Die Suche nach dem Prinzen

Eva Kaufmann für #kkl60 „In den Rückspiegel“




Die Suche nach dem Prinzen

Das schmiedeeiserne Tor sah sie schon, als sie um die letzte Kurve bog. Die Siedlung, die sie umgab, schien sich mit jedem Schritt, den sie machte, zu verdichten, die Dichte der Häuser, die Dichte der Begrenzungsbüsche, die Dichte der neu gebauten Carports und alt hergebrachten Maschendrahtzäune im Rückspiegel und durch die Frontscheibe – all dies verdichtete automatisch den Druck in ihrem Herzen. Wollte sie sich wirklich auf die Suche machen? Jetzt wäre der beste Zeitpunkt um umzudrehen, jetzt könnte sie noch unauffällig daran vorbeispazieren und so tun, als wäre nichts gewesen, ihn an anderer Stelle suchen… Und dennoch. Das schmiedeeiserne Tor schien sie zu wittern, schien die Grundsequenz ihrer DNA zu kennen und sie, als hinge sie an einer Angelschnur, immer näher an sich zu ziehen. Manches lässt sich nicht leugnen: Schmiedeeiserne Tore ziehen Grenzen. Sie grenzen die Realität, den Alltag, die Normalität, die außen vorbeifließen, vom all dem, was innerhalb der Grenzen passiert, ab. Sie sind eine Barrikade, in diesem Fall eine Barrikade, die sie einmal überwunden und sich immer gewünscht hatte, ihr nie wieder nahe kommen zu müssen.

Nun war aber der Moment gekommen. Eisig fühlte sich die schmiedeeiserne Klinke an, Kälte waberte durch die geschwungenen Torelemente, Frost setzte sich in ihrem Herzen ab, als wäre sie nie weg gewesen. Und doch ging sie weiter, überwand die Barrikade und stürzte sich gleichermaßen in grimmige Erinnerungen. Bereits die Rosenbüsche, die immer noch in Reih und Glied, auf den Zentimeter vermessen wie Zinnsoldaten akkurat in einer Reihe standen und trotz ihrer Blütenpracht keine Freude im Herzen aufkommen ließen, erinnerten an Zucht und Ordnung, die damals in diesem Haus das oberste Gebot gewesen waren. Nicht einmal jetzt, wo alles seit Monaten leer stand, getraute sich das Unkraut, die streng gezogene Grenze zwischen Rasen und Rosenbeet zu überqueren, was könnten denn die Nachbarn denken?

Sie folgte der Auffahrt, ließ das Haus links liegen, obwohl es in ihr beißende Erinnerungen hervorrief: Ein Puppenhaus, mit dem nicht gespielt werden durfte, weil nur so die Ordnung der Sesselchen und Püppchen aufrecht erhalten werden konnte. Ein Bücherregal, in dem die Bücher nicht nach Thema, Autor oder Alphabet geordnet werden durften, sondern nach Größe und Farbe der Buchrücken. Eine Familie, die sich nach außen hin erfolgreich und zufrieden präsentierte, in deren Inneren aber Verzweiflung und Selbstzerstörung auf der Tagesordnung stand. Die Außensicht ist alles, was zählt. Was könnten denn die Nachbarn denken!

Nun, wenn sie die Nachbarn nun sehen könnten, wenn sie sie durch die nahen, mit Vorhängen verhängten Fenster beobachteten, was würden sie sehen? Eine Erbin, die ihr neues Domizil besichtigte? Bei diesem Gedanken musste sie schmunzeln, trotz der bitteren Kälte, die sich immer mehr in ihr festgesetzt hatte. Erbin? Neues Domizil? Sie würde nie wieder einen Fuß hinter diesen schmiedeeisernen Zaun setzen, nie wieder an die Zinnsoldaten-Rosen denken und auch nicht an die Frau, die hier bis zuletzt gewohnt hatte. Sie wollte nur noch ihren Prinzen suchen, finden, und der war am Ende des Gartens zu finden, so hoffte sie zumindest. Würde er noch da sein? Oder war auch er dem Ordnungswahn und der engstirnigen und uneinsichtigen einstigen Hausherrin zum Opfer gefallen? Getraute sie sich überhaupt noch, dies herauszufinden?

Unschlüssig blieb sie stehen, betrachtete ihre Schuhspitzen, scharrte mit dem Absatz ein wenig an den peinlich genau verlegten Pflastersteinen der Auffahrt. Und da! Sie konnte es kaum glauben. Da, zwischen ihren Schuhspitzen, noch ganz klein aber doch sichtbar, wagte es ein aufmüpfiges Unkraut, seine grünen Ranken durch die Fugen der Pflastersteine zu schieben. War das ein Zeichen? War das sein Zeichen, dass sie ihn weitersuchen sollte, dass sie den Mut haben sollte, weiterzugehen? Seine Botschaft an sie?

Sie raffte sich auf. Das Pflänzchen hatte ihr Mut gemacht, Mut weiterzugehen, Mut, die Kälte, sie sie umgab, zu ignorieren und so stahl sie sich an den Erinnerungsfetzen vorbei und drang immer tiefer in den Garten ein, das Haus völlig hinter sich lassend. Dort erwartete sie ein Bild des Grauens. Nichts war mehr so, wie es einmal war. Die sechzig Jahre alte Fichte, unter der sie die Hauskatze begraben hatten – abgeholzt. Das Wirtschaftsgebäude, an dem der Efeu hinaufgewachsen war und in dem sie als Kind gespielt hatte – renoviert und mit einem knallroten Aluminiumdach versehen. Der Gemüsegarten, der einst liebevoll bewirtschaftet worden war und in dem sie ihren ersten Salatkopf geerntet hatte – begradigt und als Wiesenparzelle angelegt, Golfrasen ähnelnd.

Fast wollte sie der Mut verlassen. Aber dennoch schleppte sie sich in die südöstlichste Ecke des Grundstückes, fast um sicherzugehen, dass auch ihr Rudolf dem Begradigungswahn nicht entkommen war. Er, der sie als Kind getragen hatte, er der ihre Rückzugsmöglichkeit, ihr Anker, ihr fester Halt gewesen war. Er, auf dem sie Bücher gelesen hatte, auch heimlich, wenn die Lektüre ihrem Alter nicht angemessen schien. Er, dem sie ihre geheimsten Gedanken, Wünsche und Träume anvertraut hatte, weil sie bei ihm sicher sein konnte, dass er nichts ausplaudern würde. Vorsichtig blinzelte sie, als ob ihre Wimpern ihr die Sicht verstellen könnten, als ob allzu jähe Bewegungen ihn vertreiben könnten. Und tatsächlich, außerhalb der unerträglichen, präzise gestutzten unkrautfreien Golfrasenidylle war hier wirklich etwas. Ein Etwas, das dem in ihrer Vorstellung zwar nur noch wenig ähnelte, aber dennoch Erinnerungen weckte. Sie näherte sich langsam, als ob sie ihn nicht verscheuchen wollte, als ob sie Angst hätte, auch seine Überreste noch zu verlieren. Und da war er, sie stand direkt vor ihm und erschrak: Er war zwar nur noch ein mickriges Abbild seiner Selbst, aber noch erkennbar, der Halt ihrer Kindheit, die Stütze ihrer Jugend, ihr Kronprinz Rudolf, der Apfelbaum, der ihre Zufluchtsstätte gewesen war, in jeder Lebenslage. Sie hätte sich einen anderen Anblick erwartet, als der, der sich ihr bot. Ein dunkelbrauner, fast schwarzer verrotteter Baumstumpf, an der Wetterseite mit Moos bewachsen, wartete darauf, dass ein mitleidiger Zeitgenosse sich seiner erbarmte, ihn endgültig ausgrub und ihn erlöste. Die elendigen Überreste des einstig mächtigen und stolzen Apfelbaumes machten sie traurig und wütend zugleich, traurig um die verloren geglaubte idyllische Insel, wütend auf die Verursacherin dieser Baumruine.

Sie kniete sich neben den Baumstumpf und verlor sich in Erinnerungen, ihr Blick schweifte ab und traf auf etwas, das ihre Aufmerksamkeit wieder in die Realität lenkte. Versteckt, hinter zwei verschlungenen, verstümmelten, einstmals mächtigen Stämmen wuchs etwas. Etwas Frisches, Lebendiges, etwas, das von Begradigungs- und Verstümmelungswahn verschont geblieben war: Ein Setzling, ein Prinzchen Rudolf, ein Abkömmling ihres Kronprinzen war noch übrig und er schien frisch, gesund und kräftig zu sein. So stark, dass er eine Reise in ihren eigenen Garten überleben könnte? Kurzerhand grub sie ihn mit ihren Händen aus, es war ihr egal, was die Nachbarn davon denken würden, egal, dass ihre manikürten Nägel verdreckt wurden und die Erde sich unter ihren Fingernägeln absetzte. Vorsichtig hob sie ihren kleinen Apfelbaum aus der Erde und wickelte ihn in ein Taschentuch.

So verschwanden die Erbin und ihr Kronprinz aus dem pedantisch gestutzten, geometrischen Garten und kehrten nie wieder. Ihr letzter Blick in den Rückspiegel war kurz – ihr Blick in die Zukunft freudig.




Eva Kaufmann (Pädagogin, Journalistin, Wissenschaftlerin)

Eva Kaufmann, Spezialistin für SchülerInnen und deren Leseverhalten, beschäftigt sich in ihren vielfältigen beruflichen Tätigkeiten, neben der Schule, auch mit der Welt der Medien. Hauptsächlich versucht sie, ihre Liebe zu Italien, zur italienischen Sprache und generell zur Sprache und zu Texten weiterzugeben. Privat liegt ihre Leidenschaft bei Büchern und Reisen, die sie durch ausführliche Fotostrecken dokumentiert.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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