Iris Dalén für #kkl60 „In den Rückspiegel“
Fast ein Mord
Nele saß in ihrem hellblauen Volvo. Sie schaute in den Rückspiegel. Waren das die Augen einer Mörderin?
In ihr tobte die Wut wie ein Orkan. Ihr Atem ging schnell. Die Waffe hielt sie krampfhaft fest. Gut, dass seine Pistole immer im Waffenschrank lag und sie die Zahlenkombination der Tür wusste. Wie sagte er immer:
„Für alle Fälle!“
Oh ja – für alle Fälle. Sie war auf dem Weg zu ihm und seiner Geliebten.
Vor zwei Jahren hatten sie England verlassen. Peter hatte sich gewünscht, wieder in seine Heimatstadt Bremen zu ziehen, und seine Firma hatte ihm eine Stelle in der Nähe zugesichert. Nele hatte Angst, in einem fremden Land neu anzufangen. Ob sie einen Job bekam?
„Du hattest doch immer Glück“, beschwichtigte Peter sie. Doch dieses Mal täuschte er sich. Während er sich gut in Bremen einlebte, saß Nele zu Hause fest. Ihre einzigen Kontakte waren die Nachbarinnen, die nur ein Thema kannten: die Kinder. Doch gerade dieses Thema schmerzte sie nach ihrer Fehlgeburt zu sehr. Und während ihre Nachbarinnen schwärmten und sich mit den Kleinen brüsteten, fühlte sich Nele leer. Sie versuchte mit Peter zu reden, all ihren Schmerz und ihre Angst mit ihm zu teilen. Doch das Einzige, was er sagte: „Jetzt nicht! Später.“ Peter dagegen genoss sein Leben und seine Arbeit. Immer öfter verbrachte er die Abende mit anderen und ließ sie allein. Furcht durchdrang ihr Herz wie eine arktische Kälte. Wohin ging Peter? Wenn sie ihn fragte, wich er ihr aus. Doch Nele ahnte es, und diese Ahnung wurde zur Gewissheit, als sie zufälligerweise ein Telefongespräch hörte:
„Ich halte es nicht mehr aus. Allein wäre ich besser dran.“ Ihr wurde kalt.
Nele schüttelte den Kopf.
„Du musst dich konzentrieren. Das Grübeln hilft dir jetzt nicht. Also pass auf.“
Sie legte die Pistole auf den Beifahrersitz und fuhr den Breitenweg entlang. Die Ampel sprang auf rot, Nele musste bremsen. Mit den Fingern trommelte sie auf das Lenkrad. Der Verkehr zerrte an ihren Nerven. Sie guckte auf ihre Uhr: 10.52 Uhr. Das wurde knapp. Endlich grün.
Doch was sollte denn das nun? Was machten denn die Verrückten in den Kostümen hier? Karneval! Wie sie diese Zeit zutiefst hasste. Das Lachen. Die vielen Menschen. Die Musik. Ihr Magen zog sich zusammen. Ein stechender Schmerz. Metall. Eine Trage. Schläuche. Nele riss den Blick zurück auf die Straße. Atme ein. Atme aus. Das Lenkrad war feucht von ihrem Schweiß. Sie tastete nach der Waffe neben sich. Die Kühle des Metalls in ihrer Hand.
Gestern hatte Nele eine Idee. Sie atmete tief und fühlte eine wärmende Hoffnung. Sie hatte Peters Lieblingsessen gekocht und ihr kurzes weinrotes Kleid, Peters Lieblingskleid, angezogen. Heute würde er sie sehen. Als er nach Hause kam, ging er wortlos und ohne sie eines Blickes zu würdigen in sein Arbeitszimmer. Er stellte seine Tasche in die Ecke, nahm eine andere und ging. Sie hörte nur noch, wie der BMW wegfuhr. Sehr langsam löste Nele sich aus der Erstarrung. Was war geschehen? Ihr Kopf schmerzte, ihre Brust schnürte sich zusammen. Aufgewühlt, wie sie war, lief sie in der Wohnung hin und her. Sie ging in Peters Arbeitszimmer und schaute sich um. Gab es hier etwas? Sie entdeckte sein Handy. Peter hatte es auf seinem Schreibtisch vergessen. Sollte sie nachschauen? Sie ließ sich auf den schwarzen Bürostuhl fallen und starrte auf die Glasplatte. Die Spannung wuchs, ihr Herz klopfte immer schneller. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und nahm sein Handy. Zum Glück kannte sie die PIN.
„Sehe dich Montag“, hatte Nele gelesen, „in den Weserterrassen, 11 Uhr. Zieh dich schick an! Heike.“
Es traf sie wie ein Schlag.
Nele spürte wieder die Wut und die Verzweiflung des Abends. Doch sie schluckte sie hinunter, die Erinnerung daran würde ihr jetzt nicht helfen.
„Du musst einen klaren Kopf bewahren. Durchdrehen hilft jetzt nichts“, versuchte sie, sich zu beruhigen.
Sie wusste, wo ihr Mann war. Sie fuhr den Dobben entlang, dann rechts hoch bis zum Osterdeich. Links abbiegen. Schnell halten. Motor laufen lassen. Beide erwischen. Noch einmal griff sie zur Sicherheit zur Waffe.
An diesem Abend befand sie sich im Auge des Tornados. Nele trank das erste Mal in ihrem Leben zu viel. Sie kippte das erste Glas Whisky in einem Zug hinunter und auch das nächste. Sie schüttelte sich, aber der Schmerz in ihrem Herzen wurde leiser. Betrunken schlief sie auf dem Sofa ein.
Heute Morgen wachte Nele mit einem heftigen Kopfschmerz und einer ausgedörrten Kehle auf. Im Badezimmer wusch sie sich das Gesicht. Sie sah in den Spiegel. Ihr Gesicht war aschgrau, und tiefe Schatten lagen unter ihren Augen. So saß sie in der Küche, trank ihren doppelten Espresso und kam langsam wieder zur Besinnung. Nele lauschte. Es war alles still.
Später hatte sie am Werdersee gestanden. Wut, Enttäuschung, Angst, Hilflosigkeit kochten über. Die Hitze war zu groß, sie konnte sie nicht mehr dämmen.
„Nein, das verdiene ich nicht“, hatte sie geschrien.
Schon wieder musste sie halten, diesmal an der Sielwallkreuzung. Robin Hood kreuzte hektisch ihren Weg, als ob der Sheriff von Nottingham höchstpersönlich hinter ihm her wäre. Na toll, jetzt liefen die Idioten mit ihren Kostümen auch hier schon herum.
„Mann, kannst du dich nicht beeilen!“, schimpfte sie laut und hupte ärgerlich.
Erschrocken drehte sich der Mann um, ausgestattet mit Pfeil und Bogen. Diese lächerliche Gestalt kam ihr bekannt vor. Nele sah genauer hin. Tatsächlich, es war Peter. Nele schaute auf ihre Uhr. Es war der 11.11., genau 11 Uhr 11 – Karnevalsanfang.
Heftig trat sie auf die Bremse. Was hätte ich beinahe … Schon krachte es. Ihr Hintermann war aufgefahren.
Wieder starrte Nele in den Rückspiegel. Sie sah ihre Augen – vor Entsetzen geweitet.

Iris Dalén lebt in Bremen.
Sie schreibt Kurzgeschichten für Erwachsene sowie Geschichten für Kinder.
In ihren Texten interessiert sie sich für prägnante Lebensmomente, lädt dazu ein, ihre Figuren näher kennenzulernen, und lässt den Leserinnen und Leser Raum für eigene Gedanken.
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