Schlag, vorbei

Martin A. Völker für #kkl60 „In den Rückspiegel“




Schlag, vorbei

Wie viel Zeit bleibt uns noch? Niemand weiß es. Deshalb ist es ausgemacht, die eigene Zeit zu nutzen. Das ist eine Binsenweisheit, die, sobald du sie aussprichst, innerhalb weniger Minuten ihre Anweisungskraft einbüßt. Vieles lenkt uns ab, soll uns davon ablenken, dass wir unsere Zeit für uns nutzen. Zeit ist Geld, und leider finanziert unsere Zeit das gute Leben anderer Leute. Mit dem Alter steigt sie an, die Sorge vor der Endlichkeit. Die Zeit wird weniger, und sie vergeht schneller: eine schlechte Kombination. Es existieren unterschiedliche Wege, mit dieser schwierigen Lage umzugehen. Da gibt es jene, die anderen die Zeit rauben. Sie schleichen sich heran, schmeicheln sich ein, sodass wir ihnen eine Zeitkontovollmacht einräumen, und wir am Ende einer solchen Beziehung, die auf Diebstahl angelegt ist, dramatisch vorgealtert sind und entsprechend elend dastehen. Daneben gibt es solche, die, weil sie wissen, dass die Zukunft eine kurze sein kann, sich in die Vergangenheit flüchten. Sie suchen in der Erinnerung die verlorenen, verflossenen Stunden, rufen sich intensive Erlebnisse und starke Gefühle zurück, die jedoch wie Fußspuren nicht mehr das sind, was sie waren, sondern bloße Abdrücke. Viel Zeit kostet dieser Betrug. Zu deinem eigenen Zeiträuber wirst du. Zurückliegend bleibt alles verloren, und nach vorne hin rauscht alles davon. Als würden Hänsel und Gretel sich umwenden und das zerbröckelte Brot auflesen wollen, welches der Regen längst aufgeweicht und fortgespült hat. Die vor uns fehlende Zeit lässt sich hinter uns liegend nicht wieder einsammeln, um sie in die weite Ferne zu werfen, damit dort ein langer Steg liegen möge, den wir sicher betreten können. Auch dieser Sachverhalt erscheint dir und mir ganz logisch, erscheint uns wie eine denkerische Plattitüde. Gleichwohl fängt niemand an zu denken, wenn er stattdessen stark fühlen kann. Das Vergangenheitsgefühl steigt mit dem Älterwerden an wie ein Hochwasser, das uns Ausschau halten lässt, ob nicht irgendwo eine schiefe Dachantenne, ein verrosteter Wetterhahn zu entdecken, zu ergreifen ist. Trotzdem lässt sich dieses wohlige Sich-Einfühlen in vergangene Stunden ganz anders betrachten. Versuche es: Wie war es damals, als du auf dem Weg zu deiner ersten Verabredung ein letztes Mal das eigene Aussehen überprüfen wolltest? Schaufenster warfen ein zu ungenaues Bild zurück, kein Spiegel weit und breit. Wirklich keiner? Jedes der am Rand stehenden Autos verfügte über gleich zwei Rückspiegel. Und dann waren da noch die Motorräder mit weiter ausgestellten und die Lastwagen mit viel größeren Rückspiegeln. Aber egal, in welchen Rückspiegel du in deiner Not geschaut hast, der Anblick war erschreckend. Zu dicht musstest du herangehen, um das zu sehen, was normalerweise kaum jemand sieht, der dir normal gegenübersteht. Deine Verunsicherung vor der ersten Verabredung steigerte sich durch den Blick in jeden verfügbaren Rückspiegel derart, dass du die Zeit aus den Augen verlorst, und die erste Verabredung nicht zustande kam. Gar nicht mehr gedacht an sie hast du in den nachfolgenden Tagen, weil deine Gedanken darum kreisten, ob du wirklich jene Kreatur mit den verzerrten Zügen bist, die dich aus den Rückspiegeln anstierte. Wie viel Zeit bleibt uns noch? Das ist und bleibt völlig unbestimmt. Deshalb ist es keine schlechte Idee, wenn wir unsere verbleibende Zeit ganz bewusst zusammenlegen. Mit Freude zahlen wir ein auf das Zeitkonto der geliebten anderen, zugleich bemerken wir bei uns die eingehenden Zahlungen sowie die allseits wachsenden Zinserträge. Dann wird es reichen. Wofür? Für jene Kraft, die wir dorthin mitnehmen, wo im Dunkeln die Rätsel blühen.




Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.
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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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