Feldwege

Annette Ody für #kkl60 „In den Rückspiegel“




Feldwege

Auf dem Feldweg lagen Steine. Es war ein kleiner Feldweg, den ich mit meinem alten Auto als Abkürzung nehmen wollte. Oh, ich schalt mich innerlich. Wie konnte ich nur diesem Impuls folgen, eine Abkürzung zu nehmen? Der Weg war sandig, der Boden weich. Viele Fahrzeuge, vermutlich vor allem Traktoren, hatten ihn in drei Spuren geteilt: zwei tiefliegende, sandige Hohlkehlen für die Reifen, und in der Mitte ein fortlaufender Hügel. Und in allen drei Spuren lagen Steine. Meist Kiesel, kleinere  Gesteinsbrocken und auch größere Felsstücke. Hie und da ein paar durchsetzungswütige Baumwurzeln. Und es hatte geregnet. Bei jedem Hüpfen meines Autos über Wurzelwerk oder über eine größere Steinansammlung, landete das liebe Gefährt auf dem Bauch, sprich auf dem Chassis. „Ja, ich weiß“, sagte ich zu meinem Auto, „ du als älteres Auto nimmst mir so etwas übel. Ich fahre mal ganz langsam.“ Ich wusste es. Ein VW ist immer ein freundlicher Lebenspartner und macht alles mit, aber er rostet. Rostet vom Boden an langsam und bereitwillig nach oben hin durch. Gut ist, wenn er den Halter überlebt und dieser vor ihm verschrottet wird. Dann hat er, der VW, eine Chance, restauriert zu werden, denn VW ´s haben die Eigenschaft, dass sie sehr schnell zu Antiquitäten klassifiziert werden und liebhabende Sammler für sich auftun. Ich wusste, die Bodenfreiheit ist bei einem alten VW  begrenzt, und wenn der Wagen dauernd aufsetzt, wie meiner jetzt, dann schrammt die Auspuffanlage über den steinigen Sandboden des hoch gewölbten Mittelstreifens unserer Abkürzung. Mit angespannten Mundwinkeln, nahm ich beim Fahren jetzt öfters das dumpfe Scheppern wahr, manchmal ein metallisches Kratzen, je nachdem, welcher Teil gerade auf den Feldweg aufpoppt.

Nein, ich bin keine gute Autohalterin, ich habe keinen Unterbodenschutz machen lassen. Und ich fürchtete, dass er da unten jetzt Risse bekommt oder sich an einer Wurzel festzurrt, wahlweise an einem spitzen Stein stößt. Bei diesem Gedanken sprach ich, während  mein Fahrzeug mit mir dahin holperte, laut das Satzglied: „am spitzen Stein stoßen“. Ich wiederholte es mehrmals und formte das SP und ST sehr scharf, mit der Zunge an die vorderen Zähne gedrückt, so, wie es Bremer eben sprechen: „am Spitzen Stein stoßen“.

Ich bin Bremerin und musste mir das „ sp-itzen St-ein  sp- rechen“ früher, in sehr jungen Jahren, bewusst abgewöhnen. Damals bekam ich eine Anstellung im Bayrischen Frankenland als Schwesternhelferin in einem Lehrkrankenhaus. Ich mischte mich oft unter die anderen Mädels, die dort als Schwesternschülerinnen ihre Ausbildung machten.

„Ich kann deine Aussprache nicht leiden“, sagte mir eine, die mir ohnehin meist unfreundlich begegnete. Ich sprach sie einmal darauf an, weil mich das betrübte. Da kam es heraus, direkt und ohne jedes Polster: „Ich kann deinen norddeutschen Dialekt einfach nicht ausstehen.“

Ich war sehr jung damals und konnte das nicht einordnen. Aber ich begann, meine spitz gesprochenen St- und Sp-Worte weicher zu formen. Ich wollte ja Freunde haben und nicht anstoßen.

Es war eine merkwürdige Anpassungsleistung, der ich damals nichts entgegen zu setzen hatte, weil ich noch immer etwas zu kindlich war und ohne Arg und das auch emotional nicht begreifen konnte, was mir da entgegen geschleudert wurde. Also übte ich weiches St- und SP- sprechen und übte mich auch etwas im Fränkischen, was mir bis heute aber nicht gelingen will. 

Während ich über den Feldweg rumpelte, tja… meine großartig geplante „Abkürzung“,… und mir mein Auto mit jedem Aufsetzen am Unterboden  mit dem Zusammenbruch drohte, schob sich mir eine alte Erinnerung aus dem Dienst als Schwesternhelferin vor die Augen.                           

Ohne Vorwarnung traten die Bilder auf. Mit einer Wucht, die mich fast körperlich traf, stand plötzlich das Gesicht von Frau Kutta vor mir, als wäre es erst gestern gewesen.

Sie lag damals allein in einem Dreibettzimmer. Die Lampe über ihrer Tür im Flur brannte, ein stilles, unmissverständliches Zeichen: Sie hatte den Hilfeknopf gedrückt, jemand sollte kommen.

Ich war als Schwesternhelferin offiziell zuständig für Kloschüsseln, Waschwasser, Betten und Fieberthermometer. Und doch hatte ich oft über die Mittagsstunden Dienst, zusammen mit einer Schwesternschülerin im dritten Lehrjahr. Zwei Stunden, in denen wir beide versuchten, gleichzeitig unsichtbar und aber doch nützlich zu sein. Es hatte Ruhe zu herrschen. Pause. Schichtwechsel.

Die Erinnerung kam so heftig, dass ich den Wagen anhielt. „Du brauchst jetzt mal eine Verschnaufpause“, sagte ich zu meinem Gefährt. Es schien dankbar zu sein, röchelte aber noch nach dem Abschalten vorwurfsvoll weiter: Der Kühlmotor lief.

„Die 23 klingelt“, sagte meine Kollegin. „Geh du mal, ich muss in 17 eben neu machen.“

Ich ging also zu Zimmer 23. Frau Kutta saß halb aufgerichtet im Bett, den Oberkörper mühsam abgestützt und rang nach Luft. „Ich… keine… Luft…“, brachte sie hervor, abgehackt und mit großer Anstrengung.

„Ich hole den Arzt“, sagte ich, eher mehr als eine erschrockene Reaktion denn ein Entschluss und lief zum Schwesternzimmer. Dort griff ich zum Telefon, meldete den Notfall, und der diensthabende Arzt sagte, er würde sofort kommen. Das ging schnell mit der Meldung. So hatte ich das gelernt, falls etwas in der Mittagspause passieren sollte.

Dann lief ich zurück zu Frau Kutta. Sie schnaufte, suchte nach Atemzügen, die nicht kamen. Es war ein physikalischer Vorgang, der nicht mehr funktionierte. Ich beugte mich nah an sie heran. „Der Arzt ist unterwegs. Sie bekommen gleich Hilfe.“

Sie schüttelte leicht den Kopf. „Ich… weiß,… dass ich … sterbe“, sagte sie langsam, nach Luft ringend und abgehackt .

„Nicht doch“, sagte ich. Und ich nahm ihre Hand, oder ich glaube heute, dass ich es tat. Ganz sicher bin ich aber nicht.

Doch hier, in meinem Auto, das noch immer mit laufender Kühlung auf dem Mittelhügel dieses Feldwegs im Schleswig-Holsteinischen Niemandsland steht, zeigt mir die Erinnerung ein klares Bild: Dass ich ihre Hand nahm.

Während ich so da saß und darüber nachdachte, ob ich Frau Kutta damals beim Sterben die Hand gehalten hatte oder nicht, verhakte sich die Erinnerung in meinem Bewußtsein. Ich schaute aus dem Fenster.

Vor mir lagen kahle Felder, endlose Reihen von Maisstoppeln, die wie abgebrochene, kurze Pfähle aus dem Boden ragten. Die Landschaft war karg, abgeerntet und  erschöpft. „Es ist jetzt der Sommer vorbei“, sagte ich laut und kurbelte das Fenster herunter. Ein Schwall kühler Luft drang herein, roch nach feuchter Erde und dem nassen Sand unter mir und nach nichts weiter.

Noch einmal sagte ich: „Jetzt ist der Sommer vorbei.“ Doch mein Gedanke blieb bei Frau Kutta hängen und bei dieser Frage, die sich nicht klären ließ: Hielt ich ihre Hand  oder nicht?

Mein Blick folgte den Reihen der Maissoppel. Sie liefen schnurgerade in die Ferne, bis sie sich weit hinten mit dem Horizont zu verschmelzen schienen. Links und rechts dasselbe Bild: Öde, flache Weite, ein Landstrich ohne jede Ablenkung. Hier hatte man die Natur auf das Nötigste reduziert: Felder, Stoppel, Himmel.

Ich versuchte, im Denken weiter zu kommen: Es ist ja egal, ob ich Frau Kutta die Hand gehalten hatte, oder nicht. War es egal? Wir warteten in diesem Totenzimmer beide mit ihrer jeweiligen inneren größten Not auf den rettenden Arzt. Die Zeit war wie abgeschaltet und ich war mit der sterbenden Frau Kutta alleine. „ Ich…sterbe .. jetzt…“, hörte ich sie pressend flüstern. Da begann ich etwas zu sprechen. Ich weiß noch, dass ich etwas himmlisches sagte. Und ich weiß noch genau, dass ihr Gesicht zu leuchten begann. So wahr ich hier mitten in dieser Öde zwischen den ermatteten Feldern im Auto fest sitze! Das war so!

Ich sehe sie noch vor mir, klar und deutlich in ihrer Atemnot, wie sie mir zuhörte und dann flüsterte: „ das.. hat.. mir .. noch .. kein …Mensch.. gesagt“. In dem Moment kam der Arzt und schickte mich, die andere, die Schwesternschülerin dazu zu holen. Ich ging aus dem Zimmer. Und in diesem Moment, als ich die Klinke des Krankenzimmers los ließ, hatte ich vergessen, was ich der Frau Kutta denn gesagt hatte? Ich weiß es bis heute nicht. Weiße, helle, blanke Erinnerungslücke. Was hatte ich gesprochen?  Ich weiß einfach nicht mehr, was da über meine Lippen gekommen ist. Ich könnte jetzt bis zum Horizont dahinten und wieder zurück darüber nachgrübeln: „Ich weiß es nicht mehr! Auch nicht, ob ich ihre Hand nun gehalten habe, oder nicht!

Inzwischen hatte der Motor der Kühlung aufgehört zu dröhnen und es war still. Ich kurbelte jetzt auch das  Fenster am Nebensitz herunter. Der Luftzug tat gut und ich atmete tief ein. Dann dachte ich an Frau Kutta. „So eine Stärke! Das so klar zu äußern, fast sachlich, dass man jetzt sterben werde“. War das Stärke? Oder war das eine einfache klare, letzte Feststellung, die sie äußerte in diesem Zustand? Ein Zustand, den kein Lebender nachvollziehen, geschweige denn, einschätzen oder beurteilen kann. Ich schaute über die Maisstoppel hinaus in die Ferne. Da war noch nicht mal eine Wolke am Himmel. Dann fiel mein Blick in den Rückspiegel meines Autos. In ihm spiegelte sich ein größerer Vogel, der mit ausgebreiteten Schwingen in der Spirale eines Aufwindes ganz oben in der Luft kreiste.

Ich ließ den Motor wieder an und fragte mich, nein, ich wusste, dass auch die Ölwanne bei meinem  Fahrzeug nicht gerade hochbeinig eingebaut ist. „Es genügt hier jetzt ein scharfkantiger Stein, ein harter Wurzelknubbel und schon muss ich jemanden rufen, der mich abschleppt“, dachte ich beim Anfahren.




Annette Ody , geboren in Bremen 1952, 

Meisterprüfung im Keramiker-Handwerk

Mitarbeiterin im Team der Officine Luigi Colani

Studium Kunst- und Literaturwissenschaften/ Uni Osnabrück

M.A. Kunst-und Literaturwissenschaften

Fachschulrektorin der Staatlichen Schulen für Keramik in Landshut/Bay

Nach Renteneintritt 2019 bis heute: 

Lehrkraft für Kunst- und Kunstgeschichte in der Oberstufe der 

GmSmO/Gemeinschaftsschule Kellinghusen






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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