Nachtfahrt

Eline Menke für #kkl60 „In den Rückspiegel“




Nachtfahrt

Die Welt fährt an, ich bin noch wach,

erzähle drauflos von meiner Nacht

und wie es war zu schwitzen.

Leder ist kein Löschpapier,

sagt der Fahrer beim Stichwort Schweiß,

wirft mir im Rückspiegel

einen trockenen Blick zu,

den ich als Handtuch verwende.

*

Viereurosiebzig

     *

Oder habe ich mich verhört?

Meine Ohren sind wund

und ich wünsche mir

eine Stimme als Pflaster,

die kühlt und heilt.

*

Sechseuroneunzig

*

Fahren Sie, habe ich an der

Uferstraße gesagt,

nichts weiter. Ich habe kein Ziel.

Häuser ziehen vorbei,

neben mir spüre ich einen zarten Hauch,

es ist nur ein Schatten aus dem Club, ich werfe

ihn aus dem Fenster,

Vögel picken ihn auf.

Wie sich die Straßen krümmen,

einen Bogen machen

um die Bedeutung der Nacht.

Im Seitenfenster scherrt das Licht aus,

meine Augen bekommen nichts Konkretes zu fassen,

ich ziehe sie zurück in den Innenraum.

*

Neuneurozehn

*

In der Seitenablage finde ich einen Kugelschreiber,

ich male meine Armbeuge aus,

es gibt so viele leere Stellen

auf meiner immer noch

tanzenden Haut.

Ich habe alle Hände voll zu tun,

aber der Fahrer sieht arbeitslos aus, bewegt sich kaum.

Ich hätte nicht gedacht,

dass ich heute Nacht noch denken könnte,

wie es anders wäre,

aber ich bin kein Gedankenleser.

*

Elfeurodreißig

*

Ich will, dass er reagiert,

 drücke mit meinen Knien eine Beule

in seinen Fahrersitz,

 eine Rückenbohrung nach Kinderart.

Meine Kraft lässt schnell nach,

seine Robustheit lässt sich nicht in Worte fassen.

Wie kann ich dieses Fahrzeug mit Energie aufladen,

damit der Treibstoff für meine Träume reicht?

*

Dreizehneurofünfzehn

*

Ich singe, so laut-leise-laut,

meine Melodie ist schräg, im Kopfkiosk gekauft.

Irgendwie macht es mich an,

wie er mit seinem Schweigen spielt,

so ohne Achsel- und Wimpernzucken,

wie ferngesteuert

 und doch vertraut.

*

Vierundzwanzigeurofünfzig

*

Jetzt setzt er den Blinker, zeigt

die Richtung meiner Gedanken an,

die ich selbst nicht kenne.

Ich starre auf Ohren und einen Hals,

auf dem nichts wächst,

nur meine Lust auf Nackenhaut.

Was soll nach dieser Fahrt noch kommen?

Es fällt mir nicht ein.

*

Achtundzwanzigeuroneunzig

*

Er wirft mich raus.




Eline Menke, * 1956, lebt in Rheda-Wiedenbrück, Studium der Slavistik, Germanistik, Sozialwissenschaften. Promotion 1987. Veröffentlichungen in Literaturmagazinen wie Am Erker, DAS GEDICHT, Dichtungsring, Die Sentimentale Eiche, Die Geste, erostepost, etcetera, Poesiealbum neu, Tentakel und Wortschau sowie in zahlreichen Anthologien. Mehrere Literaturpreise, zuletzt Jurypreis der Gruppe 48 e.V., 2025, und Preisträgerin beim Landschreiber-Literaturwettbewerb 2025. Einzeltitel zuletzt: Nichts ist immer still. Gedichte, edition offenes feld, Dortmund, 2025. Mitglied der GZL.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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