Josephine Straub für #kkl60 „In den Rückspiegel“
Der Sperrmüll ist verrückt
Seit Jahren steht er in der Ecke und fängt Staub und Spinnen – der Spiegel mit dem dicken, dunklen Holzrahmen. Egal wie sehr man ihn putzt und wischt und pflegt… jahrein, jahraus dasselbe Spiel. Ein Schandfleck in der Wohnung, ein Geschenk von Tante Edeltraud. Sentimentaler Plunder, Sperrmüll in seiner unästhetischsten Form. Heute hat seine letzte Stunde geschlagen. Nachher wird er abgeholt.
Ein letztes Mal noch überputzen. Wozu eigentlich? Aufpolieren für den Sperrmüll? Wem soll er denn imponieren? Einem ausrangierten Sessel vielleicht oder einer alten Matratze? Was soll´s. Man will ja bei den Herren von der Müllabfuhr keinen schlechten Eindruck hinterlassen. Es soll niemand denken können, ich hätte mich nicht um ihn gekümmert.
Das Putztuch gleitet und reibt über die Glasscheibe. Als wenn die Schlieren dadurch weniger würden und die Scheibe wieder blank. Blind war er an den Rändern schon immer. Blind und selbstherrlich und…
„…überheblich, stolz wie du?“
Was war das? Leute auf der Straße? Das Fenster ist doch zu.
„Ein Spiegel zeigt nur, was er zeigen kann. Ein Abbild deiner selbst.“
Merkwürdige Geräusche macht der Lappen, wie er über das Glas reibt. Was ist das überhaupt für ein Lappen? Er macht das Glas noch milchiger als sonst.
„Blind vor Schein. Der Glanz, er trübt den Blick. Verrückt das Bild. Verklärt die Sicht.“
Argh… der Lappen taugt nichts.
„Siehst du mich an, erkennst du dich nicht.“
Der Spiegel spricht doch nicht. Spiegel können nicht sprechen.
„Hörst du mir zu, verstehst du mich nicht.“
So ein Unsinn. Der Lappen in meiner Faust knäult sich zusammen. Dann fliegt er auf den Spiegel.
Und zu mir zurück.
„Damit hast du nicht gerechnet, was?“
Was wird das hier?
„Spieglein, Spieglein, in der Eck´. Wen wirfst du hier nachher weg?“
Der Fernseher. Vielleicht habe ich versehentlich den Fernseher angelassen und sie zeigen einen Fantasyfilm?
„Ha, ha. Ein alter Spiegel ist doch kein Fernseher. Aber ein netter Vergleich, das muss man schon sagen. Zeigt bunte Bilder, ganz bewegt. Genau wie ich. Mit einem Unterschied!“
Welchem?
„Mein Hauptdarsteller bist nur du allein. Die Person, um die sich alles dreht. Die gesehen wird und sich nicht sieht. Die ihren eigenen Film nicht schaut.“
Er ist verrückt.
„Nicht wahr?“
Ich starre ihn an.
„Ver-rücken den Rück-Spiegel in den Sperrmüll, als wär´ dein eigenes Spiegelbild den Abfall nur wert.“
Ich bin verrückt. Das muss es sein. Ein Spiegel kann nicht sprechen.
„Jedem das Seine, sein Platz in der Welt. Zuteil wird mir werden, der Kehricht der Welt. Lieg ich darnieder, zerbrochen im Verworfenen. Zwischen Sesseln, Matratzen – denk ich an dich. Seh´ ich dein Bild und zeig´ es dir klar. Schaun´ musst du selber, erkennen dich selbst.“
Tst… Die Dämpfe des Putzmittels. Zu Kopf gestiegen. Das wird es sein. Der Blick geht zur Flasche. Die Flasche ist zu. Der Lappen ist trocken. Der Spiegel gibt Ruh´.
Der Holzrahmen ist ein bisschen spröde. Eigenwillig. Irgendwie hat er Charakter. Die Glasscheibe ist kühl. Wo kommt der Fleck schon wieder her? Der muss weg! Unter meinem kratzenden Fingernagel kommt etwas zum Vorschein. Farbe. Ein Bild. Berührt mich, lächelt mich an. Was ist das? Bin ich das?
Josephine Straub, geboren 1987, hat Psychologie und Philosophie studiert. In ihren literarischen Arbeiten verbindet sie analytisches Denken mit poetischer Präzision. Ihre Texte widmen sich den großen Fragen des Menschseins – von Identität und Vergänglichkeit bis hin zu metaphysischen und ontologischen Grenzbereichen. Schreiben ist für sie eine Form der existenziellen Erkundung.
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