weggenommen! Mich hat Eva auch schon oft danach gefragt!“

„Aber nein! Jesika, Sie verstehen uns völlig falsch“, erwiderte ich schnell. „Niemand möchte Ihnen einen Vorwurf machen. Wir sind nur so verzweifelt, dass wir schon nach Strohhalmen greifen.“ Jesika schien uns zu glauben. Später erzählte sie uns, dass sie beim Bettenmachen das Laken, die Bettdecke und das Kopfkissen abgesucht und sogar die Matratze hochgehoben habe. Nichts!

„Was war denn so Wichtiges in dem Medaillon, Mom?“, fragte ich meine Mutter gegen Mittag. „Oder liegt es nur daran, dass es ein Erinnerungsstück von deiner Mutter ist?“

„Nein, mein Ein und Alles. Es ist auch nicht kostbar. Es ist nur – es enthält ein kleines Bild. Ein Porträt – .“ Bevor sie weitersprechen konnte, war meine arme Mom vor Erschöpfung in einen unruhigen Schlaf gefallen.

Wen stellte das Porträt dar, fragte ich mich. Meine Großmutter oder eine berühmte Schauspielerin jener Zeit?

Als ich am Abend wieder das Zimmer betrat, schlief meine Mutter noch immer, oder vielleicht auch schon wieder. Ich wusste es nicht. Später vergaß ich, meinen Vater danach zu fragen.

Am Morgen ihres Todestages begegnete ich der Nachtschwester vor dem Krankenzimmer. „Bevor Sie fragen“, kam es direkt aus einer übermündet wirkenden Jesika heraus, „die Nacht war sehr, sehr schwierig. Ihre Mutter hat sich fast permanent im Bett herum gewälzt und sich mehrfach die Sauerstoffmaske herunter gerissen. Immer wieder dachte ich, sie würde nach mir rufen. Aber wenn ich an ihr Bett trat, murmelte sie die Namen aller möglichen Menschen. Dann wiederum sprach sie ganz leise Sätze, die ich nicht verstand. Vielleicht auf Deutsch. – Erst im Morgengrauen ist sie friedlich eingeschlafen.“

Als ich kurz darauf das Krankenzimmer betrat, hatte ich erwartet, dass meine Mom immer noch schlafen würde. Aber nein! Sie saß kerzengrade im Bett. Sie nahm die Sauerstoffmaske langsam ab und legte sie sorgfältig auf das Nachttischchen.

„Komm zu mir, mein Ein und Alles!“

Ich setzte mich vorsichtig auf den Rand des Bettes. Meine Mutter umarmte mich so stürmisch, wie sie es früher immer getan hatte. Woher nahm sie auf einmal die Kraft dazu? Dann drückte sie mich fest an sich und sprach ganz aufgeregt: „Wie kann ich dir jemals dafür danken? Du hast mir mein Medaillon zurückgebracht!“

„Aber Mom, das war ich nicht! Es muss Dad gewesen sein. Er ist gestern nicht von deiner Seite gewichen, glaube ich. Oder Jesika.“

„Aber nein. Du bist zu bescheiden! Du warst es ganz bestimmt! – Weißt du, am Ende des Krieges waren wir sehr arm – deine Großmutter, dein Großvater und ich. Unser Haus war stark beschädigt. Wir mussten bei Nachbarn unterkommen. Wir hatten kaum zu essen. Aber dieses Medaillon trug ich immer um den Hals. Als Glückbringer. In Erinnerung an all die schönen Zeiten vor dem Krieg. Ich hatte Klavier und Gesang gelernt. Man hielt mich für sehr talentiert. Es gab Empfänge, Konzerte. Und wie oft gingen wir jungen Leute damals ins Mokka Efti oder andere, mondäne Tanzlokale! Es war herrlich!“ Weiter und weiter gingen ihre glücklichen Reminiszenzen.

Auf einmal erzählte mir meine Mom so viel von ihrem Leben vor ihrer Hochzeit. So viele schöne Dinge! Noch ungewöhnlicher war, woher sie die Energie zu ihren langen, lebhaften Schilderungen nahm. Für einen Moment schien die Krankheit von ihr abzufallen. Auch wenn ich ihrem Gesicht ansah, wie sehr der Krebs ihren Körper ausgemergelt hatte – ihre Stimme klang wieder fest und klar, beinahe jung.

Nicht wenig verwirrt, aber glücklich verabschiedete ich mich von meiner Mutter und fuhr zu Arbeit. Obwohl ich früher Schluss machte, kam ich trotzdem erst kurz nach vier Uhr nachmittags nach Hause. Diese elenden Staus!

Als ich ins Wohnzimmer kam, sah ich, dass sich mein Vater auf die Couch gesetzt hatte und dort, noch mit der Brille auf der Nase, eingeschlafen war. Auf Zehenspitzen schlich ich weiter zum Krankenzimmer, das nach Westen lag. Die Sonne schien meiner Mutter voll ins Gesicht, aber sie blinzelte nicht einmal. Mit einem verzückten Lächeln im Gesicht, aber toten Augen lag sie auf ihrem weichen Kopfkissen im Bett, das Medaillon fest in beiden Händen haltend.

Ich rief weinend nach meinem Vater. In ihrem Seniorenheim war immer gleich jemand zur Stelle, um die Angehörigen zu trösten und alle notwendigen Schritte einzuleiten. Als aber der Bestatter kam, wies er uns auf das Medaillon hin. Nur mit Mühe konnte er es meiner Mutter aus den Händen nehmen. Er legte es auf das Nachttischchen. In der Trauer und Aufregung um die Beerdigung haben mein Vater und ich es ganz vergessen. Erst Wochen später fanden wir die Kraft, das Krankenbett und das Nachttischchen abholen zu lassen. Danach nahm ich das Medaillon zum ersten Mal in die Hand. Mein Vater war schon in der Tür, wohl weil er diesen Ort schnell wieder verlassen wollte.

„Du, Dad?“

„Ja, Liebes?“

„Hier ist Moms Medaillon. – Sag mal, hattest du es kurz vor ihrem Tod gefunden? Sie hatte sich so darüber gefreut!“

„Nein! Ich dachte, du wärest das gewesen!“

Obwohl wir uns schon lange vorher von Jesika dankend verabschiedet hatten, hatten wir noch ihre Telefonnummer. Ich rief sie an: „Ich weiß, es ist schon eine Weile her. Aber können Sie sich noch erinnern, ob sie das Medaillon gefunden hatten?“ – Nein! Sie hatte es nicht gefunden. „Und natürlich würde ich mich erinnern. Ihre Mutter hat so ein Theater … Also, sie war so verzweifelt, weil sie es nicht bekommen konnte.“

                                   ***

„Und? Habt ihr das Rätsel um das Wiederauftauchen des Medaillons inzwischen lösen können, Iris?“

„Nein, Paul. Es wird wohl für immer ein Rätsel bleiben!“

„Aber –“

„Was darin war, willst du wissen?“, fragte sie lachend.

„Ja, klar. Aber warum lachst du?“

„Ach, ich lache über mich selbst. Weißt du, ich hatte mir in den Tagen, an denen wir es suchten, alles Mögliche vorgestellt. Meine Großmutter oder Urgroßmutter hätte auf dem Porträt sein können. – Oder, erinnerst du dich, meine Mutter hat früher doch oft von Marlene Dietrich gesprochen. Die ja damals in New York gewohnt hat.“

„Richtig! Deine Mutter hat immer das gleiche erzählt. Zuerst hat sie gesagt, dass eine gute Freundin von ihr einmal bei der Dietrich eingeladen war. Und dass das ganze Apartment voller Spiegel war.“

„Meine Mutter meinte auch, die Dietrich habe immer nur Schwarz getragen. Durch die ganzen Spiegel sei wohl der Effekt entstanden, als ob ständig eine ganze Reihe schlanker, großgewachsener Ladies in Schwarz durch ihre Wohnung stolziert wären. An der Stelle haben wir immer alle gelacht!“

„Ja, schon. Aber manchmal sprach deine Mutter auch davon, dass sie einmal bei der Dietrich zum Tee eingeladen gewesen sei. Am Morgen des betreffenden Tages habe der Diener der Dietrich aber abgesagt.“

„Das weiß ich, ehrlich gesagt, nicht mehr. Mag sein.“

„War denn im Medaillon ein Porträt von Marlene Dietrich?“

„Nein! Ich habe mir auch andere berühmte Schauspielerinnen und Sängerinnen aus Deutschland vor dem Krieg angeschaut: kein Treffer! Ich habe das Medaillon hier. Schade, dass ich es dir nicht zeigen kann.“

„Schicke mir doch mal ein Foto davon.“

„Das kann ich gerne machen. – Es ist in der Tat das Bild einer schönen Frau in dem Medaillon. Aber ich kenne sie nicht. Inzwischen hat mir mein Vater Fotos meiner deutschen Verwandten gezeigt, die Mutter immer unter Verschluss gehalten hatte. Keine ähnelt auch nur entfernt der Dame im Medaillon. Mein Vater hat mir aber doch etwas Interessantes erzählt, was er in seiner Trauer völlig vergessen hatte zu erwähnen. Am letzten Nachmittag ihres Lebens hatte meine Mutter fast nur noch geschlafen. Aber manchmal hatte sie im Schlaf etwas geflüstert. Mein Vater hat es als „ein fine Dam“ oder „Deim“ wiedergegeben. Kannst du etwas damit anfangen?“

„Das scheint mir ziemlich eindeutig zu sein!“

„Wirklich? Im Ernst?“

„Deine Mutter wollte wohl sagen: Das war eine feine Dame!“




Frank Joussen ist ehemaliger deutscher Lehrer. Nebenbei betätigt er sich als Schriftsteller und Herausgeber. Seine Buchpublikationen umfassen drei Gedichtbände, die Mitherausgabe von zwei Anthologien mit Gedichten und Kurzgeschichten in Indien sowie die Mitherausgabe einer deutschsprachigen Anthologie mit internationalen Familiengeschichten. Sein letztes Buch erschien 2024 mit dem Titel „Das verschwindende Land/The Disappearing Countryside“; es enthält Gedichte und Prosatexte zur Bedrohung der Umwelt und Heimat durch den Braunkohletagebau Garzweiler II.

Seine Gedichte, Rezensionen und Kurzgeschichten wurden in einer Vielzahl von Literaturmagazinen und Anthologien in Australien, Großbritannien, Irland, Rumänien, Malta, den U.S.A., Kanada, Indien, China, Thailand, Deutschland Österreich und Japan veröffentlicht.








Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar