Wenn die Lichter nachschimmern

Ela Wey für #kkl60 „In den Rückspiegel“




Wenn die Lichter nachschimmern

Wieder bin ich auf dem Weg nach Hause. Der Asphalt glänzt von der Nässe, als hätte der Abend selbst geweint. Schnee gibt es im Winter schon lange nicht mehr. Die Leere der Straße spiegelt etwas in mir wider, das ich nicht benennen kann. Ich freue mich auf meinen Mann – aber Herkunftswurzeln sind etwas anderes. Als ich über die Brücke fahre, hängen Lichter wie kleine Versprechen in der Dunkelheit. Ein Rest von Weihnachtszauber, der schon fast wieder vergessen ist.

Im Rückspiegel schimmern die Lichter nach, und für einen Moment sehe ich nicht die Brücke, sondern das Geländer der alten Donaubrücke, über die wir so oft fuhren. Und dann ist da ein Gesicht, das längst nicht mehr hier sein kann – seines. Unter seiner grünen Wollmütze lächelt er mich an.
„Donaubruckn owa spuckn“, sagen wir gleichzeitig.
Ich höre seine warme Stimme in meinem Ohr.

Wie ferngesteuert nehme ich den Fuß vom Gaspedal.
„Nicht so schnell! Vorsicht!“, ruft mein Großvater lachend unter seiner Wollmütze.
Ich liebte das Schlittenfahren mit ihm. Immer wieder sauste ich den Hügel hinunter, jedes Mal ein bisschen schneller. Warm eingepackt in Großmutters selbst gestrickten Fäustlingen zog er mich später mit dem Schlitten nach Hause.

Die Regentropfen klopfen an die Scheibe, als wollten sie mich zurückholen. Der Scheibenwischer antwortet dumpf. Ich greife zum Radio und schalte es ein. Die ersten Töne aus den Lautsprechern sind warm, aber kaum hörbar – fast wie damals, wenn ich nachts aufwachte und das Radio im ersten Stock leise vor sich hin murmelte. Noch heute lasse ich nachts das Radio laufen. Seine Geborgenheit wacht über meinen Schlaf.
Es ist, als würden die Fahrgeräusche das Lied tragen, das er mir damals vorsang – „Muss i denn…“. Ein Lächeln breitet sich in mir aus, wie jedes Mal, wenn ich an diese Nacht denke.

Und dann gab es diese eine Nacht, in der ich wieder nicht schlafen konnte. Für Süßes waren wir beide zu haben – besonders für Großmutters Kuchen. Wie kleine Mäusediebe schlichen wir die Stufen hinunter, bedacht darauf, dass sie so wenig wie möglich knarrten. Unten angekommen lauschten wir einen Moment, ob die Luft rein war. Dann öffneten wir vorsichtig die Tür zum Kabinett, einer Mischung aus Speisekammer und Abstellraum.
Ich war so aufgeregt, dass ich mein Kichern kaum unterdrücken konnte.
Wir stibitzten jeder ein kleines Stück Kuchen und schlichen genauso leise wieder nach oben wie hinunter.

Heute denke ich, Großmutter muss mein Kichern gehört haben – aber ich weiß bis heute nicht, ob sie es damals mitbekommen hat.
„Das braucht keiner wissen“, flüsterte mein Großvater verschwörerisch.
Wie gut ich danach schlafen konnte. Alles, was mich vorher bedrückt hatte, war wie weggeblasen.
Was blieb, war unser Geheimnis.

Plötzlich flackert Blaulicht im Rückspiegel auf. Mit einem heulenden Gebrüll rast ein Polizeiwagen an mir vorbei. Früher gab es am Land noch die Gendarmerie. Mein Großvater grüßte sie alle – sogar den Holzpolizisten, der am Straßenrand stand, steif wie ein Pfosten. Jedes Mal musste ich lachen, und er tat so, als würde der Gendarm zurückgrüßen. Das war unser kleines Ritual, wenn er mich abholte.
Heute steht der Holzpolizist nicht mehr da – so wie er mich nicht mehr zu sich holt.

Die Heizungsluft im Auto macht mich durstig. Ich greife zur Wasserflasche und nehme einen großen Schluck. Doch was ich schmecke, ist nicht das Wasser, sondern die Limonade, die mein Großvater immer trank. Immer wenn ich in sein Reich, den Keller, hinunterging, bekam ich ein Glas davon. Seine Limonade – mit all den Geschmacksrichtungen: Ananas, Zitrone, Orange und, für mich, unbedingt Himbeere. Danach räumten wir Werkzeug um, und ich durfte ein paar Nägel ins Holz schlagen, während oben bei Großmutter schon das gemeinsame Mittagessen duftete.
Der Gedanke an ihre Küche lässt mir noch heute das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Ein lautes Magenknurren holt mich zurück in den Moment. Ich freue mich schon auf das Abendessen mit meinem Mann. Zum Glück ist es nicht mehr weit – auch wenn ich ewig in meinen Erinnerungen bleiben könnte. Früher hat mein Großvater nach dem Abendessen immer Äpfel für uns geschält und in Spalten geschnitten. Oft begleiteten Trompetenklänge aus dem alten Küchenradio die letzten Atemzüge des Tages. Manchmal sangen wir auch, so wie er einmal „Aus den blauen Bergen kamen wir“ angestimmt hat. Noch heute verbinde ich dieses Lied mit ihm.

Zum Glück ist direkt vor meiner Haustür ein Parkplatz frei, und ich stelle den Wagen ab. Ein Blick zum Küchenfenster zeigt mir, dass mein Mann bereits am Kochen ist. Mein Großvater mochte ihn immer sehr.
Ein letztes Mal für heute blicke ich in den Rückspiegel.

Ich weiß, mein Großvater war nicht immer perfekt. Fehler und Krankheit haben ihn verändert. Doch für mich bleibt er mein Held.
Manchmal denke ich, dass er irgendwo auf der anderen Seite auf mich wartet.
Heute aber erscheint mir sein Lächeln im Rückspiegel und sagt:
„Alles ist gut, Mädel. Schau nach vorn und mach weiter.“




Ela Wey lebt in Oberösterreich. Sie schreibt Lyrik und Prosa. Erinnerungen und leise Momente des Alltags stehen im Zentrum ihrer Texte. „Wenn die Lichter nachschimmern“ ist ihre erste Einsendung.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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